Praxissoftware-Schnittstelle für Selektivverträge: Happy-End nach Hickhack?

Gesundheitspolitik Autor: Jost Küpper

Große Koalitionen sind keine Liebesheiraten. Eine solche Zweckehe könnte jetzt zwischen KV-Gewaltigen, Hausarztfunktionären und Medi-Leuten entstehen. Die Basis: Bloß keine IT-Schnittstelle, die Kassen ein Einkaufsmodell erlaubt.

Am 23. Februar trifft sich in Berlin die Arbeitsgemeinschaft KV-Telematik (ARGE) zu einer Gesellschafterversammlung. Gesellschafter sind alle KVen (außer der hessischen) und die KBV. Zu den KV-Telematikern stoßen Abgesandte von Medi, des Deutschen Hausärzteverbandes (DHÄV) und dessen Dienstleistungstochter HÄVG.

Sie wollen eine einheitliche „integrative, standardisierte Schnittstelle für Selektivverträge“ politisch auf den Weg bringen. Dass ist erstaunlich, ging man sich doch bislang in dieser Angelegenheit eher an die Gurgel. Diese angepeilte Koalition ist keine Hochrechnung, sondern eine begründete Hoffnung. Sie kommt von Dr. Gunter Hauptmann, KV-Chef im Saarland und Vorsitzender der KV-Telematik ARGE.

Der „Kassentrojaner“ – klingt schräg, zieht aber

Schwerpunkt der ARGE ist die Suche nach nutzbringenden, sicheren und kostengünstigen IT-Diensten und -Dienstleistungen für die KVen. Das hört sich technokratisch an und wäre es auch geblieben, wenn nicht 2011 der „Kassentrojaner“-Vorwurf von DÄHV und Medi aufgekommen wäre. Seitdem erklärt Dr. Hauptmann seinen Kollegen, was „Schnittstelle“ bedeutet, warum der Trojaner-Vorwurf Blödsinn ist und wie es zum vertragsarzt­internen Hickhack in Sachen Praxiscomputer und Online-Anbindung kam. So auch jetzt in Dortmund in der Vertreterversammlung der KV Westfalen-Lippe.

Schnittstellen müssen definiert werden. Für die Praxissoftware macht das z.B. die ARGE, aber auch die Gevko, der Geschäftsbereich „Gesundheit, Versorgung, Kommunikation“ der AOK. Laut Dr. Hauptmann hatten Software-Hersteller die Idee, ARGE und Gevko zu verbinden, um überflüssige Doppelentwicklungen zu vermeiden. Das geschah bis zu einem „letter of intent“.

Dann kam der Ruf vom „Kassentrojaner“ – und als Retourkutsche die Frage, ob DHÄV und Medi den Trouble nicht nur machen, um den vergleichbaren „gekapselten Kern“ der HÄVG vor Konkurrenz zu schützen. Mittlerweile ist man von gegenseitigen Schuldzuweisungen abgekommen. Man hat erkannt, dass die Gevko-Schnittstelle der AOK eine Möglichkeit eröffnet: die Direktabrechnung Kasse/Einzelarzt (Arztgruppe) ohne Einschaltung von ärztlichen Verbänden oder Institutionen wie KVen. Das ist die IT-technische Steilvorlage für das Einkaufsmodell der Kassen.

Gemeinsames Feindbild schweißt zusammen

Seit dieser Erkenntnis ist nichts mehr unmöglich. Die ARGE will irgendwie nichts mehr von der Gevko wissen, die HÄVG kann sich vorstellen, den gekapselten Kern zu öffnen, wahrscheinlich sind irgendwann einmal Selektivvertrags-Schnittstellen für die Kollektivvertrags-Abrechnung zu nutzen und so weiter.

Das alles könnte am 23. Februar zu einer großen Ärzte-Koalition gegen die neue Kassen-Bedrohung führen. Merke: Manches Happy-End braucht nur ein klares Feindbild.

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