Mehr Sachlichkeit, weniger Scham
Warum tragen Körperteile wie „Schamlippen“ und „Schambein“ noch immer das Wort „Scham“ in sich? Im Jahr 2026 ist es an der Zeit zu fragen, ob es für den Intimbereich auch sachliche und unbelastete Bezeichnungen gibt. Ein Kommentar.
Schamhaare, Schamlippen, Schambein – in drei alltäglichen anatomischen Begriffen steckt ein Wort, das ursprünglich mit Beschämung und Schande verbunden war. Im Jahr 2026 sollten wir deshalb zumindest fragen, ob diese Bezeichnungen noch die besten sind.
Das Wort „Scham“ stammt vom althochdeutschen „scama“ ab, was ursprünglich so viel bedeutete wie „Beschämung“ oder „Schande“. Im Deutschen entwickelte sich daraus neben der Bezeichnung für ein Gefühl auch eine verhüllende Bezeichnung für die Geschlechtsteile. Für diese zweite Bedeutung gibt es zahlreiche Belege, so z.B. in der Lutherbibel (1. Mose 9,23), wo es heißt „Da nahm Sem und Japheth ein Kleid (…) und deckten ihres Vaters Scham zu“. Noch deutlicher wird die Verbindung von weiblicher Sexualität und „Scham“ bei Friedrich Schiller. In Die Räuber droht Franz Moor Amalia von Edelreich mit sexueller Gewalt: „An den Haaren will ich dich in die Kapelle schleifen, den Degen in der Hand, (…) dein jungfräuliches Bette mit Sturm ersteigen, und deine stolze Scham mit noch größerem Stolze besiegen.“
Und heute? Verwenden wir im Deutschen noch immer selbstverständlich Begriffe, die das Wort „Scham“ enthalten, wenn es um den (weiblichen) Intimbereich geht. Dabei gäbe es zahlreiche Möglichkeiten, diesen Begriff aus uralten Zeiten gegen etwas Neutraleres, weniger Belastetes auszutauschen. Die Niederlande haben vorgemacht, wie es gehen kann: Dort wurde kürzlich angekündigt, dass das Wort „Vulvalippen“ in das niederländische Standardwörterbuch aufgenommen wird. „Schaamlippen“ bleibt zwar als Begriff ebenfalls erhalten, es kommt aber mit „Vulvalippen“ eine anatomisch präzisere, sachliche Alternative hinzu. Warum sollte das in Deutschland nicht auch möglich sein?
In den sozialen Medien wird das Thema kontrovers diskutiert. Neben Zustimmung gibt es auch skeptische und teils vehemente Reaktionen. „Ich habe bei Schamlippen noch nie an Scham gedacht“, heißt es etwa. Andere fragen „Muss man aus allem ein Problem machen?“ oder machen sich mit Einwänden wie „Sollten wir dann auch Gegut statt Geschlecht sagen?“ über den Vorschlag lustig. Es ist wie so oft, wenn es um Sprache und ihre Wirkung geht: Die einen sind offen für Veränderung und fordern diese auch ein, die anderen versuchen vehement, sich gegen die Veränderung zu wehren.
Das Wichtige bei solchen Debatten ist zuerst einmal, dass man sie überhaupt führt. Ob jemand beim Wort „Schamlippen“ spontan an Scham denkt, ist sicher individuell. Sprache wirkt jedoch nicht nur über bewusste Assoziationen, sondern prägt auch (häufig unbewusst), welche Begriffe uns für Körper und Körperteile selbstverständlich erscheinen. Es sollte bei dieser Debatte nicht darum gehen, ein vertrautes Wort zu verbieten. Vielmehr braucht es neben „Schamlippen“ endlich auch eine anatomisch präzise und weniger belastete Alternative. Und vielleicht wird diese irgendwann ganz selbstverständlich genutzt.
Kathrin Strobel
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