Mikro- und Nanoplastik als endokrine Disruptoren verdächtigt
Mikro- und Nanoplastik als endokrine Disruptoren verdächtigt
Kunststoffe haben seit ihrer massenweisen Einführung nahezu alle Lebensbereiche durchdrungen. Auch in lebenden Organismen finden sich ihre Spuren. Im Tiermodell führen Kunststoffe zu Hyperglykämie, Insulinresistenz und hepatischer Lipidakkumulation. Der menschliche Hormonkreislauf scheint ebenfalls empfindlich auf Exposition zu reagieren.
Mehr als die Hälfte des jemals produzierten Kunststoffs wurde erst nach dem Jahr 2000 hergestellt. „Aktuell fallen jährlich über 550 Millionen Tonnen an, bei einer globalen Recyclingrate von unter zehn Prozent. Das ist im negativen Sinn beeindruckend“, sagte der Regensburger Dermatologe Privatdozent Dr. Dennis Niebel.
Partikel sind als trojanische Pferde unterwegs
Mikro- und Nanoplastik (MNP) entstehen zum einen primär als bewusst eingesetztes Additiv in Kosmetikprodukten, weit häufiger jedoch als sekundäres Abfallprodukt durch Abrieb und Verwitterung – hierzulande schätzungsweise rund vier Kilogramm pro Person und Jahr. Die Partikel variieren stark in Größe, Form und Polymertyp. Einmal in die Umwelt eingetragen, verteilen sie sich unbemerkt über Luft, Wasser und Nahrungskette – ein Mechanismus, den Dr. Niebel als „Trojanisches-Pferd-Effekt“ beschrieb. In den menschlichen Organismus gelangen MNP über Haut, Lungen und Nahrungskette.
Das Wissen zu Auswirkungen auf den Glukosestoffwechsel stütze sich bislang überwiegend auf In-vitro-Studien oder Tierexperimente. So entwickelten Mäuse, die MNP inhalieren, u. a. eine persistierende Hyperglykämie, Insulinresistenz und erhöhte Triglyzeridwerte. Auch das Darmmikrobiom veränderte sich und führte zu einem gestörten Glukosestoffwechsel. Dr. Niebel räumte ein, dass tierexperimentelle Daten nur eingeschränkt auf unsere Spezies übertragbar sind. Doch es mehrten sich Hinweise, dass auch bei Menschen z. B. die orale Aufnahme von Polystyrolpartikeln zu hepatischer Fettakkumulation, gestörtem Lipidstoffwechsel und oxidativem Stress führt und atherosklerotische Prozesse begünstigt.
MNP als Störenfriede im hormonellen Crosstalk
Gestützt würden diese Beobachtungen auch durch eine aktuelle Veröffentlichung im Lancet, wonach MNP auf molekularer Ebene als endokrine Disruptoren wirken. Demnach sind hochgradig vaskularisierte endokrine Drüsen besonders exponiert: MNP ahmen Hormonsignale nach, stören intrazelluläre Signalkaskaden und unterbrechen den hormonellen Crosstalk, der für die systemische Homöostase essenziell ist.
„Leider gibt es bislang keine validen Verfahren, um MNP aus der Umwelt und aus unseren Körpern zu beseitigen“, erklärte Dr. Niebel. Er appellierte daher an die Ärzteschaft, Forschungslücken zu adressieren, nach Möglichkeit nachhaltige Produkte zu verwenden, Patient*innen aufzuklären und die eigene Position auch dafür zu nutzen, auf die Industrie einzuwirken. Denn schließlich trage auch der Medizinbetrieb, der selbst erhebliche Mengen Einwegplastik verursacht, Mitverantwortung.
Hitze erhöht Sterberisiko bei Diabetes um 20 Prozent
Diesen Sommer wurden in Deutschland wieder etliche Hitzerekorde geknackt. Wie sich hohe Umgebungstemperaturen auf Menschen mit Diabetes auswirken, wird derzeit in einem Cochrane-Review von einem interdisziplinären und multiprofessionellen Team um Privatdozentin Dr. Sabrina Schlesinger systematisch untersucht.
Beim Diabetes Kongress präsentierte sie vorläufige Ergebnisse aus der Analyse von rund 134 eingeschlossenen Studien: „Das relative Sterberisiko von Menschen mit Diabetes ist in Hitzewellen im Vergleich zu hitzefreien Perioden um etwa 20 % erhöht. Und mit jedem Temperaturanstieg um weitere fünf Grad steigt es um 13 %“, warnte sie. Auch ihr Hospitalisierungsrisiko liege in Hitzewellen um 12 % höher, mit einem Anstieg von 4 % je Fünf-Grad-Temperaturzunahme. Dr. Schlesinger betonte auch: „Obwohl Hitze nicht in allen Studien gleich definiert wurde, waren die Ergebnisse recht homogen und wiesen alle in dieselbe Richtung.“
Mehr über den Cochrane-Review und die Auswirkungen von Hitze hören Sie in der O-Ton-Diabetologie-Folge „Hitze- Risiken bei Diabetes“ mit Theresia Schoppe und Dr. Sebastian Petry von der AG Diabetes, Umwelt & Klima der DDG, erreichbar über die gängigen Portale.
