Welch überflüssiges Grippeimpf-Chaos!

Kolumnen Autor: Dr. Frauke Gehring

Sollten wir die Impfaktion einfach später starten? © Fotolia/Mike Fouque

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Das Drama um die Grippeschutzimpfung.

Mit der Grippewelle rollte auch eine Protestwelle durch unsere Praxis: „Wieso habe ich nur einen Dreifachimpfstoff bekommen, der überhaupt nicht wirkt? Wo es doch einen wirksamen Vierfachimpfstoff gibt?“ Ja, warum eigentlich? Mit der Antwort „Weil das der Impfstoff ist, den die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen, und den die Ständige Impfkommission zunächst auch empfohlen hat“, kamen wir nicht weit. Spätestens bei Privatversicherten nicht und jenen, die im Brustton der Überzeugung kundtaten: „Wenn ich gewusst hätte, dass es einen wirksameren Impfstoff gibt, hätte ich den natürlich selber bezahlt!“

Da stand ich nun, mit wunden Händen vom Desinfizieren 

Da war es wieder, das „Schweinegrippe-Gefühl“! Man dachte, alles richtig und fachgerecht gemacht zu haben, und dann wurde einem das Gegenteil höhnisch in jeder Tageszeitung vorgeworfen. Ich selber, im hehren Wunsch, meinem Team ein leuchtendes Vorbild zu sein, hatte mich schon im September impfen lassen – natürlich mit dem Dreifachimpfstoff, der ja sonst immer gut genug war. Und da stand ich nun, mit wunden Händen vom Dauerdesinfizieren und frierend, weil ich trotz knackiger Minustemperaturen mein Fenster nach jedem Patientenkontakt weit aufriss. Bloß keine Grippe kriegen, jetzt, wo die Praxis aus allen Nähten platzt!

„Dann impfen Sie mich jetzt noch einmal mit dem Vierfachimpfstoff!“, forderte mich ein Patient auf, der als Selbstständiger auf eine robuste Gesundheit angewiesen und privat versichert war. Ob man das einfach so machen konnte, hatte ich schon bezüglich meiner selbst gegoogelt. Besser nicht, warnte das Robert Koch-Institut, man wisse nicht, ob damit mehr Impfkomplikationen zu erwarten seien. Zum Glück musste ich keine weitreichende Entscheidung treffen, weil der Patient sich nicht wieder meldete. Hatte ich nun einen Privatpatienten verloren, weil ihm eine Impfkomponente fehlte?

„Ich glaube, ich lass mich doch noch impfen“, entschied eine schwangere Patientin, die bisher wenig Ambitionen diesbezüglich gezeigt hatte. Früher hätte ich gedacht, dass sich das angesichts schon sprießender Krokusse nicht mehr lohne. In diesem Jahr aber drohte die Grippewelle, sich noch einen Monat und länger hinzuziehen, sodass ich beherzt zum Vierfachimpfstoff griff. Nicht aber für mich selbst; diese vier Wochen wollte ich mithilfe von Sauna, Sport und angemessener Hygiene noch durchhalten.

Ein paar grundsätzliche Fragen taten sich dann aber doch auf, und das nicht zum ersten Mal: War es wirklich sinnvoll, dass wir schon im September mit den Impfungen anfingen, obwohl die Grippe meist erst ab Februar auftritt? Könnten wir uns evtl. durch einen späteren Beginn unserer Impfaktion vor solchen unliebsamen Überraschungen wie in diesem Jahr schützen? Meine persönliche Antwort ist die von Radio Eriwan: „Im Prinzip ja“. Aber die Gefahr besteht, dass viele Patient(inn)en ohne Impfung bleiben würden, wenn man sie bittet, in einem Vierteljahr noch einmal wiederzukommen. Andere würden uns vorwerfen, ohne Schutz zu sein, falls die Grippewelle eher rolle, während ihre Kaffeekränzchendamen und Kegelbrüder längst immunisiert seien.

„Nein, Frau Doktor, so kurz vor Weihnachten nicht! Nachher werde ich noch krank!“

Der kluge Mittelweg wäre wohl, das Impfserum schon ab September den Kühlschrank verstopfen zu lassen, aber es ab November aktiv anzubieten. Nicht erst ab Dezember: „Nein, Frau Doktor, so kurz vor Weihnachten nicht! Nachher werde ich noch krank!“

Ich beschließe also, mich mit einem robusten Optimismus bezüglich der nächsten Impfaktionen durch die nächsten „Grippe“-Wochen zu schlagen, als mich schlagartig eine Erkenntnis überfällt: Ich hatte noch keinen einzigen Patienten, der geimpft und trotzdem nachweislich an Influenza erkrankt war! Vielleicht ist der Dreierimpfstoff doch gar nicht so übel?