Vor Rassismus schützt auch kein weißer Kittel
Vor Rassismus schützt auch kein weißer Kittel
Ein Gespräch mit einem Ärztekammerpräsident mit Migrationsgeschichte über Diskriminierung im ärztlichen Alltag, fehlende Studien und den Umgang mit Patientinnen bzw. Patienten, die ärztliche Versorgung nicht von jedem annehmen wollen.
Dr. Pedram Emami, Facharzt für Neurochirurgie am UKE Hamburg, wurde 2018 als erste Person mit Migrationshintergrund zum Präsidenten einer Ärztekammer in Deutschland gewählt. Seine Migrationsgeschichte hat dabei in keiner Richtung eine Rolle gespielt, davon ist er überzeugt.
Trotzdem ist seine grundsätzliche Analyse: „Manchmal ist es leider egal, was man kann. Am Ende zählt doch die Herkunft.“ In unserer aktuellen Podcastfolge von O-Ton Allgemeinmedizin sprechen wir mit ihm über das Problem der Diskriminierung von Ärztinnen und Ärzten, denen man einen – manchmal nur vermeintlichen – Migrationshintergrund anmerkt.
Rassistische Denkmuster richten sich auch gegen Ärztinnen und Ärzte
Wie verbreitet biologistische Vorstellungen über menschliche „Rassen“ in der Bevölkerung sind, zeigt der aktuelle Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa). In der Studie stimmten 36 % der Befragten der Aussage zu, dass es unterschiedliche menschliche Rassen gebe – was wissenschaftlich keine Grundlage hat –, und fast zwei Drittel gaben an, dass gewisse Völker „von Natur aus fleißiger“ seien. Nicht erstaunlich also, dass nahezu drei Viertel der rassistisch markierten Befragten – also Personen, denen vermeintliche oder echte Merkmale einer Migrationsgeschichte zugeschrieben werden – von alltäglichen Diskriminierungserfahrungen berichten.
Speziell mit dem Blick auf Ärztinnen und Ärzte gibt es offensichtlich in Deutschland bislang keine Studien. Dr. Emami bedauert, dass die NaDiRa-Studie diesen Aspekt kaum berücksichtigt habe. So entstehe der Eindruck, Diskriminierung verlaufe nur vom medizinischen Personal zu den Patientinnen und Patienten.
Fortbildungen, Lehrmaterial und Leitfäden
Das Programm „Empowerment für Diversität – Allianz für Chancengerechtigkeit in der Gesundheitsversorgung“ ist an der Charité – Universitätsmedizin Berlin verortet und will Vielfalt und soziale Gerechtigkeit als zentrale Prinzipien in der medizinischen Lehre und Praxis verankern: https://www.empowerment-diversitaet.de/
Genauso gebe es aber auch den umgekehrten Weg und auch Diskriminierung innerhalb der Teams, zwischen den Berufsgruppen und zwischen Vorgesetzten und Nachgeordneten. Seiner Wahrnehmung nach findet gerade nach einer langen Zeit wachsender Sensibilisierung eine Gegenreaktion statt. Abwertendes Verhalten sei wieder salonfähiger geworden.
Eine Anlaufstelle, die Missstände sichtbar machen soll
Im Bewusstsein des Problems hat die Ärztekammer Hamburg 2023 eine Anlaufstelle gegen Diskriminierung eingerichtet, die sich ausdrücklich an Ärztinnen und Ärzte wendet. Die Anlaufstelle bietet zunächst einen vertraulichen Raum. Die Steuerung, was nach einem Gespräch passiert, liegt vollständig in der Hand der betroffenen Person. Trotzdem trauen sich Betroffene oft nicht, diesen formalen Weg einzuschlagen. Dabei sei der Zweck der Anlaufstelle nicht, Personen zu bestrafen, sondern Missstände sichtbar zu machen, betont Dr. Emami.
Ärztinnen und Ärzte seien ein leidensfähiges Volk. Positiv formuliert sind sie resilient, so Dr. Emami, das habe man trainiert, doch: „Die Kehrseite der Medaille ist, dass wir manchmal glauben, aus Pflichtgefühl und übertriebener Leidensbereitschaft jeden Missstand ertragen zu müssen.“
Auch Machtgefälle ist ein Nährboden für Diskriminierung
Diskriminierung sei oft ein Instrument des Machtmissbrauchs: Gerade in Strukturen, in denen etwa Anstellung, Weiterbildung, Promotion und Habilitation von einer einzelnen Person abhängen, entstehen Abhängigkeiten, in denen Untergebene eher schweigen. Umso wichtiger sind dann die Kolleginnen und Kollegen: Erlebt eine rassistisch markierte Person eine Diskriminierung, rät Dr. Emami dazwischenzugehen und Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht allein sind – auch wenn das nicht immer leicht ist.
Wichtig sei dabei Klarheit und der Verzicht auf den moralischen Zeigefinger. Moralismen helfen nicht, sie verhärten die Fronten. Und wenn Sie jetzt wissen möchten, wie Dr. Emami konkret mit Menschen umgeht, die rassistisch markiertes medizinisches Personal ablehnen, dann hören Sie unsere neue Folge von O-Ton Allgemeinmedizin.
