Multiresistente Keime: Risiken nicht durch, sondern für Flüchtlinge

Gesundheitspolitik Autor: Heike Dierbach

Flüchtlinge besser versorgen und unterbringen. © picture alliance/dpa

Asylbewerber sind häufiger Träger resistenter Erreger. Doch die bringen sie selten von zu Hause mit, sondern erwerben sie vielmehr in Transit- und Gastländern. Bessere Unterkünfte sind daher dringend vonnöten.

Im April gab die AfD Schleswig-Holstein eine Pressemeldung heraus und warnte vor „dem Einschleppen todbringender Krankheiten“ durch Flüchtlinge. Anlass waren 29 Fälle von multiresistenter Tuberkulose im Kreis Segeberg. Aber welche Auswirkungen hat Migration tatsächlich auf Resistenzen – und besteht Übertragungsgefahr?

Ein aktueller systematischer Review hat diese Fragen wissenschaftlich untersucht. Es zeigte sich: Flüchtlinge sind zwar häufiger Träger multiresistenter Erreger (MRE). Doch diese stammen nicht aus den Herkunftsländern – und ein erhöhtes Risiko für die einheimische Bevölkerung besteht nicht.

Das Team um Dr. Laura Nellums vom Department of Medicine am Imperial College in London analysierte 23 Studien, die sich mit Antibiotikaresistenzen bei 2319 Teilnehmern befassten. 77 % davon waren Asylsuchende oder Flüchtlinge. Unter ihnen ermittelte man eine gepoolte Prävalenz für MRE-Befall oder -Infektion von 33 %. Dies lag deutlich über der Trägerrate der einheimischen Bevölkerung, die nach Schätzungen bis zu 10 % beträgt. Bei anderen Migrantengruppen der Studie waren es 6,6 %.

Keine Übertragung auf die einheimische Bevölkerung

Doch die Erreger stammten zum großen Teil nicht aus den Herkunftsländern, das konnten die Untersucher anhand der Bakterienstämme feststellen. Vielmehr hatten die Flüchtlinge sie während ihrer Reise nach Europa erworben oder sogar erst hier aufgrund der beengten Verhältnisse in den Sammelunterkünften. Für eine Übertragung auf die einheimische Bevölkerung fanden die Autoren keine Hinweise: „Hier gilt es, ein Stigma für die Betroffenen abzubauen.“

Eine Besiedelung mit einem Erreger bedeutet in den allermeisten Fällen auch noch keine Gefahr. „Solche Resistenzraten stellen immer nur eine Momentaufnahme dar“, sagt Professor Dr. Christoph Lübbert von der Infektions- und Tropenmedizin am Universitätsklinikum Leipzig. „Die meisten Besiedelungen gehen von allein wieder weg.“ Nach einem Jahr sind Studien zufolge rund 90 % der Betroffenen wieder MRE-frei. Problematisch werden die Erreger erst, wenn ein Betroffener ins Krankenhaus muss, also selbst geschwächt Kontakt zu anderen abwehrgeschwächten Patienten hat. „Hier sollte immer ein gezieltes Screening stattfinden, angepasst an das Risiko dieser Gruppe“, rät Prof. Lübbert. Das gilt aber ebenso für deutsche Risikogruppen wie etwa Bewohner von Seniorenheimen. Die Zuwanderung spiele schon eine Rolle bei der Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen von Süden nach Norden. Prof. Lübbert: „Das muss man wissenschaftlich offen diskutieren.“

Appell: Flüchtlinge besser versorgen und unterbringen

Doch es gebe eben noch weitere Faktoren. „Der deutsche Bürger, der seinen Urlaub in Indien verbringt, hat ebenfalls ein erhöhtes Risiko, resistente Erreger von dort mitzubringen.“ Aktuelle Untersuchungen beziffern diese Gefahr auf bis zu 90 %.

Die Autoren des Reviews schließen mit einem Appell, Flüchtlinge besser zu versorgen und unterzubringen. Auch Prof. Lübbert hält dies für sinnvoll, um die Weitergabe von Erregern innerhalb von Migrantengemeinschaften einzudämmen. „Eine Schuldzuweisung hilft hier nicht weiter.“ Eine Dramatisierung erschwere es nur, die notwendigen Maßnahmen zu identifizieren. „Deshalb sollte man in der Bewertung von Risiken durch Erreger grundsätzlich Maß halten.“

Quelle: Nellums LB et al. Lancet Infect Dis 2018, online first