Seht nicht weg, 
habt Zivilcourage!

Kolumnen Autor: Erich Kögler

Kögler fordert auf, Zivilcourage zu zeigen! © fotolia/DDRockstar

Die Rolle von Ärzten im politischen System - in unserer Meinungskolumne "Mit spitzer Feder".

Wir leben in politisch unruhigen Zeiten. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass irgendein Despot auf dieser Welt Entscheidungen trifft oder Ansichten verkündet, die berechtigte Zweifel an seinem geistigen Gesundheitszustand aufkeimen lassen. In diesem Zusammenhang stellte dieser Tage Jeanne Lenzer in einem umfangreichen Aufsatz im "British Medical Journal" die provokante Frage, ob Ärzte nicht zur Warnung verpflichtet seien, wenn sie zu der Überzeugung gelangten, dass ein politischer Führer "dangerously mentally ill" (dt. in gefährlichem Ausmaß geisteskrank) sei.

"Müssen Ärzte vor geisteskranken politischen Führern warnen?"

Angehende Mediziner sind in der (deutschen) Geschichte schon einmal couragiert dem Unrecht entgegengetreten, gemäß dem Leitsatz "Wenn Unrecht zum Recht, wird Widerstand zur Pflicht" (B. Brecht), als sie mit ihren Flugblättern weit mehr als einen Aufstand des Gewissens erzeugten. Die Mitglieder der "Weißen Rose" handelten seinerzeit aus der Überzeugung heraus, dass man nicht mehr schweigend zuschauen dürfe, dass man gegen ein verbrecherisches Regime Widerstand leisten müsse. Die jungen Menschen wurden für ihre Überzeugung ermordet.

In totalitären Regimen gehört eine gehörige Portion Mut dazu, den "Großmogul" als Geisteskranken zu outen. Umgehend im Gefängnis zu landen oder gar mit dem eigenen Leben für diese Aussage zu bezahlen, ist eine wenig reizvolle Perspektive, die den meisten trotz aller Bedenken verständlicherweise die Zunge lähmt. Frau Lenzer geht es mit ihrem Apell jedoch darum, eben jenen vorgelagerten zivilisatorischen Kniefall zu verhindern – mithilfe der Kollegen.

"Keine Helden mehr durch das Streben nach Konformität und Harmonie"

Aus der Sozialpsychologie wissen wir: Je mehr Menschen eine kriminelle Tat beobachten, desto unwahrscheinlicher wird es, dass jemand eingreift. Die Masse versetzt das Individuum in Apathie. Dieser Effekt verhindert Helden – und gesellschaftliche Vorbilder. Den Menschen drängt es vom Wesen her nach Konformität und Harmonie. Er meidet unangenehme Auseinandersetzungen.

Wer diesem Drang widerstehen will, muss seine Instinkte überwinden. Das gelingt den wenigsten. Aber es gibt sie, die Anständigen und Couragierten, die nicht einfach wegschauen, die sich den Mund nicht verbieten lassen, auch wenn alle anderen schweigen. Die "Nein!" rufen, wenn alle anderen "Ja!" schreien. Eine Heldenformel ist bislang nicht bekannt. Aber manchmal besteht das Heldenhafte, besteht Zivilcourage einfach darin, das zu sagen, was ist.

"Mischt Euch ein, wenn die freiheitliche demokratische Ordnung ins Wanken gerät"

Schaut nicht weg! Habt Zivilcourage und verteidigt unsere Freiheit. Seid Vorbild! Der Widerstand der mutigen jungen Menschen der "Weißen Rose" ist – trotz oder gerade wegen seiner tödlichen Konsequenz – eine Aufforderung an uns alle, sich einzumischen, wenn in Europa Menschenrechte und unsere freiheitliche demokratische Grundordnung in Gefahr sind. Gelegenheiten gibt es in diesen Zeiten viele …