Vom Schlafen, Träumen und der Kreativität

Kolumnen Autor: Dr. Cornelia Tauber-Bachmann

Nimmt man Patienten mit Medikamenten ihr kreatives Potenzial? © fotolia/pathdoc

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Kreativitätsförderung im Schlaf?

Kennen Sie Siri? Sicher doch, denn Sie sind vermutlich technisch besser ausgerüstet und in der digitalen Welt mehr zu Hause als ich. Mein Mann z.B. kommuniziert sehr gerne mit der freundlichen Siri. Sie recherchiert für ihn im Internet, schreibt Nachrichten nach Diktat – kurzum, sie ist ein Programm, das der Spracherkennung und -verarbeitung dient und damit mit angenehmer weiblicher Stimme die Funktion einer persönlichen Assistentin erfüllt. Zeitweise war die Kommunikation so häufig und intensiv, dass ich froh war, dass Siri nur eine digitale Exis­tenz hat!

Der Schöpfer von Siri ist Adam Cheyer, der seine Erfindung für viele Millionen Dollar an die Firma Apple verkauft hat. Und dieser geniale Mensch schafft ein Start-up-Unternehmen nach dem anderen und verdient sich offensichtlich "dumm und dämlich" damit. Wie ich kürzlich las, generiert er seine genialen Ideen im Schlaf. Er stellt sich, so zitierte ihn der Artikel, vor dem Einschlafen das Problem vor und schreibt das erste, was ihm morgens einfällt, auf. Damit findet er meist die Lösung, manchmal in Ansätzen, manchmal indem er einfach das Aufgeschriebene weiter denkt.

»Der Siri-Schöpfer kommt im Schlaf auf geniale Ideen«

Viele von uns haben wahrscheinlich, wenn am nächsten Tag eine Prüfung oder ein "kollegiales Fachgespräch" anstand, vor dem Einschlafen alle möglichen Formeln, biochemischen Zusammenhänge und Medikamentendosierungen innerlich repetiert, um sie dann morgens zu wiederholen. Aber Schlaf als Pool für kreative Ideen und Lösungen? Im Schlaf das Gehirn Lösungen erarbeiten lassen?

Spätestens seit Sigmund Freud wissen wir um die Bedeutung von Schlaf und Träumen. Sie treten oft verschlüsselt auf mit für uns oft zunächst nicht verständlicher Symbolsprache, absurden Handlungen, bekannten oder unbekannten Personen, märchenhaften guten oder unheimlichen Lebewesen oder mit in der Realität unmöglichen Bewegungsformen wie z.B. dem Fliegen oder Tauchen ohne Sauerstoffmangel. Der Sinn erschließt sich uns oft nicht sofort oder wir brauchen die Hilfe eines traumkundigen Therapeuten, der mit uns den Sinn des Traumes entschlüsselt.

»Rauben Hypnotika das kreative Potenzial?«

"Briefe aus der Seele" nannte eine meiner Ausbilderinnen die Träume und maß ihnen dementsprechende Bedeutung bei. Natürlich nicht so wie manche populärwissenschaftlichen Bücher über Träume, die ganz klare Interpretationen von Symbolen liefern im Sinne von "durch ein Tor gehen bedeutet sterben" o.ä. Sie bezog sie ganz individuell auf die Lebensgeschichte und/oder die aktuelle Situation des entsprechenden Patienten (oder Therapeuten).

Viele meiner Patienten stellen immer wieder überrascht fest, dass sie die Erinnerung an Träume trainieren können, sodass im Schlaf viele Erinnerungen auftauchen, die in der Therapie bedeutsam sind oder auch Lösungswege aufgezeigt oder erahnt werden. Manchmal haben diese Lösungswege tatsächlich etwas Unvorhergesehenes, Überraschendes, ja sogar Geniales!

Was aber ist mit den vielen Menschen, die sich tagtäglich mit ihren Schafstörungen bei mir in der Praxis vorstellen? Die nicht zur Ruhe kommen, deren Gedanken Kapriolen schlagen, wenn sie das Licht ausmachen oder die nachts über tatsächliche oder phantasierte Probleme grübeln müssen? Dass schlechter oder zu kurzer Schlaf zu Adipositas und Herzinfarkt führen kann, wissen wir. Unklar ist jedoch, was passiert, wenn wir Träume mittels Schlafmedikamenten verändern oder reduzieren.

In guter Absicht natürlich, um für eine gewisse Zeit zu Entspannung und Ruhe zu verhelfen. Nehmen wir Patienten damit die Möglichkeit, Auswege aus einer Krise oder Lösungen zu finden? Nehmen wir ihnen ihr kreatives Potenzial? Trotz einer Unmenge von Lehrbüchern über Schlaf bleiben Fragen über Fragen. Auch was unsere gesellschaftliche Situation betrifft. Wenn ich an all die vielen Menschen denke, die bis spät in die Nacht in der digitalen Welt unterwegs sind, beruflich und privat. Das stört nachweislich die Fähigkeit zum Einschlafen. Und wenn dann auf Dauer in der Bevölkerung die Kreativität wegbleibt, na dann, gute Nacht.