Rollenspiele: Wie sage ich es meinem Patienten?

Praxismanagement , Patientenmanagement Autor: Caroline Mayer, Fotos: C. Mayer

C. Mayer

An der Uni München üben Studenten in Rollenspielen schwierige Gesprächssituationen. Das gehört zur Pflicht.

Die Patientin betritt langsam, mit gesenktem Kopf das Sprechzimmer, setzt sich auf die Vorderkante des angebotenen Stuhls. Sie klammert sich an ihre Umhängetasche. Die Ärztin beugt sich nach vorne, blickt die Patientin freundlich an und fragt, wie es ihr geht. "Ich bin gekommen, weil ich das Ergebnis des Tests wissen möchte", sagt die Patientin leise. "Ich habe so schreckliche Angst."

Die Frau hat sich mit HIV angesteckt, die Ärztin muss es ihr sagen. Eine Situation, vor der sich viele junge Ärzte fürchten und die auch für erfahrene Ärzte nie zur Routine wird. Doch kann man Einfühlungsvermögen und Souveränität lernen? Man kann und muss, betonen die medizinischen Fakultäten vieler deutscher Universitäten. Sie haben Pflichtkurse mit den Bezeichnungen "Patientenorientierte Kommunikation" oder "Breaking-Bad-News" in ihre Curricula aufgenommen.

Auch an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München ist die Teilnahme an einem solchen Kurs für alle Studenten im klinischen Studienabschnitt verpflichtend. In Gruppen von sechs Teilnehmern trainieren die angehenden Ärzte in Rollenspielen, einfühlsam und respektvoll auf Patienten einzugehen.

"Patienten sollen sich gehört und verstanden fühlen"

"Es gibt leider keinen Zweifel, Sie haben sich mit HIV infiziert", sagt die Studentin, der am heutigen Nachmittag die Rolle der Spezialistin in einer HIV-Ambulanz zugelost wurde. Die Patientin, im richtigen Leben eine Profi-Schauspielerin, bricht in Tränen aus.

Zunächst bietet die Studentin ihr ein Taschentuch an, fragt, ob sie eine Pause machen möchte. Als die Patientin den Kopf schüttelt, beginnt die angehende Ärztin, über Viruslast und Medikation zu sprechen.

Für einen Moment sieht es so aus, als würde sie den Kontakt zur Patientin verlieren, die immer lauter schluchzt und die Ausführungen offensichtlich nicht versteht. Doch als die "HIV-Expertin" behutsam ein paar gezielte Fragen stellt und die Patientin reden lässt, gelingt das Gespräch doch noch.

 

"Es ist wichtig, die Patienten nicht nur auf der Sachebene mit der medizinischen Information anzusprechen, sondern auch auf der emotionalen Ebene", sagt Oberärztin Dr. Pia Heußner, die den Kurs leitet. "Die Patienten sollen sich gehört und verstanden fühlen."

Die Psycho-Onkologin erklärt, worauf es ankommt: Blickkontakt halten, zuhören, Fragen stellen und herausfinden, wie viel die Patienten über ihre Krankheit und Prognose wirklich wissen wollen. Man solle die Patienten nicht mit Fachausdrücken oder zu vielen Details überfordern.

"Nach der Diagnose stehen die Patienten unter Schock und können die Information gar nicht aufnehmen", erklärt Dr. Heußner. Manchmal könne es daher besser sein, das Gespräch zu beenden und zeitnah einen neuen Termin zu vereinbaren.

Sie warnt aber davor, aus vermeintlicher Rücksichtnahme oder Verlegenheit Tabuwörter wie "Krebs" zu vermeiden. "Wenn die Diagnose klar ist, muss der Satz `Sie haben Krebs´ einmal deutlich im Gespräch fallen", sagt Dr. Heußner.

Ärzte sprechen von "Tumor" oder "Raumforderung"

Sie höre immer wieder von Patienten, die erst, wenn sie zur Chemotherapie kommen, begreifen, dass sie Krebs haben. Ihre Ärzte hätten vorher nur von einem "Tumor" oder einer "Raumforderung" gesprochen und die Diagnose hinter unverständlichem Fachchinesisch versteckt.

Kommunikation gewinnt in der Medizin an Bedeutung: Die Bundes­ärztekammer hat das Thema auf dem diesjährigen Ärztetag behandelt und setzt sich für mehr Fortbildungen ein. Die meisten Patientenbeschwerden lassen sich auf eine missglückte Kommunikation zurückführen. Bei Aufklärungsgesprächen können Kommunikationspannen sogar juristisch relevant werden.

Die Studenten an der LMU üben daher nicht nur das Überbringen schlechter Nachrichten, sondern auch andere typische Fälle: zum Beispiel den Lehrer mit Hashimoto-Thyreoiditis, der sich im Internet informiert hat und keine Schilddrüsenhormone schlucken möchte.

Die spätpubertierende Diabetes-Patientin, die wegen mangelnder Compliance zum zweiten Mal auf der Intensivstation gelandet ist und jetzt von ihrer Mutter in die Sprechstunde geschleift wird. Oder den alten Mann, der sich weigert, seine Frau nach einem Schlaganfall ins Pflegeheim zu geben, weil er ihr versprochen hat, dass dies nie passieren wird.

Übungsgespräche dauern siebeneinhalb Minuten

Die Studenten können sich vorab im Internet informieren, welche Fälle im Kurs vorkommen. Viele bereiten sich vor, müssen aber feststellen, dass es oft anders kommt, als man denkt. "Ich habe mir vorher schon eine Struktur für das Gespräch überlegt", sagt ein Student. "Aber es lief dann doch ganz anders." Die Kommunikationstechniken, die er an diesem Tag kennengelernt hat, würden ihm künftig aber sicherlich helfen.

Am Schluss kommt noch die Frage auf, wie viel Zeit die angehenden Ärzte in ihrem späteren Arbeitsalltag für ausführliche Patientengespräche haben werden. Die Übungsgespräche wurden jeweils nach etwa siebeneinhalb Minuten abgebrochen. Dieser Wert gilt als durchschnittliche Dauer eines Arzt-Patienten-Gesprächs. Nicht alle der schwierigen Übungssituationen konnten in dieser Zeit gelöst werden.