Praxiskolumne

Das Ende der Kassenmedizin naht

Aus der Praxis
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Stand: 
|Lesezeit: 3 Min

Also, auf jeden Fall für mich ist es gekommen, das Ende der Kassenmedizin. Was hat dazu geführt, dass ich meinen KV-Sitz abgegeben habe?

Nun, letztlich war es die Gesundheit, die mich dazu gebracht hat, mich von meinen KV-Sitz zu trennen. Der Ausfall von uns beiden Ärztinnen über mehr als ein halbes Jahr traf auf ein stark strapaziertes Team, das bereits über Monate aufgrund von Ausfällen zwei Sitze mit einer Ärztin schaffen musste.Wir wussten, das geht nicht noch mal. Auch meine Vertreterin konnte unter dem Druck der beiden Sitze einfach nicht mehr. Während der Druck sowieso weiter steigt.

Den Patient:innen sind unser KV-System und die abstrusen Gängelungen darin gar nicht bekannt. Dass wir quasi für Zulassungen Geld bezahlen, aber dennoch verpflichtet sind, Teile der Einnahmen an die KV abzugeben – damit sie uns dann wiederum vorschreibt, wie viele Sprechstunden wir anbieten müssen und was wirtschaftlich ist. Und dass wir Ärzt:innen mit unserem Vermögen für alles haften. 

Abschied

Fünf Jahre lang hat Dr. ­Cornelia Werner an dieser Stelle ihr Erleben und ihre Erfahrungen als Hausärztin in einer Gemeinschaftspraxis mit uns geteilt. Heute verabschiedet sie sich von uns. Wir wünschen ihr alles Gute für ihre neue Perspektive und hoffen, dass wir als ­Medical Tribune zu anderen Gelegenheiten weiter mit ihr im Austausch stehen werden.

Sind wir also überhaupt frei in unserer medizinischen Entscheidung? Ist das nicht wie eine Scheinselbstständigkeit, in der wir die komplette Verantwortung tragen, aber nicht frei handeln können?

Die kommende Reform wird die Situation verschärfen. Denn es werden Dinge gekürzt, die den Praxisbetrieb über Quersubvention aufrechterhalten haben wie die offene Sprechstunde und der Hausarztvermittlungsfall. Die Praxen werden gucken müssen, ab wann sie nicht mehr wirtschaftlich arbeiten. Und vermehrt Selbstzahlerleistungen anbieten. Was zu einer Verschärfung des Zweiklassensystems führt. 

Praxen sind Wirtschaftsunternehmen! Es ist perfide, dass wir vorgeschrieben bekommen, wie viel wir abrechnen dürfen, und es trotz massiv steigender Kosten nicht einmal einen anständigen Inflationsausgleich gibt. Und gleichzeitig wird den Bürger:innen von Politik und Kassen erzählt, dass sie Anspruch auf alles haben, was Ärztin oder Arzt für notwendig hält. „Bringen Sie mir schriftlich, dass ich das regressfrei verordnen darf“, sage ich dann. Ich habe noch nie so ein Schriftstück erhalten.

Wie kann eine Praxis noch funktionieren? Durch Masse. Ohne Zeit zum Zuhören, ohne Zeit, sich mit komplizierteren Anliegen zu beschäftigen. Alles „quick and dirty“. Krank? Hier, die AU, eine Woche, Antibiose, Ibu. Komplizierter? Hier, die Facharztüberweisung. Das ist wirtschaftlich. Ist das Medizin? Nicht so, wie ich sie machen möchte und die meisten Ärzt:innen sie wollen. Aber der Druck treibt sie dahin.

Selbst hatte ich natürlich auch keine 08/15-Erkrankung. Eine orthopädisch-neurologische postinfektiöse Problematik. Gegen die man nicht impfen kann. Leider mit Residuum. Da bekommt man auch mal selbst mit, wie man als bedürftige Person den Umfang der geplanten Sprechstunden sprengt. Und das als Kollegin.

Ich werde jetzt in deutlich geringerem Umfang wieder ärztlich tätig. Ich freue mich darauf, dass ich entscheiden kann, was jemand braucht, und nicht übernehmen muss, was andere für wirtschaftlich halten. Dass nur noch drei Jahre lang diese grässlichen Regressbriefe kommen. Dass ich nicht mehr rechtfertigen muss, was ich nicht verordne, auch wenn die liebe Kassendame das am Telefon zugesagt hat.    

Ich habe jetzt 20 Jahre nach den Spielregeln dieses Systems gearbeitet. Jetzt möchte ich wieder mit Freude Ärztin sein. Hätte ich den Mut zu diesem Schritt gehabt, wenn ich nicht hätte müssen? Vermutlich nicht. Denn die Entscheidung ist teuer, wirtschaftlich wie emotional. Aber ich bin optimistisch, dass diese Art zu arbeiten mir und den Patient:innen besser tut. Die Kolleg:innen, die in dem System bleiben, haben meinen Respekt – vom System wird definitiv niemand von euch ausreichend respektiert.

Dr. Cornelia Werner

Dr. Cornelia Werner

Dr. Cornelia Werner ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und schreibt regelmäßig Kolumnen aus der Praxis für die Medical Tribune.

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