Bereits ein Glas Wein am Tag erhöht das Krebsrisiko um bis zu 30 %

Autor: Dr. Michael Brendler

Ein Glas Rotwein am Tag soll gut für die Gesundheit sein? Dr. Noelle­ LoConte­ sieht das anders. © Pixabay

Alkohol ist kanzerogen – vor allem starke Trinker sind gefährdet für Hals-, Rachen- und Kehlkopftumoren. Aber auch moderate Mengen erhöhen das Krebsrisiko, warnt die American Society of Clinical Oncology.

Ein Glas Rotwein am Tag soll gut für die Gesundheit sein? Dr. Noelle­ LoConte­ kann angesichts solcher Gerüchte nur den Kopf schütteln. Nicht nur, weil die Datenlage zu dieser These schlecht und widersprüchlich sei, wie die Onkologin vom Carbone Cancer Center der University Wisconsin meint. Die Rechnung gehe schon aus einem ganz einfachen Grund nicht auf: Selbst wenn geringere Alkoholmengen, wie oft behauptet, tatsächlich positiv auf die kardiovaskuläre Gesundheit wirken sollten, würde dieser Effekt leider mehr als aufgewogen durch die kanzerogenen Wirkungen der Droge. Daran besteht für sie kein Zweifel.

Allein in den USA gehen 3,5 % aller Krebstoten auf das Konto des Rauschmittels, warnt Dr. LoConte in einem gemeinsamen Statement mit dem Komitee für Krebsprävention der American Society of Clinical Oncology. In den meisten Fällen kosten oropharyngeale und Larynx-Tumoren die Opfer das Leben, aber auch zwischen Alkoholkonsum und Speiseröhren- beziehungsweise Leberkrebs besteht ein enger Zusammenhang. Zudem spielt der Suchtstoff bei Brust- und Kolon-Tumoren eine unerfreuliche Rolle, wahrscheinlich auch bei Pankreas- und Magen-Karzinomen.

Und die Gefahr geht schon, wie die Autorin betont, von eher geringen Mengen aus. Wie eine Metaanalyse ergeben hat, lassen bereits ein Drink am Tag oder weniger das Risiko für Plattenepithelkarzinome im Ösophagus um 30 %, das für oropharyngeale Tumoren um 17 % und die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken, um 5 % ansteigen. „Noch stärkere Effekte werden jedoch bei größeren Mengen und bei Langzeit-Konsumenten beobachtet“, so Dr. LoConte. Bei Rachen- und Mundraum-Tumoren verfünffachen sich die Krebsraten im Vergleich zu Abstinenzlern sogar. Rund dreimal so wahrscheinlich ist es für starke Trinker, an Kehlkopfkrebs zu erkranken, Brust- und Leberkarzinome treten etwa doppelt so häufig auf.

Für die International Agency for Research in Cancer der WHO steht deshalb fest: Der Zusammenhang zwischen Alkohol und Krebs ist erwiesen, das Genussgift stuft sie deshalb als Klasse-1-Kanzerogen ein. Die Gründe für diese Wirkung sind noch nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich, so der aktuelle Stand, ist weniger das Ethanol selbst für die Zellentartung verantwortlich. Noch stärker karzinogen und mutagen wirkt das Abbauprodukt Acetaldehyd. Bei Mäusen erhöht es zum Beispiel, ins Trinkwasser gemischt, die Krebsquote. Auch durch das Verursachen von chronischen Infektionen und das Absenken der Folatspiegel soll Alkohol die Krebsentstehung begünstigen.

Fest steht auch: Es dauert einige Zeit, diese Effekte wieder zu neutralisieren: Erst nach zwanzig Jahren Abstinenz, berichtet Dr. LoConte, sei das Krebsrisiko eines Konsumenten wieder auf das Niveau eines Bier- und Weinverächters abgesunken. Ungeklärt ist zudem, warum sich die krebsauslösenden Effekte von Alkohol und Zigaretten gegenseitig zu potenzieren scheinen, dies gilt im Besonderen bei Karzinomen im oberen Atem- und Verdauungstrakt. Es gibt noch eine andere Frage, die gerade die Onkologen sehr beschäftigt: Welchen Einfluss übt der Alkohol auf die Krebstherapie aus und inwieweit prägt er die Prognose? „Hier steckt die Forschung noch im Anfangsstadium“, räumt die Autorin ein. Eines sei aber sicher: „Es gibt keinen Grund, irgendjemandem Alkohol zu empfehlen. Weder zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen noch zur Senkung des Mortalitätsrisikos bei anderen Krankheiten.

LoConte NK. J Clin Oncol 2017; 36: 83-93