Telemedizin: Die finanziellen Anreize fehlen, die Technik ist komplex

Gesundheitspolitik Autor: Ruth Bahners

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In Deutschland fehlen finanzielle Anreize für die Praxen, um die Telemedizin entsprechend ihrer Möglichkeiten in die Fläche zu bringen. Darin waren sich die Experten auf einem Forum zur Telemedizin einig.

Gegenwärtig werde Telemedizin wie ein „Flickenteppich“ im Rahmen von Modellvorhaben oder von Verträgen der Integrierten Versorgung eingesetzt, berichtete Marlis Bredehorst, Staatssekretärin im NRW-Gesundheitsministerium. In Ostwestfalen z.B. bestehe ein Potenzial von 250 000 Patientinnen und Patienten mit chronischen Erkrankungen.


Gerade mal 3000 Patienten werden in einem Modellversuchs telemedizinisch betreut. Der einrichtungsübergreifende Einsatz scheitere regelmäßig an Finanzierungsfragen im ambulanten Bereich. Ihre Forderung: EBM-Ziffern für den Einsatz von Telemedizin in den Praxen.

EBM: „Bewertungsausschuss muss endlich entscheiden“

Die Entwicklung solcher Gebührenordnungsziffern sei längst überfällig, beklagte Bredehorst. Mit dem Versorgungsstrukturgesetz habe der Gesetzgeber den Auftrag an den Bewertungsausschuss erteilt, solche Ziffern zu entwickeln. Bisher ohne Erfolg. „Der Bewertungsausschuss muss endlich entscheiden“, forderte Bredehorst.


Wohin der Mangel an finanziellen Regelungen im ambulanten Bereich führt, erläuterte Professor Dr. Hans-Joachim Brauns, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin. Er berichtete von einem „tollen“ Projekt in Berlin. Eine Hausärztin betreut pflegebedürftige Patienten via Telemedizin.


„Für einen Hausbesuch bekäme sie zwischen 20 und 50 Euro, für den Einsatz der Telemedizin kriegt sie gar nichts“, so Prof. Brauns. Auch vom Medikamentenmanagement, das sie via Telemedizin betreibe, habe sie nichts. „Die Anreize für Innovationen sind im ambulanten Bereich völlig falsch gesetzt, der niedergelassene Arzt profitiert in der Regel nicht.“

Patienten und Ärzte tun sich mit der Technik noch schwer

Aber auch die Technik, die bei der Telemedizin zum Einsatz komme, müsse noch verbessert werden, forderte Professor Dr. Eckhard Angel, ärzt­licher Direktor des Universitätsklinikums Essen. Als Beispiel nannte er Homemonitoring-Einheiten, die z.T. noch viel zu komplex seien, als dass die Patienten mit ihnen zurechtkämen. Das gelte im Übrigen auch für die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen in den Praxen.


Es müsse für die Ärzte deutlich werden, dass Telemedizin die Dis­tanz zwischen Arzt und Patient verringert, forderte Uwe Eibich, Vorstandsmitglied der CompuGroup Medical AG. Der Arzt müsse Hilfsmittel an die Hand bekommen, die unauffällig im Praxisalltag funktionierten. Die Infrastruktur bestehe bereits. Überall gebe es DSL-Anschlüsse. „Für die höhere Sicherheit, die das Gesundheitswesen fordert, muss der Staat investieren“, so Eibich.


Der sektorübergreifende Einsatz der Telemedizin steht im Mittelpunkt einer neuen randomisierten Telemedizinstudie für Patienten mit Herzinsuffizienz, der Studie TIM HF II. Insgesamt 1500 Patienten sollen bis Ende 2014 in Berlin/Brandenburg daran teilnehmen. Das Projekt soll Klarheit über Nutzen und Kosten der Technologie bringen. „400 Hausarztpraxen in Berlin und Brandenburg sowie 60 niedergelassene Kardiologen sollen bis Ende 2014 insgesamt 1500 Patienten in die Studie einschreiben“, erläuterte Professor Dr. Friedrich Köhler von der Charité Berlin, der die Studie wissenschaftlich leitet.