Koselugo®: Patientenzentriertes Therapiemanagement bei Neurofibromatose Typ 1
Koselugo® (Selumetinib) ist zugelassen für die Behandlung von Kindern ab 3 Jahren, Jugendlichen und Erwachsenen mit Neurofibromatose Typ 1 (NF1) und symptomatischen, inoperablen plexiformen Neurofibromen (PN).1Um die Adhärenz während einer langfristigen Therapie zu unterstützen, ist eine umfassende und frühzeitige Aufklärung über den Wirkeintritt sowie potenzielle Nebenwirkungen entscheidend. Im Folgenden erhalten Sie einen praxisorientierten Überblick, wie Sie Ihre NF1-Patient:innen unter Koselugo® optimal begleiten können.
Adhärenz in der langfristigen Therapie von NF1
NF1 ist eine seltene, genetisch bedingte Multisystemerkrankung.2 Viele klinische Symptome sind auf NF1-assoziierte Neurofibrome zurückzuführen.3 Besonders relevant sind PN, die bei 30–56 % der NF1-Patient:innen auftreten und durch Druck auf umliegende Organe, Gewebe und Nerven zu Schmerzen, Entstellungen sowie motorischen und funktionellen Einschränkungen führen können.4–8 Eine heilende Therapie der NF1 ist derzeit nicht verfügbar.9
Die Behandlung NF1-assoziierter PN erfolgt symptomorientiert und umfasst:
die sorgfältige Beobachtung asymptomatischer PN (Watch and Wait)4,7
die chirurgische Resektion symptomatischer, operabler PN4,7
die medikamentöse Behandlung symptomatischer, inoperabler PN, z. B. mit Koselugo® (Selumetinib)1
Obwohl NF1 nicht heilbar ist, können geeignete symptomatische Therapien die Krankheitslast senken und die Lebensqualität verbessern.4,10 Angesichts des progredienten Verlaufs ist eine hohe Therapieadhärenz entscheidend, um das Fortschreiten zu begrenzen.11 Gerade bei langfristigen Therapien ist die Adhärenz jedoch häufig gefährdet, insbesondere bei verzögert erkennbarem Behandlungserfolg.12,13
Eine offene, transparente Kommunikation, realistische Zielsetzungen sowie ein regelmäßiges Monitoring des Therapieansprechens können zur Stärkung der Adhärenz beitragen.14Zudem ist es sinnvoll, Patient:innen und Angehörige bei auftretenden Nebenwirkungen zu begleiten und gemeinsame Strategien für das Nebenwirkungsmanagement zu entwickeln.3,15
Therapieansprechen unter Koselugo®
Koselugo® (Selumetinib) ist für die langfristige Behandlung von Kindern ab 3 Jahren, Jugendlichen und Erwachsenen mit NF1 und symptomatischen, inoperablen PN indiziert.1 Die Therapie sollte so lange fortgesetzt werden, wie ein klinischer Nutzen beobachtet wird und keine inakzeptablen Unverträglichkeiten auftreten.1
Unter Koselugo® kann der Zeitraum bis zum Eintritt einer klinischen Verbesserung variieren.10,16 In den zulassungsrelevanten SPRINT-Phase-II- und KOMET-Phase-III-Studien betrug die mediane Dauer bis zum ersten Therapieansprechen* unter Selumetinib 7,2 Monate bei pädiatrischen und 3,7 Monate bei erwachsenen NF1-Patient:innen mit symptomatischen, inoperablen PN.10,16 In Einzelfällen wurde ein Ansprechen nach mehr als drei Jahren beobachtet.10
