Tätowiertes Volk: Traurig welkt die Rose in der Glutealregion

Kolumnen Autor: Dr. Jürgen Vogel

Auf dem Oberschenkel prangte ein riesiger Phallus mit der Aufschrift: „Auf ewig Dein – Harald“. © Fotolia/R+R

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Tätowierungen: Bei den meisten fehlen schlicht die schöpferischen Ideen und Ideale.

Wenn der Sommer derart ausdauernd daherkommt wie in diesem Jahr, dann bekommt man auch länger als sonst die ganze bunte Galerie der Tattoos zu sehen. Denn nun kleiden sich die Menschen spärlich und zeigen freudig, was sie haben. Zum Beispiel auch ihrem Hausarzt.

Da ist die junge Hübsche mit einem Infekt. Ich bitte sie, ihr T-Shirt anzuheben, um sie zu auskultieren, und erschrecke zu Tode. Ein glubschäugiger Dämon glotzt mir von ihrem Rücken entgegen – soll so etwas schön sein? Oder der muskelbepackte Kerl, der zum Impfen erscheint. Auf seinem Oberarm räkelt sich eine prallbusige Brünette. Wehe, wenn er mal nicht mehr trainiert!

Dann kommt noch die 55-Jährige, die einst ihr Image als verrückte Nudel pflegte. Sie ließ sich schon vor vielen Jahren eine farbige Rose auf die rechte Glutealregion brennen, als das noch gar nicht richtig in Mode war. Und rauchte die ganze Zeit ihre Selbstgedrehten. Inzwischen welkt das Blümchen traurig vor sich hin, wie ich neulich anlässlich einer Untersuchung feststellen musste.

Wen will die magere Cindy erschrecken und warum?

Auch draußen auf der Straße: tätowiertes Volk, wohin das Auge schaut. Wohl derzeit ganz groß in Mode: ein Strichcode auf dem Nacken. Der Mensch erklärt sich damit anscheinend selbst zur Ware. Wenn er Pech hat, wird er ganz nebenbei bei Aldi eingelesen und gelistet.

Nun fragt sich der hausärztliche Betrachter: Warum tun sich das so viele Menschen an? Und was ist, wenn sich irgendwann darunter mal ein Melanom versteckt? In der Vergangenheit ergab das Tätowieren vielleicht noch einen Sinn. Möglicherweise wollte ein muskulöser Krieger seine Gegner schrecken. Aber wen erschreckt die magere Cindy aus Cottbus und warum? Vielleicht wollte auch so mancher Herrscher die Götter für sich milde stimmen. Aber wozu braucht man heute eine derartige „Götterspeise“?

Nun, ich habe einige meiner Patienten gefragt. „Weil es schön aussieht“, meinen viele Frauen. „Weil ich damit die schwere Kindheit verarbeite“, sagt die Borderlinerin, „und als Ersatz für das Ritzen“. „Weil es alle tun“, brummt der Muskeltyp. „Damit ich die Namen meiner beiden Kinder immer bei mir trage“, kommt es von einer Dreißigjährigen. Gut, manchmal vergisst man ja mal etwas. Dann will man vielleicht den Sprößling vom Spielplatz herein rufen. Oh Gott, wie hieß der doch gleich mal ...?

Nein, mich überzeugt das nicht. Ich denke, dass es eher ein Herdentrieb ist, befeuert durch soziale Netzwerke. „Alle machen es, vor allem Prominente, also auch ich.“ Für Künstler ist das sicher auch eine Imagefrage. Ein Rockstar, der aussieht wie Thoralf aus dem Nachbarhaus ist eben kein Rockstar.

Es fehlen die schöpferischen Ideen und Ideale

Aber bei einem Großteil der Tätowierten scheinen schlicht die schöpferischen Ideen und Ideale zu fehlen. Man möchte sich irgendwie von anderen abheben, hat es aber verlernt, das durch etwas wirklich Nützliches und Kreatives zu tun. Vielleicht, weil man nichts mehr liest außer Whatsapp, kaum noch was sieht, außer dem, was einem per Bildschirm serviert wird. Oder man kompensiert auf diese Art ein mangelndes Selbstbewusstsein. Sicher findet der eine oder die andere ein großes Tattoo auch erotisch. Aber was passiert, wenn man älter wird? So wie die „verrückte Nudel“ aus meiner Praxis?

So mancher bereute schon seinen jugendlichen Leichtsinn. Eben wie jene Patientin, die unser Dermatologie-Professor einst genüsslich in der Vorlesung präsentierte. Auf der Innenseite ihres Oberschenkels prangte ein riesiger, nach „innen“ gerichteter Phallus mit der Aufschrift: „Auf ewig Dein – Harald“. Nun wollte sie das Werk entfernen lassen. Ihr neuer Freund hieß nämlich nicht Harald und bekam immer genau dann eine akute erektile Dysfunktion, wenn er das Riesending sah. Tja, so kann es kommen, wenn man sich für die Ewigkeit ver(un)ziert.