Protesttag gegen TSVG: Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir?

Kolumnen Autor: Dr. Günter Gerhardt

Mal wirklich nur 25 Stunden pro Woche behandeln. © Fotolia/Di Studio

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Wie wäre es, wenn wir unsere Praxen demonstrativ an mehreren Montagen hintereinander schließen würden?

Schulkinder protestieren unter dem Hashtag #fridaysforfuture für den Klimaschutz, studierwillige Abiturienten bzw. Medizinstudenten mit einem Teilstudienplatz demonstrieren vor Weihnachten in Mainz unter #lasst­unsarztwerden und die neu gegründete IGMED ruft zum Protesttag gegen das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) auf.

Doch allein die Schulkinder werden öffentlich wahrgenommen. Warum? Weil sie freitagvormittags für den Klimaschutz auf die Straße gehen und so die Schule schwänzen. Würde der Protest am Samstag stattfinden, würde er längst nicht diese Aufmerksamkeit erzeugen.

Protest muss den öffentlichen Nerv treffen

Was sagt uns das? Es muss „wehtun“, also den öffentlichen Nerv treffen. Auf uns übertragen heißt das: Wir schließen unsere Praxen nicht am Mittwochnachmittag, sondern an mehreren Montagen hinterein­ander, Bereitschaftsdienstzentralen sind geöffnet. Und an den übrigen Wochentagen schließen wir uns den Aktionen wie von der IGMED vorgeschlagen an und bieten z.B. nur 25 Pflichtsprechstunden pro Woche und Termine nur noch über die Terminservicestellen an.

Darüber, dass man so einen Protesttag mit einer längeren Planungszeit versehen sollte, regen wir uns jetzt nicht auf, sondern sind froh darüber, dass es überhaupt Kolleginnen und Kollegen gibt, die sich wehren wollen. Auch die Montagsdemos in der ehemaligen DDR haben einmal mit kleinen Teilnehmerzahlen angefangen.

Missstände, die wir an den Pranger stellen können, gibt es zur Genüge: Etwa das unsägliche Thema Ärztemangel trotz genügend Studierwilliger, die man aber nicht ranlässt. In der Weiterbildungszeit geht’s weiter: Eine Wertschätzung der jungen Kolleginnen und Kollegen findet nicht statt. So bieten beispielsweise viele Krankenhäuser für ihre Ärzte keine Parkplätze an, die Folge sind regelmäßige „Knöllchen“. Die jungen Ärzte haben auch keinen Aufenthaltsraum, wo sie sich mal zurückziehen könnten; umgezogen wird sich häufig – Männlein und Weiblein gemeinsam – in irgendeinem Stationsraum; Überstunden werden als selbstverständliche Leistung gesehen, aber nicht bezahlt. Die Klage vieler Ärzte in Weiterbildung darüber, dass infolge des ökonomischen Drucks immer mehr Patienten in kürzerer Zeit versorgt werden müssen, wird lauter, doch es ändert sich nichts.

Mittwoch- und Freitagnachmittag auf dem Golfplatz?

Kein Wunder, dass viele unserer Kollegen nach der Weiterbildung mit dem Gedanken spielen, sich niederzulassen. Leider wird diese Absicht durch ständig neue Horrorgeschichten aus den Reihen der Politik und durch die Krankenkassen im Keim erstickt.

So warf uns, rechtzeitig vor der ersten Lesung des TSVG-Entwurfs im Bundestag, der stellvertretende Vorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Johann-Magnus von Stackelberg, vor, wir würden laut einer Forsa-Umfrage weniger als 25 Sprechstunden inklusive Hausbesuche in der Woche anbieten. Der GKV-Spitzenverband hat 1400 niedergelassene Haus- und Fachärzte befragen lassen. Viel zu wenig für ein seriöses Ergebnis! KBV und NAV-Virchow-Bund haben 10 000 Ärzte befragt, Ergebnis: 32 Sprechstunden pro Arzt und Woche! Wichtig in diesem Zusammenhang auch die Feststellung, dass Sprechstundenzeiten nicht gleichzusetzen sind mit Behandlungszeiten. Und die Zeit für bürokratische Tätigkeiten, die oft am Wochenende geleistet werden, muss in die Wochenarbeitszeit mit eingerechnet werden. Unser Kollege Professor Dr. Karl Lauterbach hat dann noch eins draufgesetzt mit seiner Feststellung, wir würden Mittwoch- und Freitagnachmittag auf dem Golfplatz gesehen.

Wenn sich unser Nachwuchs dann noch die Honorarsituation mit der Budgetierung, den Regressen, die Ge- und Verbote bei der Versorgung mit Arznei-, Heil- und Hilfsmitteln, die Probleme mit der Telematikinfrastruktur und die zeitaufwendige Praxisbürokratie anschaut, kann man verstehen, dass auch junge Ärzte „die Schnauze voll haben vom deutschen Gesundheitssystem“.