Diabetestherapie Wie man Patienten unterstützt, die ihren Diabetes nicht allein managen können

Patientenmanagement Autor: Isabel Aulehla

Mit Geduld und Feingefühl gelingt die Therapie. Mit Geduld und Feingefühl gelingt die Therapie. © iStock/DenKuvaiev, iStock/invincible_bulldog
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Manche Menschen tun sich aus verschiedenen Gründen schwer, ihre Diabetestherapie selbst korrekt durch­zuführen. Der behandelnde Arzt kann aber einiges tun, um ihnen den Alltag leichter zu machen.

Alter, Analphabetismus, eine Lernbehinderung oder ein Aufenthalt im Krankenhaus: Es gibt viele Faktoren, die dafür sorgen können, dass Patientinnen und Patienten ihren Diabetes vorübergehend oder dauerhaft nicht selbst managen können. Auf der Herbsttagung der DDG erklärte Stephan Maxeiner, Internist und Diabetologe aus Bosenheim, was Mediziner tun können, damit die Therapie gelingt.

Alte und pflegebedürftige Menschen

Mit zunehmendem Alter fällt es manchen Patienten mit Diabetes schwerer, die richtige Insulindosis zu finden, die KE zu ermitteln oder ihre Hilfsmittel zu handhaben. Ärzte können beispielsweise die Dosispläne vereinfachen, schlug Maxeiner vor. Ein Faktor von 1,75 sei auch für jüngere Menschen schwer zu rechnen, gab er zu bedenken. Zudem sei auf eine große, gut lesbare Schrift in den Plänen zu achten. Braucht ein Patient Unterstützung, können unter Umständen seine Angehörigen hinzugezogen werden. Oft müssen diese sich allerdings erst einmal einarbeiten. Der behandelnde Arzt sollte bei Bedarf beratend zur Seite stehen. Werden Betroffene von Pflegekräften umsorgt, ist eine diabetesspezifische Schulung des Personals sinnvoll, insbesondere wenn es um Typ-1-Diabetes gehe. Oft seien die Pflegekräfte mit Typ-2-Diabetes vertrauter, berichtet Maxeiner.

Bei Schulungen sollte auch das Personal, das Nachtwachen und Wochenenddienste übernimmt, einbezogen werden. Für den Fall von Stoffwechselentgleisungen am Wochenende sollten Pläne hinterlegt sein, etwa ein Ketoazidoseschema für den Notdienst.

Möchten Mediziner lernen, wie sie Pflegekräfte im Umgang mit Patienten mit Diabetes schulen, hilft ihnen das „Train-the-Trainer“-Seminar der AG Geriatrie und Pflege der DDG. Allerdings würden Pflegekräfte hierfür nicht freigestellt, sondern müssten ihre Freizeit nutzen, so Maxeiner. Zudem sei die Frage der Kostenübernahme nicht geklärt.

Krankenhausaufenthalt von Patienten mit Diabetes

Entgegen einiger Erwartungen ist nicht unbedingt davon auszugehen, dass Klinikpersonal Patienten mit Diabetes fachkundig umsorgt. Insbesondere, wenn diese nicht mehr zum Selbstmanagement ihrer Erkrankung fähig sind, kann das problematisch werden. So seien Therapieverfahren wie Pumpe und Sensor im Krankenhaus weitgehend unbekannt. „Das sind ambulante Therapieverfahren“, erinnerte Maxeiner. Ärzte im Krankenhaus könnten den Sensor oft nicht auslesen, weil sie aus Gründen des Datenschutzes nicht auf die Clouddaten zugreifen dürfen. Auch ein Sensorwechsel erfolge oft nicht. Er habe im Gegenteil schon erlebt, dass Sensoren seiner Patienten samt Transmitter entfernt und entsorgt worden seien, berichtete der Diabetologe. Er empfiehlt daher mit einem Edding „nicht entfernen!“ auf den Sensor zu ­schreiben. Würden Patienten in einer Belegabteilung behandelt, sei dort unter Umständen gar kein Diabeteologe vertreten. Vor allem alte Menschen mit Typ-1-Diabetes würden von Ärzten anderer Fachrichtungen immer wieder fehlklassifiziert.

Um möglichen Problemen vorzubeugen, sollten Patienten vor einer Operation mit dem jeweilgen Mediziner sprechen und auf den Diabetes hinweisen, riet Maxeiner. Ambulante Ärzte könnten zudem anbieten, sich selbst an die Kollegen in der Klinik zu wenden, wenn dies dem Patienten lieber ist.

Menschen mit funktionellem Analphabetismus

Gering literalisierte Menschen können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, haben aber Probleme, zusammenhängende kürzere Texte zu verstehen. 2018 ging man von 6,2 Mio. betroffenen Erwachsenen in Deutschland aus. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Betroffener in der Praxis betreut wird, ist daher recht hoch. Oft würden diese jedoch nicht erkannt, berichtete Maxeiner. Sie wüssten ihre geringen Lese- und Schreibkenntnisse gut zu verbergen – etwa indem sie vorgäben, die Brille vergessen zu haben. Auch würden solche Patienten nicht auf schriftliche Einladungen reagieren.

Merken Ärzte, dass ein Patient gering literalisiert sein könnte, können sie Hilfe beim Ausfüllen von Formularen anbieten. Zudem gibt es Handreichungen, die erklären, wie solche Patienten angesprochen werden können. Möglicherweise hat der Betroffene Interesse an einem Alphabetisierungskurs.

Menschen mit Lernbehinderung

Für Menschen mit Lernbehinderung und Diabetes gebe es hierzulande kaum Informations- und Schulungsmaterial, kritisiert Maxeiner. In Großbritannien sei man weiter. Der Diabetologe empfiehlt etwa die Seite diabetes.org.uk.

Das Betreuungspersonal in beschützenden Einrichtungen habe meist einen sozialpädagogischen oder heilerzieherischen Hintergrund und daher nicht unbedingt Kenntnisse zum Diabetes. Der Arzt müsse sehr detaillierte Dosispläne schreiben und berücksichtigen, welche Tätigkeiten die Betreuenden ausführen dürfen und welche nicht. Die Pläne müssten oft nachjustiert werden.

Um Ärzte und Diabetesfachkräfte besser auf den Umgang mit Patienten mit Lernbehinderung vorzubereiten, sei es wichtig, das Thema in den Ausbildungen anzusprechen, betonte Maxeiner. Umgekehrt müssten für die Betreuenden Schulungs- und Informationsangebote zum Dia­betes entwickelt werden, für deren Wahrnehmen sie dann auch von ihrer Arbeit freigestellt werden. Und natürlich brauche es dringend auch Schulungsprogramme für Menschen mit Lernbehinderung, hob der Diabetologe hervor. Die Politik müsse handeln.

Kongressbericht: Diabetes Herbsttagung 2021

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