Ärzte zögern bei Apps auf Rezept, Kassen fördern Start-ups per Fonds

e-Health , Apps und Internet Autor: Cornelia Kolbeck

Gesundheits-Apps: Von Ärzten skeptisch betrachtet, von Krankenkassen gefördert. Gesundheits-Apps: Von Ärzten skeptisch betrachtet, von Krankenkassen gefördert. © iStock/Jackie Niam

Vertragsärzte dürfen Patienten zertifizierte digitale Gesundheitsanwendungen, kurz DiGA, verordnen. Doch die Mediziner sind skeptisch. Die Kassen wiederum sehen in der Förderung digitaler Innovationen eine spannende Aufgabe.

Es hat sich in dieser Legislatur viel getan in der Gesetzgebung zu Innovationen in der Gesundheitsversorgung. Zwei wesentliche Neuerungen brachte das Digitale-Versorgung-Gesetz: Zum einen die Verordnung bzw. Bewilligung von DiGA. Zum anderen dürfen Krankenkassen jetzt digitale Gesundheits­innovationen fördern und dafür einen Teil ihrer Rücklagen in Wagniskapital-Fonds investieren.

Patienten dürfen nicht zu „Versuchskaninchen“ werden

Während sich die Kassen den neuen Optionen mit großem Interesse zuwenden, bewerten Ärztevertreter die neue Aufgabe kritisch. Der Vorstand der KV Bayern rät zur Vorsicht bei der Nutzung und Verordnung von Smartphone-Apps. Deren Nutzen müsse sorgfältig geprüft werden, ehe DiGA in der Versorgung zum Einsatz kommen. „Die Patienten dürfen nicht zu ‚Versuchskaninchen‘ der IT-Industrie und der App-Programmierer gemacht werden.“

Auch die KBV-Vertreterversammlung stellt in einem Beschluss klar: „Gesundheits-Apps sind nicht Teil einer leitliniengerechten Versorgung.“ Für Ärzte und Psychotherapeuten be­stehe keine Pflicht, DiGA gemäß § 33a SGB V zu verordnen. Patienten, die diese erhalten wollten, könnten auch an deren Kasse zwecks Genehmigung verwiesen werden.

Ärzte und Psychotherapeuten, die dennoch DiGA verordnen wollen, dürften keinem unkalkulierbarem Haftungsrisiko ausgesetzt werden, falls z.B. die eingesetzte App keine korrekten oder widersprüchliche Daten liefert. Vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sollten nur solche Apps und webbasierte Anwendungen zugelassen werden, deren Sicherheit und bedenkenlose Anwendung garantiert werden könne.

Das BfArM hat für die zweite Septemberhälfte in Aussicht gestellt, seine Liste mit den ersten erstattungsfähigen DiGA zu veröffentlichen. Im Mai hatten 15 Interessenten ihre Produkte zur Prüfung angemeldet. Die Hürden für eine Aufnahme in die DiGA-Liste sind allerdings sehr hoch, nachzulesen im DiGA-Leitfaden des BfArM. Zu den angemeldeten Produkten gehören zudem einige, die in Kooperation mit Ärzten entstanden sind und bereits eingesetzt werden. Zu finden sind die Antragsteller auf digitalversorgt.de.

2 % ihrer Finanzreserven darf eine Kasse investieren

Neues Terrain betreten auch die Krankenkassen, die seit 2020 digitale Gesundheitsinnovationen finanziell fördern können. Das heißt: Sie zahlen nicht nur für die verordnete oder genehmigte DiGA, sie können auch Start-ups unterstützen – allerdings nicht über direkte Geldflüsse, sondern über Fonds, sog. Digital Health Venture Funding (VC).

Ziel der Investitionen dürfe nicht eine größtmögliche Rendite sein, sondern ein bestmögliches Ergebnis für die Patienten, betonte Thomas Renner vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) bei einer Veranstaltung des Health Innovation Hub, einem Gremium von BMG-Beratern.

Zurzeit bereitet das Bundesamt für Soziale Sicherung entsprechende VC-Empfehlungen vor. Vertreterin Dr. ­Cordula Scherer nannte hierzu einige Kennzahlen. So soll das Mindestvolumen eines Fonds 40 Mio. Euro betragen, für mindestens zwölf Investments. Ein einzelner Investor darf nicht mehr als 20 % der Anteile halten. Mindestens 30 % des Investments ist über Ausfallbürgschaften zu sichern. Die eingesetzten Mittel dürfen maximal 2 % der Finanzreserven einer Krankenkasse umfassen, zitierte Dr. Scherer das Gesetz.

Trotz der komplexen Materie ist das Interesse der Kassen groß. Die Barmer ist bereits mit dem Berliner Health Technology Funds „Earlybird“ im Geschäft. AOK und TK engagieren sich bei der Brückenköpfe Leonardo-Invest und der Kassendienstleister Bitmarck sieht sich künftig als Integrationsplattform für Investments der Krankenkassen. An interessierten Fonds mangelt es auch nicht.

BMG-Mitarbeiter Renner begründet die Kooperation von Kassen und Fonds so: Die Kassen hätten einen guten Überblick über den Versorgungsbedarf, aber keinen über den Markt. Start-ups wiederum würden die Versorgungsbedingungen nicht kennen und nicht wissen, wie Innovationen in den Markt zu bringen seien. Mithilfe der §§ 68a und 263a SGB V fänden die Player zusammen.

Medical-Tribune-Bericht