Antje Thiel
Kunststoffe haben seit ihrer massenweisen Einführung nahezu alle Lebensbereiche durchdrungen. Auch in lebenden Organismen finden sich ihre Spuren. Im Tiermodell führen Kunststoffe zu Hyperglykämie, Insulinresistenz und hepatischer Lipidakkumulation. Der menschliche Hormonkreislauf scheint ebenfalls empfindlich auf Exposition zu reagieren.
Mehr als die Hälfte des jemals produzierten Kunststoffs wurde erst nach dem Jahr 2000 hergestellt. „Aktuell fallen jährlich über 550 Millionen Tonnen an, bei einer globalen Recyclingrate von unter zehn Prozent. Das ist im negativen Sinn beeindruckend“, sagte der Regensburger Dermatologe Privatdozent Dr. Dennis Niebel.
Partikel sind als trojanische Pferde unterwegs
Mikro- und Nanoplastik (MNP) entstehen zum einen primär als bewusst eingesetztes Additiv in Kosmetikprodukten, weit häufiger jedoch als sekundäres Abfallprodukt durch Abrieb und Verwitterung – hierzulande schätzungsweise rund vier Kilogramm pro Person und Jahr. Die Partikel variieren stark in Größe, Form und Polymertyp. Einmal in die Umwelt eingetragen, verteilen sie sich unbemerkt über Luft, Wasser und Nahrungskette – ein Mechanismus, den Dr. Niebel als „Trojanisches-Pferd-Effekt“ beschrieb. In den menschlichen Organismus gelangen MNP über Haut, Lungen und Nahrungskette.
Das Wissen zu Auswirkungen auf den Glukosestoffwechsel stütze sich bislang überwiegend auf In-vitro-Studien oder Tierexperimente. So entwickelten Mäuse, die MNP inhalieren, u. a. eine persistierende Hyperglykämie, Insulinresistenz und erhöhte Triglyzeridwerte. Auch das Darmmikrobiom veränderte sich und führte zu einem gestörten Glukosestoffwechsel. Dr. Niebel räumte ein, dass tierexperimentelle Daten nur eingeschränkt auf unsere Spezies übertragbar sind. Doch es mehrten sich Hinweise, dass auch bei Menschen z. B. die orale Aufnahme von Polystyrolpartikeln zu hepatischer Fettakkumulation, gestörtem Lipidstoffwechsel und oxidativem Stress führt und atherosklerotische Prozesse begünstigt.
MNP als Störenfriede im hormonellen Crosstalk
Gestützt würden diese Beobachtungen auch durch eine aktuelle Veröffentlichung im Lancet, wonach MNP auf molekularer Ebene als endokrine Disruptoren wirken. Demnach sind hochgradig vaskularisierte endokrine Drüsen besonders exponiert: MNP ahmen Hormonsignale nach, stören intrazelluläre Signalkaskaden und unterbrechen den hormonellen Crosstalk, der für die systemische Homöostase essenziell ist.
„Leider gibt es bislang keine validen Verfahren, um MNP aus der Umwelt und aus unseren Körpern zu beseitigen“, erklärte Dr. Niebel. Er appellierte daher an die Ärzteschaft, Forschungslücken zu adressieren, nach Möglichkeit nachhaltige Produkte zu verwenden, Patient*innen aufzuklären und die eigene Position auch dafür zu nutzen, auf die Industrie einzuwirken. Denn schließlich trage auch der Medizinbetrieb, der selbst erhebliche Mengen Einwegplastik verursacht, Mitverantwortung.
Hitze erhöht Sterberisiko bei Diabetes um 20 Prozent
Diesen Sommer wurden in Deutschland wieder etliche Hitzerekorde geknackt. Wie sich hohe Umgebungstemperaturen auf Menschen mit Diabetes auswirken, wird derzeit in einem Cochrane-Review von einem interdisziplinären und multiprofessionellen Team um Privatdozentin Dr. Sabrina Schlesinger systematisch untersucht.
Beim Diabetes Kongress präsentierte sie vorläufige Ergebnisse aus der Analyse von rund 134 eingeschlossenen Studien: „Das relative Sterberisiko von Menschen mit Diabetes ist in Hitzewellen im Vergleich zu hitzefreien Perioden um etwa 20 % erhöht. Und mit jedem Temperaturanstieg um weitere fünf Grad steigt es um 13 %“, warnte sie. Auch ihr Hospitalisierungsrisiko liege in Hitzewellen um 12 % höher, mit einem Anstieg von 4 % je Fünf-Grad-Temperaturzunahme. Dr. Schlesinger betonte auch: „Obwohl Hitze nicht in allen Studien gleich definiert wurde, waren die Ergebnisse recht homogen und wiesen alle in dieselbe Richtung.“
Mehr über den Cochrane-Review und die Auswirkungen von Hitze hören Sie in der O-Ton-Diabetologie-Folge „Hitze- Risiken bei Diabetes“ mit Theresia Schoppe und Dr. Sebastian Petry von der AG Diabetes, Umwelt & Klima der DDG, erreichbar über die gängigen Portale.
Antje Thiel
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