Wenn Humanmediziner auf den Hund kommen...

Gesundheitspolitik Autor: Dr. Anja Braunwarth

Dr. Anja Braunwarth

Unsere Autorin und Notärztin Dr. Anja Braunwarth, berichtet wie sie im Urlaub unfreiwillig zur Tierärztin wurde. Und wenn der Hund wie ein Hängebauchschwein aussieht, ist alles richtig gemacht.

Ausgerechnet im Urlaub in Bayern wird Beagle-Hündin Lotte von einer Addisonkrise umgeworfen. Nach zwei Tagen Aufenthalt in einer spezialisierten Tierklinik geht es langsam aufwärts und Frauchen und ich – meines Zeichens Notärztin – treten die Heimreise an. Lotte braucht aber noch NaCl-Infusionen.


Die hochkompetente und sehr freundliche Tierärztin hat vor der Fahrt extra eine neue – blaue - Braunüle in die kleine Pfote gelegt. Die Flasche wird am Fensterhaken des Autos befestigt und läuft gemütlich zwischen Rosenheim und Frankfurt ein. Nur gelegentlich ernten die Insassen etwas konsternierte Blicke ob des seltsamen Szenarios.

Braunüle legen beim Beagle

Zurück in der Heimat ist erstmal Infusionspause bis zum nächsten Tag, einem Samstag. Dann kommt es, wie es kommen muss: Die Nadel ist dicht, da hilft auch kein Spülversuch, sie muss raus. Zum Glück hat die Tierärztin einen Ersatz mitgegeben. Wer sonst quasi im Schlaf braune oder wenigsten grüne Exemplare legen kann, wird ja wohl die Kindervariante in den Hund bekommen….Tatsächlich klappt es im zweiten Anlauf, die neue Infusion kann angeschlossen werden.


Aufatmen bei allen Beteiligten und wir Menschen verlassen erleichtert den Raum in Richtung Küche. Grober Fehler, denn die Küche ist für den sich auf dem Wege der Besserung befindlichen Beagle naturgemäß ein unwiderstehlicher Ort. Also schnell runter von der Couch und hinterher – nur die Flasche lässt er mitsamt Braunüle zurück.


Leicht hektisch wühle ich nun mein Sortiment durch und finde tatsächlich noch eine blaue Braunüle im Koffer. Doch jetzt geht nichts mehr, die beiden mir bekannten Venen an den Vorderpfoten sind zerstochen, die Nadel geht nicht rein.

Salz ins Futter um das Trinken zu stimulieren

Was nun? Es ist Samstagmittag, der Haus-Veterinär hat die Pforten geschlossen. Zum Glück hat die nette bayerische Tierärztin von ihrem Wochenenddienst erzählt. Ohne einen Hauch von Genervtsein nimmt sie den Anruf entgegen und steht sofort mit Rat und Tat zur Seite. Da Lotte offensichtlich wieder Appetit hat und auch viel trinkt, reicht es, ihr ein bisschen Salz ins Essen zu mischen, um den Wasserkonsum weiter anzuregen.


Dann noch ein Tipp für die humanmedizinische Kollegin, der bereits der Schweiß auf der Stirn steht: „Sie können noch ein bisschen nachhelfen, indem Sie dem Hund rechts und links an der lateralen Bauchwand subkutan zwei Depots mit jeweils etwa 100 ml NaCl setzen.“

Pleura beim Hund punktiert?

Also schnappe ich mir die inzwischen auch nicht mehr ganz so gut gelaunte Lotte, greife heroisch zur Nadel und spritze dem Tier erst mal auf einer Seite die Flüssigkeit unter die Haut. Dann steht die Hündin auf – und trägt rechts eine Riesenbeule, die sie beim Laufen ins Schwanken bringt, ein Anblick des Grauens. Jetzt macht sich doch ein wenig Panik breit, habe ich vielleicht zu tief gestochen, die Pleura punktiert oder sonstiges Unheil angerichtet?

Hund sieht aus wie Hängebauchschwein? - Alles richtig gemacht!

Und obwohl es mir schier die Schamesröte ins Gesicht treibt, entscheide ich mich für einen neuerlichen Anruf bei der Tierärztin fernen Rosenheim. Als ich der Kollegin schildere, dass der Beagle nun eher aussieht wie ein etwas deformiertes Hängebauchschwein, ernte ich ein herzliches Lachen: „Dann haben Sie ja alles richtig gemacht, bis morgen ist das resorbiert.“


Erleichtert verabschiede ich mich in der Hoffnung, sie nun nicht mehr behelligen zu müssen, gönne aber dem kranken Tier und mir nun für den Rest des Abends einfach mal in Ruhe.


Schade, dass die Tierklinik so weit weg ist, denn nach den gemachten Erfahrungen vor Ort und danach könnte ich mir eine gleichermaßen beflügelnde und zudem noch nette Zusammenarbeit sehr gut vorstellen!