Schlanke Vordrucke aus dem Formularlabor

Gesundheitspolitik Autor: Ruth Bahners

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Ein Arbeitstag geht wöchentlich in Arztpraxen für die Bürokratie drauf und als Patientenzeit verloren. Feldversuche vor Einführung neuer Verwaltungsakte sollen den Aufwand in Grenzen halten. Die KV Westfalen-Lippe und die Barmer GEK sind auf einem Erfolg versprechenden Weg.

Nicht nur für etablierte Ärzte ist die Bürokratie ein Graus. Auch für den ärztlichen Nachwuchs seien Formulare und Dokumentationsvorschriften das sprichwörtliche „rote Tuch“. Dr. Thomas Kriedel, Vorstand der KVWL, berichtete, dass die Bürokratie 58 % der angehenden Mediziner von der Niederlassung abhalte.

Niedergelassene, KV, Kasse und MDK an einem Tisch

Ein wesentliches Element in der täglich zu bewältigenden Papierflut sind die Formulare. „Schaut man sich an, wie Formulare heute entstehen, sieht man viel Unzeitgemäßes“, klagt der Vorsitzende der Barmer GEK, Dr. Christoph Straub. Vorschläge für neue Formulare bzw. Überarbeitungen würden nicht im Dialog besprochen, sondern jede Seite formuliere ihre Anforderungen nacheinander in ein Formular hinein. Sinnvoller erscheint ein praxisorientierter Dialog.

Juristisch überkorrekte Formulierungen, auch für in der Praxis kaum relevante Fallkonstellationen, verhinderten ein schlankes Formularwesen. „Formulare werden überfrachtet, anstatt sich auf die Angaben zu konzentrieren, die für die Steuerung der medizinischen Versorgung notwendig sind“, so der Kassenchef. Vor allem aber: Neue oder überarbeitete Formulare würden nirgendwo einem praktischen Test unterzogen.

Seit 2011 wird in Westfalen-Lippe ein anderer Weg eingeschlagen. In drei „Formularlaboren“ treffen sich niedergelassene Ärzte, KV- und Kassenvertreter sowie der Medizinische Dienst, um gemeinsam die Fomularflut einzudämmen. Mit Erfolg.

„Das Schöne an der Sache ist, dass wir mit den Leuten vom MDK und der Barmer an einem Tisch sitzen“, betont Dr. Prosper Rodewyk, Hausarzt in Dortmund und Mitglied des Dortmunder Labors. Dabei stellte sich heraus, dass der MDK manche Angaben, die die Kassenleute für wichtig hielten, gar nicht brauche. „Da haben wir gleich gestrichen“, so Dr. Rodewyk.

Ein häufiges Ärgernis: die „formfreien Anfragen“

Ein besonderes Ärgernis für Dr. Rodewyk und seine Kollegen sind die „formfreien Anfragen“ der Kassen. Vor allem, weil nicht nur jede Kasse, sondern auch die einzelnen Filialen der Kassen verschiedene Anfragebögen verwendeten. Das Labor habe bewirkt, dass zumindest innerhalb der Barmer GEK die Anfragen vereinheitlicht würden.

Ein anderes Ärgernis seien die „Psychotherapiezettel“. Nach Meinung von Dr. Rodewyk guckt kein Mensch sich die geforderten Angaben an. Auch hier gelte „Weniger ist mehr“. Der Vorschlag: nur noch Rezeptgröße mit drei Angaben („ja“, „nein“, „Kontraindikation“).

Einem anderen Labor ist es gelungen, die Chronikerbescheinigung zu verschlanken. Sie ist jetzt auf Rezeptgröße reduziert und der Arzt muss nur noch zwei Angaben machen. Die Vordrucke für die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen und das Krankengeld wurden zusammengeführt und das Formular für Rehabilitationen wurde im Umfang halbiert.

„Aber wir sind auch an Grenzen gestoßen“, berichtet Dr. Rodewyk. So sei die Veränderung des Verordnungsvordruckes für Physiotherapie an den gesetzlichen Vorgaben gescheitert. Und: „Wir konnten nur mit der Barmer Verbesserungen vereinbaren“, schränkt der Arzt ein.

Tauglichkeit von Vordrucken in Testregionen erproben

Um echte Erleichterungen zu erzielen, sei ein abgestimmtes Vorgehen mit allen Kassen auf der Bundes­ebene notwendig. Für das regionale Formularlabor sei es schon schwierig genug gewesen, herauszufinden, wer sich hinter der Formularkommission verbirgt. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung jedenfalls zeige Interesse; KBV-Vize Regina Feldmann und Dezernent Bernhard Gibis schauten sich die Arbeit des Formularlabors in Dortmund an.

Damit die Vorschläge nicht in der Region stecken bleiben, werden sie an die Fachgremien auf Bundesebene weitergereicht. Dieses Vorgehen soll nach Auffassung von Dr. Straub institutionalisiert werden. „Wir brauchen gemeinsame Testregionen, in denen Vordrucke ihre Praxistauglichkeit beweisen.“

KV-Vorstand Dr. Kriedel ergänzt: „Es müssen auf Bundesebene geeignete Rahmenbedingungen für den Praxischeck der Formulare geschaffen werden, damit wichtige regionale Faktoren unmittelbar getestet und ggf. verworfen werden können.“

Die guten Erfahrungen aus Westfalen-Lippe haben nicht nur bei der KBV Interesse geweckt. In den KVen Bayerns und Niedersachsen haben die Westfalen schon Mitstreiter gefunden.