Eine Hausarztpraxis mit acht Standorten

Niederlassung und Kooperation Autor: Michael Reischmann, Foto: Fotolia/Fiedels

Fotolia/Fiedels

Das fachgleiche MVZ bietet Praxisabgebern und jungen Ärzten eine neue Möglichkeit, erfolgreich zusammenzufinden, meint Medi Baden-Württemberg.

Dr. Roland Kolepke (51) führt eine überörtliche, rein hausärztliche Gemeinschaftspraxis – an acht Standorten in einem Umkreis von etwa zehn Kilometern rund um seine Praxis in Ludwigsburg. Sechs Ärzte sind als Partner der Gesellschaft bürgerlichen Rechts tätig und sieben als Angestellte. Dazu kommen drei Ärzte in Weiterbildung.

Eine Besonderheit ist: Die Kolleginnen und Kollegen sollen sich ganz auf die Medizin konzentrieren. Alle organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Aufgaben, z.B. das Aufspielen von Software-Updates, die Abrechnungskontrolle oder die Prüfung der ICD-10-Diagnosen, werden zentral von Dr. Kolepke und qualifizierten MFAs übernommen. Einen Betriebswirt braucht er dafür nicht, sagt der Kollege lachend.

Junge Ärzte wollen planbare Arbeitsbedingungen

Er ist selbst noch in seiner Praxis behandelnd tätig. Meist zusammen mit einer Ärztin/einem Arzt in Weiterbildung. Außerdem bringt er den jungen Kolleginnen und Kollegen, die anschließend an einem der Standorte tätig werden, das Geschäft und die Medizin einer Hausarztpraxis bei.

Das habe sich bewährt, erzählt er. Als er sich 1998 niederließ, habe ihm niemand geholfen – und folglich habe er Fehler gemacht. Das müsse nicht sein.

Die jungen Ärzte seien froh, wenn sie sich nicht mit Praxiskrediten belas­ten, keine Unternehmerverantwortung übernehmen und auch nicht bis zum Umfallen arbeiten müssten. Die Möglichkeit, in einem größeren Team und mit verlässlichen Arbeitszeiten Medizin machen zu können, komme ihren Interessen entgegen.

Ebenso seien ältere Kollegen daran interessiert, Praxissitze, für die sie keine Nachfolger finden, zu verkaufen. Das führt dann z.B. zu solchen Konstruktionen: Ein Kollege wollte seine Praxis an seine Tochter, ebenfalls Ärztin, abgeben. Diese war aber gerade in der Phase der Familiengründung. Dr. Kolepke übernahm die Praxis. Jetzt ist die Tochter des Praxisabgebers so weit, dass sie – trotz zweier Kinder – halbtags als Angestellte in der ehemaligen Praxis ihres Vaters arbeiten kann.

Dr. Kolepke versucht, die Praxen, die er übernimmt, am Standort fortzuführen. Dazu sei es notwendig, den Praxisabgeber genau kennenzulernen und zu erfahren, welche Art von Medizin dessen Patienten erwarten.

Funktioniert die Nachfolge nicht, wird fusioniert

Die Nachbesetzung müsse dazu passen. Klappt das nicht, weil sich z.B. zu viele Patienten anderen Praxen zuwenden oder die neuen Ärzte wieder aussteigen, scheut sich Dr. Kolepke auch nicht, Standorte zu fusionieren. Die Patienten zeigten übrigens durchaus Verständnis, wenn sie nicht mehr durch einen Hausarzt, sondern von zwei in Teilzeit beschäftigten Ärzten betreut würden.

An den acht Praxisstandorten werden insgesamt 7000 bis 8000 Patienten im Quartal betreut. Wie kam es zu dieser großen Struktur?

Vor zwölf Jahren, so erzählt Dr. Kolepke, wurde die Ludwigsburger Notfallpraxis aufgebaut. Er kümmerte sich um Poolärzte, die dort als Vertreter Dienst machen.

 

Mediverbund-Konzept "Arztpraxen 2020"

 

13 Praxen hat die Mediverbund AG im Rahmen ihres Konzepts "Arztpraxen 2020" bereits beraten, mit neun weiteren ist sie in laufendem Kontakt und mit sieben Mitgliedern stehen erste Gespräche an. Thema kann z.B. sein, dass Medi die Gründung einer BAG oder eines MVZ begleitet.

Die Anfragen kommen vor allem von Allgemeinärzten in Einzelpraxen, die keine Nachfolger finden und ihre Zukunft in einer großen Kooperation mit angestellten Kolleginnen und Kollegen sehen. Andere Interessenten möchten ihre Praxisübergabe gut vorbereiten; für sie ist Altersteilzeit ein Thema.

Zur Beratung gehört zunächt die Analyse: Medi erfasst die Situation vor Ort, wie die Praxis aufgestellt ist, wie hoch der Umsatz ist, ob es in der Nähe andere Ärzte gibt, die an einem MVZ Interesse haben, und natürlich, welche Vorstellungen der Praxisinhaber hat. Daraus folgen Vorschläge für Kooperationsformen. Die Mitglieder können ggf. eine Projektkoordination beauftragen.


Dabei wurde er von potenziellen Praxisabgebern angesprochen, ob er ihnen nicht auch junge Ärzte vermitteln könne. Aber das funktionierte nicht. Dr. Kolepke fiel auf: Die Kollegen, die gern als Poolärzte tätig wurden, "schätzten die klaren Arbeitszeiten, die klare Entlohnung und dass sie keinen Stress mit der Bürokratie hatten". Also muss man ihnen dasselbe bieten, wenn man sie in die Praxen holen will. Das tut Dr. Kolepke mit seinem überörtlichen Verbund.

Nun baut er die Gemeinschafts­praxis schrittweise in ein fachgleiches Versorgungszentrum um; der Anfang wird im Januar 2016 gemacht. Eine MVZ GmbH habe Vorteile bei der Zulassung und Anstellung von Kollegen sowie bei betriebswirtschaftlichen Aspekten.

Kontaktplattform und politischer Wegbereiter

Dr. Kolepke, der "von Beginn an" Mitglied bei Medi Baden-Würt­temberg ist und die HzV als große, strategische Errungenschaft lobt (höheres, stabiles Honorar ohne Mengenbegrenzung und Regress­androhung), begrüßt das Verbandskonzept "Arztpraxen 2020". Medi ist hier informierend, beratend und als Kontaktplattform tätig. Außerdem werden mit der politischen Arbeit die Wege frei gemacht, betont Dr. Kolepke. 



Quelle: Medical-Tribune-Bericht