Patienten mit Informationen fehl- und überversorgt

Autor: Cornelia Kolbeck, Foto: thinkstock

Ein informierter und mit ausreichenden Rechten ausgestatteter Patient kann Arzt, Krankenkasse oder Apotheker auf Augenhöhe gegenübertreten, meint das Bundesgesundheitsministerium. Der Patient kann den Arzt aber auch ziemlich unter Druck setzen.

„Die gute alte Zeit der Arzt-Patienten-Beziehung, wo der Arzt noch Herr des Wissens und der Kommunikation war“, ist vorbei, bringt es Dr. Ilona Köster-Steinebach vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) auf den Punkt. Sie beschreibt einen Wandel vom gleichgültigen und arztgläubigen Patienten hin zum arztkritischen, der gern auch zum Co-Therapeuten wird.

Immer die Patienten fragen, ob sie alles verstanden haben

Dreh- und Angelpunkt bleibt zwar auch künftig das Arzt-Patienten-Gespräch, ist Dr. Köster-Steinebach überzeugt. Doch die Erwartungshaltung der Patienten ändert sich. Ein Grund ist, wie Susanne Mauersberg, ebenfalls vzbv, erklärt, dass das Internet mit interaktiven Kommunikationsmöglichkeiten, z.B. über Foren, virtuelle Praxen oder Gesundheits-Apps für Tablet und Smartphone, eine gigantische Menge an medizinischen Informationen bietet. Transparenz und Qualitätskontrolle gibt es dabei kaum, kritisiert sie. Mauersberg fordert deshalb „die Bereitschaft der Ärzte zur partizipativen Entscheidungsfindung“.

„Wir sind froh, informierte Patienten zu haben; es kann aber auch eine Last sein, wenn ein Patient falsch informiert ist oder zu viele Informationen mitbringt“, berichtet der Hausarzt und Ex-KBV-Vorstand Dr. Carl-Heinz Müller. Er meint, dass 20 bis 25 % der Patienten zum Co-Therapeuten werden. Bei 1500 Patienten, die die Praxis pro Quartal betreue und der Tatsache, dass 65 % der Patienten vor dem Arztbesuch im Internet recherchierten, sei das Informationsbedürfnis der Patienten ein Problem.

Laut Dr. Müller erwarten sie eine Webseite der Praxis, die elektronische Terminvergabe, Telemedizin und Videosprechstunde. „Wir haben in den Praxen dafür nicht immer Zeit“, so der Arzt. Zugleich macht er deutlich, dass sich der Patient mit diesem Argument künftig nicht zufrieden geben wird.

Der Allgemeinarzt aus Trier rät seinen Kollegen, belesen und internetaffin zu sein und ihr Team einzubeziehen. Man solle sich ggf. auch nicht scheuen, dem Patienten zu sagen, dass man zu seinem Vorschlag erst einmal etwas nachlesen muss. Für ganz wichtig hält Dr. Müller auch: „Fragen Sie immer nach, ob der Patient alles verstanden hat, was im Sprechzimmer gesagt wurde, sonst sucht er später im Internet.“

Dr. Müller hat auch schon gemeinsam mit Patienten im Netz recherchiert. Er ist offen dafür, Infos und Adressen, aber auch Therapieformen, von denen er zuvor noch nichts gehört hat, in die Praxis aufzunehmen.

Nachzufragen, ob alles verstanden wurde, hält auch Professor Dr. Manfred Schedlowski vom Institut für Medizinische Psychologie am Uniklinikum Essen für wichtig, denn „50 % der Patienten verlassen die Praxis, ohne zu wissen, was der Arzt gesagt hat“. Er macht anhand diverser Beispiele deutlich, dass die Erwartungen von Patienten sehr stark durch die Kommunikation des Arztes beeinflusst werden können. „Die Erwartung, die man induziert, wirkt auf das Ergebnis“, sagt er.

Gehen Ärzte, die App-Daten ignorieren, ein Risiko ein?

Laut Dr. Markus Müschenich, Vorstand des Bundesverbandes Internetmedizin, sind 30 % der über 70-Jährigen „Onliner“ und jeder zweite Arzt ist ein „Digital Native“. „Wir haben keine Chance zu sagen, wir nutzen dieses Werkzeug nicht“, ist der Kinderarzt und Gesundheitswissenschaftler überzeugt. Er warnt zudem davor, Informationen, die der Patient in die Praxis mitbringt, zu ignorieren.

Dr. Müschenich schätzt, dass es im Jahr 2020 50 Mio. medizinischer Sensoren geben wird, die Daten aufzeichnen – von der Zahnbürste bis zum Herzfrequenzmesser. Schon jetzt gibt es Apps, die von der US-Kontrollbehörde FDA zertifiziert sind. Stirbt ein Patient, der seinem Arzt zuvor seine Werte aus einer solchen App vorgelegt hat und der Arzt hat diese nicht beachtet, können sich daraus rechtliche Konsequenzen ergeben, ist Dr. Müschenich überzeugt. Er rechnet in den kommenden zwölf Monaten mit den ersten Klagen gegen Mediziner.


Kongress „Apple, Google & Co.: Wie die zunehmende Digitalisierung Ihren Praxisalltag verändern wird“, Berlin, Veranstalter: Berlin-Chemie AG