Das schlechte Gewissen hat keine Arbeitszeiten
Frühstücksdosen, Fahrdienste, Klinik und Förderantrag: Teilzeit lässt die Tage junger Ärztinnen nicht kürzer werden, sondern teilt sie zwischen Familie, Forschung und Beruf. Eine Kolumne über das Jonglieren – und darüber, was liegen bleiben darf.
„Du arbeitest doch nur drei Tage die Woche.“ Ein Satz, der zunächst nach erstaunlich viel freier Zeit klingt. Tatsächlich bedeutet Teilzeit für eine wissenschaftlich tätige Ärztin mit Kindern aber vor allem, dass zwei ziemlich ausfüllende Welten aufeinanderprallen und irgendwie verteilt werden müssen.
An den Familientagen ist frau nicht im Krankenhaus. Dafür gibt es Frühstücksdosen, Wäscheberge, Fahrdienste und Kinder, die mit beeindruckender Zuverlässigkeit gleichzeitig etwas brauchen. Care-Arbeit kennt weder Feierabend noch Mittagspause. Und irgendwo zwischen Schule, Hausaufgabenbetreuung, Hobby und Abendessen meldet sich trotzdem die Stimme im Hinterkopf: Da sind noch E-Mails. Das Manuskript wartet. Und der Förderantrag schreibt sich leider auch nicht von allein.
An den Arbeitstagen funktioniert es erstaunlicherweise genau andersherum. Dann versucht frau, Klinik, Termine und Wissenschaft möglichst effizient unterzubringen – und denkt gleichzeitig daran, was zu Hause gerade passiert. Bin ich genug da? Verpasse ich etwas? Während beruflich möglichst alles so funktionieren soll, als gäbe es da keine Familie, schwingt gesellschaftlich manchmal genauso die Erwartung mit, Familie so zu leben, als hätte man keinen Beruf.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Spagat: nicht zwischen Familie und Karriere, sondern zwischen all den Erwartungen – den eigenen und denen von außen. Ich lerne zunehmend, dass Vereinbarkeit nicht bedeuten muss, jeden Ball jederzeit perfekt in der Luft zu jonglieren. Manche dürfen auch einmal herunterfallen und liegen bleiben. Eine E-Mail bis morgen. Die Wäsche bis übermorgen. Und manchmal (sehr oft!) gibt es eben Brot mit Gurkenscheiben und ein gekochtes Ei zum Abendessen.
Diese beiden Welten zu haben, ist unglaublich bereichernd und wer es kennt, ehrgeizig ist, aber auch ein fürsorglicher Familienmensch, die möchte weder auf die eine noch auf die andere Welt verzichten. Vielleicht geht es deshalb weniger um perfekte Balance als darum, immer wieder neu auszutarieren, was gerade wichtig ist – und dabei mit sich selbst ein bisschen großzügiger zu sein.
Mit dieser Kolumne möchte ich in den kommenden Ausgaben über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schreiben – über die kleinen und großen Herausforderungen, aber auch über die schönen Seiten dieses „Doppelalltags“ zwischen Familie, Klinik und Wissenschaft. Nicht als Ratgeber für perfekte Vereinbarkeit – die gibt es vermutlich ohnehin nicht –, sondern als persönlicher Blick auf das tägliche Jonglieren zwischen verschiedenen Welten.
PD Dr. Maike Trommer
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