Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leiden meist unter multiplen Traumata

Autor: Dr. Andrea Wülker/ Ulrich Abendroth

Jeder zweite Flüchtling ist minderjährig. Aktuell wachsen rund 50 Mio. Kinder und Jugendliche in der Fremde auf. © picture-alliance/AP Photo

Sie haben Angehörige sterben sehen, auf der Flucht Schlimmes erlebt und nun plagt sie die Sehnsucht nach der Familie: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind psychisch besonders vulnerabel. Manche werden suizidal. Kinder- und Jugendpsychiater aus München berichten, wie sie solchen Patienten begegnen.

Etwa 90 % aller Flüchtlingskinder kommen mit ihren Eltern nach Deutschland, aber fast 70 000 minderjährige Flüchtlinge sind ganz auf sich selbst gestellt. Sie müssen allein den Verlust ihrer Heimat und ihrer Familie bewältigen, die erlebten Traumatisierungen verarbeiten und mit neuen soziokulturellen Normen zurechtkommen, berichten Dr. Adelina Mannhart und Professor Dr. Franz Joseph Freisleder vom kbo-Heckscher-Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, München.

Stress-Symptome, Ängste und Depressionen

Die meisten der jungen Flüchtlinge kommen aus Afghanistan, Syrien, Eritrea, dem Irak und Somalia. Etwa 90 % sind männlich. Mädchen und junge Frauen fliehen wegen ihres erhöhten Risikos für weitere Traumatisierungen, etwa durch Vergewaltigung, i.d.R. im Familienverband.

Bis zu 97 % der alleinstehenden jungen Flüchtlinge berichten über traumatische Erfahrungen, oft Kriegserfahrungen. Im Vergleich zu begleiteten Flüchtlingen wird bei ihnen häufiger eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Die psychische Problematik der Betroffenen ist dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht ein einmaliges Erlebnis verarbeiten müssen, sondern dass sie über längere Zeit immer wieder neuen Belastungen ausgesetzt waren, die sich gegenseitig verstärken (siehe Kasten). Viele von ihnen entwickeln dadurch Stress-Symptome, Ängste und Depressionen.

Allein in München wurden im Jahr 2015 etwa 5800 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Obhut genommen. 300 von ihnen mussten in der Notfallambulanz des kbo-Heckscher Klinikums betreut werden. 151 wurden dort aufgrund akuter Gefährdungssituationen sogar vollstationär aufgenommen. Bei 77 % dieser jungen Patienten bestand eine akute Eigengefährdung. 26 von ihnen (17,2 %) hatten sogar bereits einen schweren Suizidversuch unternommen.

Vom Krieg ins Exil – Traumata potenzieren sich

Vorfluchtphase

  • Krieg
  • Vertreibung, Trennungen
  • Verlust der Familie
  • Misshandlungen, sexualisierte Gewalt, Folter u.a.

Flucht

  • gefährliche Umstände in der Illegalität
  • Gewalt, Vergewaltigung
  • Aufenthalt in Flüchtlingslagern u.a.

Exil

  • Wohnsituation (wiederholter Transfer, Konflikte etc.)
  • unklarer Aufenthaltsstatus
  • Sorge um die Familie, Heimweh
  • fehlende Orientierung

Wie die Autoren berichten, war „bei einer mit 10 vergleichsweise geringeren Anzahl der Patienten (6,6 %) akut fremdgefährdendes Verhalten Anlass der Aufnahme“. Eine Mischung von Fremd- und Autoaggressivität lag bei 25 Patienten (16,6 %) vor. 38,4 % der 2015 in der Münchner Klinik behandelten unbegleiteten jungen Flüchtlinge hatten depressive Episoden, 33,3 % Anpassungsstörungen, 26,7 % eine posttraumatische Belastungsstörung und 4,6 % zeigten eine schwere akute Belastungsreaktion.

Da Psychiatrie und psychiatrische Probleme in den Herkunftsländern der minderjährigen Flüchtlinge oft negativ besetzt sind, ist der notfallmäßige Klinikbesuch für sie vielfach zusätzlich mit Verunsicherung, Angst, Misstrauen und hoher Anspannung verbunden. Daraus – und aus falschen Vorstellungen von dem, was sie erwartet – erwachsen Komplikationen, die nicht nur die Diagnostik erschweren, sondern schlimmstenfalls sogar zu einer aggressiven Verhaltenseskalation führen können.

Um dem entgegenzuwirken, hält die Münchner Klinik Informationsblätter in den jeweiligen Muttersprachen bereit – für Analphabeten stehen die Texte teils auch als mp3-Datei zur Verfügung. Unverzichtbar sind nach Aussage der Kinder- und Jugendpsychiater geschulte Dolmetscher. Gerade in Krisensituationen hilft es den jungen Patienten, sich in ihrer Muttersprache mitteilen zu können. Doch Dolmetscher übersetzen nicht nur, sie sind auch als Kulturvermittler hilfreich.

Ein kurzer Klinikaufenthalt kann bereits viel bewirken

Akutstationär tragen regelmäßige dolmetscherbegleitete Gespräche nach der Erfahrung der Münchner Kollegen sogar dazu bei, dass Anspannungszustande und Fremd­aggression nicht so häufig vorkommen.

In vielen Fällen kann unter entsprechenden Voraussetzungen durch die Aufnahme in Akutstationen das Überleben der jungen Patienten sichergestellt werden, erklären Dr. Mannhard und Prof. Freisleder. Bei gut 40 % der 151 stationär behandelten unbegleiteten minderjährigen Flüchlinge des Jahres 2015 wurden die Konfliktsituationen bereits in wenigen Tagen behoben, 56 % blieben 5 bis 30 Tage in der Klinik, nur bei 3 % war ein längerer Aufenthalt nötig.

Quelle: Mannhart A, Freisleder FJ. Monatsschrift Kinderheilkunde 2017; 165: 38-47