Die Latenz bis zum ersten Tumoransprechen kann für Patient:innen und Angehörige emotional belastend sein und das Risiko vorzeitiger Therapieabbrüche erhöhen.17 Daher ist es entscheidend, frühzeitig über den erwartbaren klinischen Verlauf zu informieren und eine realistische Erwartungshaltung zum Wirkeintritt aufzubauen. Ergänzend können regelmäßige Verlaufskontrollen, beispielsweise über bildgebende Verfahren, die Adhärenz zusätzlich fördern, da sie auch nicht unmittelbar sicht- oder spürbare Veränderungen abbilden können.2 Auch die systematische Erfassung der Schmerzintensität sowie der schmerzbedingten Einschränkungen kann sich positiv auf die Therapietreue auswirken.18
Mögliche Maßnahmen zum Monitoring des Therapieansprechens:10,16
Bildgebende Verfahren, z. B. volumetrische MRT
Schmerzskalen, z. B. PAINS-pNF, PII-pNF, NRS
Fragebögen zur Erfassung der Lebensqualität, z. B. PedsQL
Weitere Fragebögen: z. B. GIC, PROMIS® Mobility and Upper Extremity
Therapiemanagement
Die häufigsten unter Koselugo® beobachteten unerwünschten Ereignisse (UE) waren in der Regel mild bis moderat (Grad 1–2) und betrafen vorrangig den Gastrointestinaltrakt sowie Haut und Nägel.1 Obwohl in den meisten Fällen keine Dosisunterbrechungen oder -reduktionen erforderlich waren,1 können UE als belastend wahrgenommen werden und die Therapieadhärenz gefährden.3,17
Angesichts des therapeutischen Potenzials von Koselugo® bei NF1-Patient:innen mit symptomatischen, inoperablen PN ist ein sorgfältiges Nebenwirkungsmanagement entscheidend, um vorzeitige Therapieabbrüche zu verhindern und das Fortschreiten der Erkrankung einzudämmen.3,19 Dazu zählen sowohl prophylaktische Alltagsmaßnahmen – wie eine Anpassung der Ernährung und konsequente Hautpflege – als auch supportive medikamentöse Behandlungen nach Bedarf (Tabelle 1).3 Gleichzeitig sind psychologische und soziale Belastungen durch UE zu berücksichtigen. Sofern erforderlich, sollten Psycholog:innen oder soziale Beratungsstellen in den Therapieprozess eingebunden werden.3
Tabelle 1: Mögliche Maßnahmen zur Prophylaxe und Therapie potenzieller UE unter Koselugo®3
Nebenwirkung | Prophylaxe | Behandlung |
Stomatitis | Sorgfältige Mundhygiene, Verwendung weicher Zahnbürsten, antiseptische Mundspülungen | Topische Anwendung von betäubenden oder entzündungshemmenden Mundgelen, Analgetika |
Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö | Vermeidung von fettigen, sehr salzigen und frittierten Lebensmitteln, Meiden von scharfen Gewürzen und Alkohol; Ernährungsberatung | Antiemetika, Antidiarrhoika, Ausgleich von Wasser- und Elektrolythaushalt |
Akneähnliche und nicht-akneähnliche Hautausschläge | Regelmäßiges Eincremen mit rückfettenden Feuchtigkeitscremes, Sonnenschutz, Vermeiden von kratziger Kleidung | Topische Anwendung von Antibiotika, Glucocorticoiden oder Antimykotika; |
Paronychie | Vermeidung von Verletzungen an Finger- oder Fußnägeln z. B. durch Nagelkauen oder zu enge Schuhe | Topische Anwendung von Antibiotika, Glucocorticoiden oder Antiseptika |
Dosisanpassungen unter Koselugo®
Je nach individueller Sicherheit und Verträglichkeit kann es in einigen Fällen erforderlich sein, die Dosis von Koselugo® zu reduzieren oder die Therapie vorübergehend bzw. dauerhaft abzusetzen.1 Dosisreduktionen und (temporäre) Unterbrechungen sind gemäß Fachinformation zulässig und ermöglichen ein individuelles Therapiemanagement mit dem Ziel, vorzeitige Abbrüche zu vermeiden.1
