Als Honorararzt auf Kreuzfahrt - von gediegener Allgemeinmedizin bis zur Erstversorgung

Niederlassung und Kooperation Autor: Antje Thiel

Das Bordhospital ist ausgestattet wie eine kleine Klinik. © TUI Cruises

Der Chirurg und Not­fallmediziner Professor Dr. Bert­hold Petutschnigg arbeitet seit 2009 auf Honorarbasis als Arzt an Bord von Kreuzfahrtschiffen. Etwa zweimal pro Jahr sticht er für TUI Cruises in See. Er kümmert sich im Bordhospital um die medizinische Versorgung von Passagieren und Crewmitgliedern.

Dem Mediziner aus Graz gefallen sowohl die Arbeit mit einer internationalen Crew und die schönen Reiseziele als auch die Option, gute Allgemeinmedizin im ursprünglichen Sinne zu leisten.

Etliche Tausend potenzielle Patienten tummeln sich auf einem dieser Kreuzfahrtschiffe, wenn es auf große Fahrt um die kanarischen Inseln, ins östliche und westliche Mittelmeer oder um die arabische Halbinsel aufbricht. Um die 2500 Gäste und 1000 Crewmitglieder waren es jeweils auf den Kreuzfahrten mit der TUI-Flotte "Mein Schiff", die Prof. Petutschnigg bislang begleitet hat. "Das sind so viele Menschen wie in einem ganzen Dorf", sagt er.

Krankheitsspektrum wie in der Hausarztpraxis

Und so begegnen einem Schiffsarzt während einer sechs- bis zehntägigen Kreuzfahrt alle medizinischen Indikationen, mit denen sich auch ein Hausarzt binnen einer Woche in seiner Praxis konfrontiert sieht.

"Am häufigsten sind Erkältungskrankheiten", erzählt Prof. Petutschnigg. Doch auch Verkühlungen kommen immer wieder vor. "Typisch sind außerdem Magen-Darm-Verstimmungen, wenn die Kreuzfahrtgäste beim Landgang in einheimischen Restaurants essen." Das liege nicht zwingend an Hygiene­mängeln, betont der Schiffsarzt: "Meist sind es einfach ungewohnte Speisen und Zubereitungsarten, die zu Durchfällen führen."

Für solche Routineerkrankungen gibt es zweimal täglich eine Sprechstunde im Bordhospital. "Die erste Stunde ist immer für die Crew reserviert. Da kommen alle, vom Kapitän bis zum Küchenhelfer", berichtet Prof. Petutschnigg, "dabei begegnet man vielen interessanten Menschen, schließlich stammen die Crewmitglieder aus bis zu 40 verschiedenen Nationen." Natürlich ist er als Schiffsarzt auch für medizinische Notfälle zuständig, z.B. Herzinfarkte, Schlaganfälle, akute Asthmaanfälle, Frakturen und andere Verletzungen. "So ein Bordhospital ist sehr gut eingerichtet und mit Labor, Digitalröntgen, EKG und Ultraschall ausgestattet. Außerdem verfügt es über zwei vollwertige Intensivbetten, in denen Patienten beatmet und überwacht werden können", erklärt er.

Die Versorgung sei vergleichbar mit einem kleinen Kreis- oder Landeskrankenhaus. "Wir machen gediegene Allgemeinmedizin und gute erstversorgende Therapie. Also im Grunde genau das, wofür wir seinerzeit einmal den Arztberuf ergriffen haben." Ein Schiffsarzt müsse über Laborkenntnisse verfügen, mit Röntgen und Ultraschall umgehen und Gipsen können, beschreibt Prof. Petutschnigg die Anforderungen: "Und man sollte ein erfahrener Arzt sein, um flexibel entscheiden und bei Bedarf auch improvisieren zu können."

Wissenswertes zur Arbeit als Schiffsarzt

In den Bordhospitälern der TUI-Flotte "Mein Schiff" arbeiten immer zwei Schiffsärzte, zwei Krankenschwestern und eine medizinische Assistenz. Auf 24 Stunden Dienst folgen jeweils 
24 Stunden Freizeit. Der Schiffsarzt ist als Schiffsoffizier direkt der Schiffsführung unterstellt. Eine Begleitperson kann kostenfrei in der Dienstkabine mitfahren.

Für die Arbeit als Schiffsarzt kommen Fachärzte der Fachrichtungen Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Chirurgie oder Anästhesiologie infrage. Sie müssen über die Fachkunde Rettungsdienst oder die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin sowie über verschiedene Zertifikate (u. a. PALS) verfügen. Weiterhin sind sehr gute PC- und Englischkenntnisse erforderlich. "Fließendes Englisch ist unbedingte Voraussetzung, denn allein die Crewmitglieder kommen aus 40 verschiedenen Ländern", so Angelina Koehler, Head of Medical Department bei TUI Cruises.

www.tuicruises.com

Wenn ein Patient eine weiterführende Therapie benötigt, die an Bord organisatorisch oder logistisch nicht möglich ist, muss er ausgeschifft und in ein Krankenhaus der Maximalversorgung gebracht werden. "An Bord gibt es zum Beispiel kein Computer-CT und keinen Herzkatheter-Platz, wir können auch keine Unterschenkelfraktur operativ versorgen", sagt der Schiffsarzt. Er erinnert sich an einige seiner spektakulärsten Fälle: "Einmal mussten wir eine Herzinfarktpatientin vier Stunden lang intensivmedizinisch betreuen, bis sie mit einem Hubschrauber nach Madeira gebracht werden konnte."

Ein anderes Mal musste ein intubations- und beatmungspflichtiger Asthmapatient ausgeschifft werden – und zwar mitten im Suezkanal. "Normalerweise bleibt ein Schiff stehen, damit der Hubschrauber landen oder das Rettungsboot festmachen kann. Aber im Suezkanal ist das nicht erlaubt, weil so viele Schiffe dicht hintereinander den Kanal entlangfahren. Eine Ausschiffung vom fahrenden Schiff ist eine ziemliche Herausforderung für die Besatzung." Rettungsszenarien aller Art werden deshalb regelmäßig in verschiedenen Drills trainiert.

Zweimal jährlich auf See statt in der Universitätsmedizin

Etwa zweimal pro Jahr sticht Prof. Petutschnigg während seines Urlaubs mit einem Kreuzfahrtschiff in See und lässt während dieser Zeit seinen Arbeitsalltag als Leiter der Teaching Unit "Katastrophen- und spezielle Notfallmedizin" an der Universität Graz hinter sich. In zwei oder drei Jahren wird er in Rente gehen – und ist damit ein typischer Vertreter seiner Zunft: "Etwa 75 % der Schiffsärzte stehen noch aktiv im Berufsleben oder stehen kurz vor dem Ruhestand, die restlichen 25 % sind frisch pensioniert."

Mit den Konditionen der schiffs­ärztlichen Tätigkeit ist der Professor zufrieden: "Das Gehalt ist vergleichbar mit dem Verdienst an Land, außerdem habe ich Kost und Logis frei." Als Schiffsoffizier stehen ihm alle Restaurants an Bord offen – und seine Ehefrau kann er kostenlos mit auf Reisen nehmen. Ein Traumjob, wie er findet, "sofern man keine Erwartungen hegt, die sich an der Fernsehserie 'Traumschiff' orientieren – man muss sich darüber im Klaren sein, dass man einen Arbeitsvertrag zu erfüllen hat".

Quelle: Medical-Tribune-Bericht 


Professor Dr. Berthold Petutschnigg tauscht zweimal jährlich seinen Klinikkittel gegen die Uniform des Schiffsarztes.