Warum Klinikärzte zum Hausarzt umsatteln

Gesundheitspolitik Autor: Caroline Mayer

Caroline Mayer

Dr. Quirin Linhuber ist eigentlich Facharzt für Anästhesiologie. Derzeit schult er zum Hausarzt um und arbeitet seit einigen Monaten als Weiterbildungsassistent in einer Praxis in Germering bei München.

Dr. Quirin Linhuber sitzt in seinem Behandlungszimmer und strahlt über das ganze Gesicht. "Ich bin sehr zufrieden. Noch vor einem Jahr hätte ich nicht gedacht, dass ich mich wirklich für die Allgemeinmedizin entscheide." Insgesamt zwei Jahre wird der Quereinstieg in die Allgemeinmedizin für Dr. Linhuber dauern.

Normalerweise müssen junge Ärzte eine fünfjährige Weiterbildungszeit absolvieren, bevor sie sich für die Facharztprüfung anmelden können. Die Abkürzung, die der Anästhesist gewählt hat, wurde durch einen Beschluss des Deutschen Ärztetages 2011 in Kiel ermöglicht.

Nacht- und Schichtdienste zermürben

Als schnelle Maßnahme gegen den akuten Hausärztemangel beschlossen die Delegierten, für eine befristete Zeit den Quereinstieg zuzulassen. Ursprünglich sollte die Regelung für Fachärzte gelten, die bis Ende 2015 die "Umschulung" begonnen haben. Das Programm wurde inzwischen bis 2017 verlängert (Fristauskunft für Bayern; ggf. bei eigener Landesärztekammer nachfragen).

Er sei eigentlich sehr gerne Anästhesist und auch ein begeisterter Intensivmediziner, sagt Dr. Linhuber, aber die ständigen Nacht- und Schichtdienste in der Klinik hätten ihn zermürbt. "Wenn es dumm läuft, muss man mit Notarztdiensten im Monat zehn- bis zwölfmal nachts arbeiten, da bleibt für das Privatleben kaum noch Zeit."

Weil er mit seiner kleinen Tochter mehr Zeit verbringen wollte, suchte der Klinikarzt im vergangenen Jahr einen Plan B. Ein Freund, der gerade vom Anästhesisten zum Hausarzt umgesattelt hatte, machte ihn auf die Möglichkeit des Quereinstiegs aufmerksam.

Wechsel aus der Klinik brachte "Entschleunigung"

In der Praxis fiel Dr. Linhuber zuerst ein "Entschleunigen" gegenüber dem Klinikalltag auf. "Natürlich ist auch hier die Zeit eng getaktet, der Druck ist aber nicht so enorm wie in der Klinik."

An der Hausarzttätigkeit schätzt der junge Mediziner besonders die intensivere Beziehung zu den Patienten. "Man begleitet die Menschen länger, sieht Erfolge und bekommt ein Feedback. Auf der Intensivstation ist im Gespräch mit den Angehörigen immer viel Angst zu spüren. Da kann man sich gar nicht richtig annähern."

Natürlich sieht Dr. Linhuber auch die Probleme, mit denen sich Haus­ärzte überall herumplagen. "Man hat sehr viel mit Bürokratie zu tun und finanziell ist Vieles nicht abgebildet. Wenn man sich mehr Zeit für Patienten nimmt, wird das in keinster Weise honoriert." Aber der angehende Hausarzt möchte nicht jammern. Das Gesamtpaket sei finanziell ganz gut. Man müsse sich einfach klar sein, worauf man sich einlässt.

Zunächst weniger Gehalt, aber eine gute Perspektive

Während der "Umschulung" verdient Dr. Linhuber erst einmal weniger als in der Klinik. Krankenkassen und KV fördern die Weiterbildung mit 3500 Euro brutto im Monat. Die Praxisinhaber legen manchmal noch etwas obendrauf. Wieviel es am Ende gibt, ist Verhandlungssache. "Grundsätzlich wird eine Annäherung an das Klinikgehalt angestrebt, aber im Moment ist es finanziell definitiv ein Rückschritt", erklärt Dr. Linhuber. Die Perspektive sei aber gut. Man habe verschiedene Optio­nen, in eine Praxis einzusteigen oder einen eigenen Kassenarztsitz zu bekommen.

Dass es die Möglichkeit zum Quereinstieg gibt, beurteilt Dr. Linhuber positiv. Er kann aber auch verstehen, dass die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) das Konzept teilweise kritisch bewertet. In einem Positionspapier argumentierte die DEGAM unter anderem, der Quereinstieg "be- oder verhindert ohnehin notwendige Reformen, um den Facharzt für Allgemeinmedizin für Medizinstudierende und Ärzte in Weiterbildung zu einem attraktiven Weiterbildungsziel zu machen".

Dass die Allgemeinmedizin beim medizinischen Nachwuchs tatsächlich noch immer nicht sehr hoch im Kurs steht, sieht Dr. Linhuber an den Studentinnen und Studenten, die regelmäßig in der Praxis hospitieren. "Die wenigsten wollen Hausarzt werden", berichtet er. Zwar mache er jetzt Werbung für die Hausarzttätigkeit und erzähle von seinen eigenen Erfahrungen in der Klinik. "Ich möchte aber nicht missionieren, jeder muss seinen eigenen Weg gehen."


Quelle: Medical-Tribune-Bericht