Wird Koselugo® vorübergehend abgesetzt, ist ein engmaschiges Monitoring essenziell, um einen geeigneten Zeitpunkt für die Wiedereinleitung zu bestimmen. Bei der Wiederaufnahme der Therapie ist eine Reduktion um eine Dosisstufe vorgesehen.1 Bei Patient:innen, die Koselugo® nach zwei Dosisreduzierungen nicht vertragen, sollte die Behandlung dauerhaft abgesetzt werden.1
Tabelle 2: Empfohlene Dosisanpassungen bei Nebenwirkungen1
CTCAE-Grad | Empfohlene Dosisanpassung |
Grad 1 oder 2 (tolerierbar – kann mit unterstützender Behandlung kontrolliert werden) | Fortsetzung der Therapie und Überwachung wie |
Grad 2 (nicht tolerierbar – kann nicht mit unterstützender Behandlung kontrolliert werden) oder Grad 3 | Unterbrechung der Behandlung bis zur Toxizität Grad 0 oder 1 und Reduktion um eine Dosisstufe bei Wiederaufnahme der Therapie |
Grad 4 | Unterbrechung der Behandlung bis zur Toxizität Grad 0 oder 1, Reduktion um eine Dosisstufe bei Wiederaufnahme der Therapie. Erwägung eines Therapieabbruchs |
Durch die Kombination von supportiven Maßnahmen mit bis zu zwei Dosisanpassungen und/oder (vorübergehenden) Therapieunterbrechungen kann die Behandlung mit Koselugo® auf die individuellen Bedürfnisse und die Verträglichkeit der Patient:innen angepasst werden.1 Diese therapeutischen Anpassungsmöglichkeiten schaffen die Grundlage für ein individuelles Nebenwirkungsmanagement und unterstützen die langfristige Behandlung mit Koselugo®.
So können Sie Ihre Koselugo®-Patient:innen unterstützen
Der erfolgreiche Einsatz von Koselugo® bei NF1-Patient:innen mit symptomatischen, inoperablen PN profitiert maßgeblich von transparenter Kommunikation, realistischem Erwartungsmanagement und strukturiertem Verlaufsmonitoring.3,12,14 Patient:innen und/oder Angehörige sollten frühzeitig darüber informiert werden, dass die Zeit bis zum ersten Tumoransprechen variabel ist und in einigen Fällen mehrere Monate betragen kann.10,16 Regelmäßige Verlaufskontrollen ermöglichen zudem, sowohl Nutzen als auch UE unter Koselugo® früh zu erkennen und zeitnah Therapieanpassungen vorzunehmen.1 Bei Hinweisen auf UE kann die Behandlung mit Koselugo® individuell adaptiert werden – etwa durch supportive Maßnahmen, Dosisreduktionen und/oder (vorübergehende) Therapieunterbrechungen gemäß Fachinformation.1
Zusätzlich zu diesen Maßnahmen kann eine enge, interdisziplinäre Zusammenarbeit zu einem effizienten Therapiemanagement beitragen und die Adhärenz fördern.3,7,19 Dies ermöglicht ein langfristiges Ausschöpfen des Behandlungspotenzials mit Koselugo®, was sich positiv auf den Krankheitsverlauf sowie alltagsrelevante Beschwerden auswirken kann.3,14
* Definiert als Volumenreduktion des Ziel-PN um mindestens 20 % gegenüber dem Ausgangswert.
CTCAE: Common Terminology Criteria for Adverse Events
GIC: Global Impression of Change
NF1: Neurofibromatose Typ 1
NRS: Numerical Rating Scale
MRT: Magnetresonanztomographie
PAINS-pNF: Pain Intensity Scale for plexiform neurofibromas
PII-pNF: Pain Interference Index for plexiform neurofibromas
PedsQL: Pediatric Quality of Life Inventory
PN: plexiforme Neurofibrome
PROMIS: Patient Reported Outcome Measurement Information System
UE: unerwünschte Ereignisse
1. Aktuelle Fachinformation Koselugo®, Stand: Oktober 2025.
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DE/KOS-NF1/0462; 12/2025