Anouschka Wasner
Mehr zum O-Ton Allgemeinmedizin
Den Podcast O-Ton Allgemeinmedizin gibt es alle 14 Tage donnerstags auf den gängigen Podcast-Plattformen. Abonnieren Sie uns und machen Sie auch gerne Themenvorschläge. Kontakt zur Redaktion unter: o-ton-allgemeinmedizin@medtrix.group
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Ein Gespräch mit einem Ärztekammerpräsident mit Migrationsgeschichte über Diskriminierung im ärztlichen Alltag, fehlende Studien und den Umgang mit Patientinnen bzw. Patienten, die ärztliche Versorgung nicht von jedem annehmen wollen.
Dr. Pedram Emami, Facharzt für Neurochirurgie am UKE Hamburg, wurde 2018 als erste Person mit Migrationshintergrund zum Präsidenten einer Ärztekammer in Deutschland gewählt. Seine Migrationsgeschichte hat dabei in keiner Richtung eine Rolle gespielt, davon ist er überzeugt.
Trotzdem ist seine grundsätzliche Analyse: „Manchmal ist es leider egal, was man kann. Am Ende zählt doch die Herkunft.“ In unserer aktuellen Podcastfolge von O-Ton Allgemeinmedizin sprechen wir mit ihm über das Problem der Diskriminierung von Ärztinnen und Ärzten, denen man einen – manchmal nur vermeintlichen – Migrationshintergrund anmerkt.
Rassistische Denkmuster richten sich auch gegen Ärztinnen und Ärzte
Wie verbreitet biologistische Vorstellungen über menschliche „Rassen“ in der Bevölkerung sind, zeigt der aktuelle Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa). In der Studie stimmten 36 % der Befragten der Aussage zu, dass es unterschiedliche menschliche Rassen gebe – was wissenschaftlich keine Grundlage hat –, und fast zwei Drittel gaben an, dass gewisse Völker „von Natur aus fleißiger“ seien. Nicht erstaunlich also, dass nahezu drei Viertel der rassistisch markierten Befragten – also Personen, denen vermeintliche oder echte Merkmale einer Migrationsgeschichte zugeschrieben werden – von alltäglichen Diskriminierungserfahrungen berichten.
Speziell mit dem Blick auf Ärztinnen und Ärzte gibt es offensichtlich in Deutschland bislang keine Studien. Dr. Emami bedauert, dass die NaDiRa-Studie diesen Aspekt kaum berücksichtigt habe. So entstehe der Eindruck, Diskriminierung verlaufe nur vom medizinischen Personal zu den Patientinnen und Patienten.
Fortbildungen, Lehrmaterial und Leitfäden
Das Programm „Empowerment für Diversität – Allianz für Chancengerechtigkeit in der Gesundheitsversorgung“ ist an der Charité – Universitätsmedizin Berlin verortet und will Vielfalt und soziale Gerechtigkeit als zentrale Prinzipien in der medizinischen Lehre und Praxis verankern: https://www.empowerment-diversitaet.de/
Genauso gebe es aber auch den umgekehrten Weg und auch Diskriminierung innerhalb der Teams, zwischen den Berufsgruppen und zwischen Vorgesetzten und Nachgeordneten. Seiner Wahrnehmung nach findet gerade nach einer langen Zeit wachsender Sensibilisierung eine Gegenreaktion statt. Abwertendes Verhalten sei wieder salonfähiger geworden.
Eine Anlaufstelle, die Missstände sichtbar machen soll
Im Bewusstsein des Problems hat die Ärztekammer Hamburg 2023 eine Anlaufstelle gegen Diskriminierung eingerichtet, die sich ausdrücklich an Ärztinnen und Ärzte wendet. Die Anlaufstelle bietet zunächst einen vertraulichen Raum. Die Steuerung, was nach einem Gespräch passiert, liegt vollständig in der Hand der betroffenen Person. Trotzdem trauen sich Betroffene oft nicht, diesen formalen Weg einzuschlagen. Dabei sei der Zweck der Anlaufstelle nicht, Personen zu bestrafen, sondern Missstände sichtbar zu machen, betont Dr. Emami.
Ärztinnen und Ärzte seien ein leidensfähiges Volk. Positiv formuliert sind sie resilient, so Dr. Emami, das habe man trainiert, doch: „Die Kehrseite der Medaille ist, dass wir manchmal glauben, aus Pflichtgefühl und übertriebener Leidensbereitschaft jeden Missstand ertragen zu müssen.“
Auch Machtgefälle ist ein Nährboden für Diskriminierung
Diskriminierung sei oft ein Instrument des Machtmissbrauchs: Gerade in Strukturen, in denen etwa Anstellung, Weiterbildung, Promotion und Habilitation von einer einzelnen Person abhängen, entstehen Abhängigkeiten, in denen Untergebene eher schweigen. Umso wichtiger sind dann die Kolleginnen und Kollegen: Erlebt eine rassistisch markierte Person eine Diskriminierung, rät Dr. Emami dazwischenzugehen und Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht allein sind – auch wenn das nicht immer leicht ist.
Wichtig sei dabei Klarheit und der Verzicht auf den moralischen Zeigefinger. Moralismen helfen nicht, sie verhärten die Fronten. Und wenn Sie jetzt wissen möchten, wie Dr. Emami konkret mit Menschen umgeht, die rassistisch markiertes medizinisches Personal ablehnen, dann hören Sie unsere neue Folge von O-Ton Allgemeinmedizin.
Anouschka Wasner
Mehr zum O-Ton Allgemeinmedizin
Den Podcast O-Ton Allgemeinmedizin gibt es alle 14 Tage donnerstags auf den gängigen Podcast-Plattformen. Abonnieren Sie uns und machen Sie auch gerne Themenvorschläge. Kontakt zur Redaktion unter: o-ton-allgemeinmedizin@medtrix.group