Telemedizinischer Rat nicht immer willkommen

Kolumnen Autor: Dr. Frauke Höllering

Das Herzinsuffizienz-Programm einer Krankenkasse verspricht mehr Lebensqualität. Dr. Frauke Höllering beleuchtet dieses Versprechen kritisch.

In der Praxis war „Land unter“. Meine Kollegin hatte Urlaub, das Wetter war schlecht und die Praxis quoll über – von Patienten, die wirklich Hilfe brauchten, die „schon immer mal etwas wissen wollten“ oder auch dachten, dass es bei Schmuddelwetter doch nett sei, ein paar Bekannte in unserem Wartezimmer zu treffen. Tapfer hatte ich mich durchgekämpft.


Den Feierabend schon vor Augen bat mich ein freundlicher älterer Herr noch dringend um Rat: „Ich werde ja immer von dieser Krankenschwes­ter angerufen“, sagte er verunsichert, „die hat jetzt gesagt, dass ich unbedingt zu Ihnen müsste, weil mein Gewicht zugenommen hätte. Aber das stimmt gar nicht!“ Er reichte mir ein Vokabelheftchen. Darin hatte er akribisch Gewicht und Blutdruck der letzten Monate notiert. Sein Gewicht schwankte seit Monaten um ein bis zwei Kilos, munter herauf und wieder herunter, wie es bei den meisten von uns ja der Fall ist.

«Die rufen immer dann an, wenn ich mich ausruhen will»

„Welche Krankenschwester?“, fragte ich und kannte doch die Antwort schon: „Die von diesem Programm.“ Also: Wieder mal ein HerzAs-Opfer! Mit schlanken Beinen saß er da, ohne Ödeme, ohne Luftnot – und jetzt tief verunsichert.


HerzAs? Das ist ein „Überwachungsprogramm“ der AOK für Herzinsuffiziente. Das weiß ich allerdings nicht, weil es mir – da es mich doch unterstützen soll – von einem Mitarbeiter der Kasse vorgestellt worden wäre. Nein, ein anderer Patient hatte mir davon berichtet: „Ich soll mich von einer Krankenschwester anrufen und telefonisch beraten lassen! Was soll denn das? Sie beraten mich doch!“, hatte sich der Mann entrüstet. „Die wollen alle möglichen Daten von mir gemeinsam mit mir besprechen. Außerdem rufen die mich immer dann an, wenn ich gerade ein biss­chen ausruhen will.“


Hier nickte ich heftig. Ich werde zum Tier, wenn mich jemand aus dem Mittagsschlaf aufscheucht! Diese halbe Stunde in der Mitte des Tages ist mir so heilig, dass ich mit dem Postboten vereinbart habe, etwaige Lieferungen um diese Zeit nicht klingelnd abzugeben, sondern auf der Terrasse abzuladen. Eher lasse ich mich beklauen als während des Schlafs stören!

«Eher lasse ich mich beklauen als während des Schlafs stören»

Meinen herzinsuffizienten Patienten geht es nicht anders – und sie legen gewiss häufiger die Füße hoch als ich. Nicht nur, dass die Patienten zu allen möglichen, oft eher unpassenden Zeiten von ihrem gemütlichen Sofa aufgescheucht werden, diese Menschen werden auch noch verunsichert. Ist das nun „mehr Lebensqualität bei Herzinsuffizienz“, die das Programm vollmundig verspricht? Sind wir Hausärztinnen und -ärzte nicht in der Lage, unsere Patienten dazu anzuhalten, Gewicht und Blutdruck regelmäßig zu kontrollieren und sich bei Ausrutschern zu melden?


Welche Qualifikation haben diese Betreuer? Warum soll man irgendeiner Stimme am Telefon, die sich „Patientenhilfe“ nennt, eigene Daten anvertrauen – Daten, die auch noch gespeichert werden? Wo ist die in den Programmunterlagen groß angekündigte Zusammenarbeit zwischen AOK-Betreuern und Hausärzten?


Ich habe noch keinen Pieps von der Kasse gehört. „Ein paar Wochen lang hatte ich Glück“, sagte jetzt mein Patient, der mit seiner Gewichtstabelle vor mir saß. „Ich lag ja eine Weile im Krankenhaus, und da haben die mich irgendwie aus den Augen verloren. Aber jetzt nerven sie wieder.“


Komisch, dass weder er noch andere Patienten sich daran erinnern konnten, eine Einwilligung für die Fernberatung unterschrieben zu haben. Wehe auch dem, der am Telefon sagt, dass er nicht mehr angerufen werden möchte. „Die Dame am anderen Ende der Leitung wurde ganz schön giftig!“, sagte mir breit lächelnd ein anderer Patient, der niemals eine Einwilligungserklärung unterschrieben hatte, aber dennoch immer wieder telefonisch kontaktiert wurde.


„Ich bekam das Gefühl vermittelt, dass ich mein Leben riskiere, wenn sie mich nicht mehr anrufen dürfe. Aber, das darf diese Frau trotzdem nicht!“ – „Bei Fragen kann ich ja Sie jederzeit erreichen“, mit diesen Worten reichte er mir seine unausgefüllten Unterlagen über den Schreibtisch. – Ich kam jetzt erst dazu, mir diese Papiere anzusehen: Was ist eine „Telewaage“, die man zur Verfügung stellen will? Übermittelt sie das Gewicht per WLAN an die Kasse?


Grauenhafte Vorstellung! Automatisch zog ich den Bauch ein – mache ich immer auf der Waage, hilft aber nie. Und was ist der „telemedizinische Gesundheitsmonitor“? Wird damit per Webcam aufgenommen und weitergeleitet, wie ich den Bauch einziehe? Oder mein entsetzter Gesichtsausdruck, wenn ich der Telewaage bei ihrer Arbeit zuschaue? Gut, dass ich weder herzinsuffizient bin noch im HerzAs-Programm. Vielleicht habe ich auch einfach nichts verstanden? Egal, ich gehe jetzt schön mittagschlafen, und wehe dem, der mich stört!