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Borreliose Bei der Borreliose-Diagnostik kann man viel falsch machen

Autor: Dr. Sonja Kempinski

Borrelien halten sich am liebsten im Gewebe auf – und so ist es nahezu unmöglich, sie bei einem Infizierten in Blut oder Liquor aufzuspüren. Borrelien halten sich am liebsten im Gewebe auf – und so ist es nahezu unmöglich, sie bei einem Infizierten in Blut oder Liquor aufzuspüren. © iStock/ArtBocMD
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Beim Erythema migrans ist die Diagnose einer Borreliose einfach. Schwieriger wird es beim Verdacht auf Neuroborreliose oder Lyme-Arthritis. Welche Untersuchung sollte wann zum Einsatz kommen? Und von welchen Methoden sollte man besser die Finger lassen?

Der sicherste Beleg für eine Infektion ist der Erregernachweis. Das gilt auch für die Borreliose. Doch Borrelien halten sich am liebsten im Gewebe auf – und so ist es nahezu unmöglich, sie bei einem Infizierten in Blut oder Liquor aufzuspüren, erklärte Professor Dr. ­Benoit ­Jaulhac vom Centre National de Référence Borréliose in Straßburg.

Das Anlegen einer Erregerkultur ist langwierig und technisch anspruchsvoll, wie der Experte beschrieb. Wenn überhaupt, wachsen die Bakterien nur sehr langsam über zwei bis acht Wochen hinweg. Zudem ist das Ergebnis aufgrund der geringen Empfindlichkeit der Methode von geringer Aussagekraft. Beim Nachweis im Liquor beträgt die Sensitivität 3–17 %, in Synovia < 1 % und in Hautbiopsaten (ohne Vorliegen eines Erythems) etwa 20 %.

Auch der direkte Erregernachweis über die Bestimmung der Borrelien-DNA mittels PCR erweist sich dem Referenten zufolge als problematisch und ist für die Routinediagnostik gleichfalls eher von untergordneter Bedeutung. Es stünden zudem kaum zuverlässige Daten zur Leistungsfähigkeit der kommerziell erhältlichen Tests zur Verfügung, bemängelte er. Aus Hautbiopsaten eines ­Erythema ­migrans soll die Sensitivität 50–80 % betragen, aus Synovia 60–85 %.

Für Liquoruntersuchungen eignet sich die PCR kaum, wie Prof. ­Jaulhac klarstellte, die Sensitivität liegt dann unterhalb von 10–30 %. Im Blut ist die PCR immer negativ, da der Erreger dort nicht vorkommt. Einen generellen Vorteil der Methode sieht er in der molekularen Typisierung. Ein positives PCR-Testergebnis steht nicht automatisch für eine akute Infektion, betonte Prof. ­Jaulhac.

Serologie nur in Verbund mit Klinik

Aus diesen Gründen kommen für den Borreliennachweis in der täglichen Praxis in erster Linie die serologischen Verfahren zum Einsatz. Doch auch deren Resultate sind nicht immer eindeutig zu interpretieren. Zumal, weil sich mit ihnen alleine nicht klar zwischen akuter und zurückliegender Infektion unterscheiden lässt. Deshalb sollten die Ergebnisse nie für sich alleine stehen und immer im Kontext mit den Symptomen sowie mit Epidemiologie und Anamnese gesehen werden (Zeitpunkt des Zeckenstichs? Aufenthalt in einem Endemiegebiet?).

Klar ist: Ein Zeckenstich ohne Erythem oder andere klinische Zeichen ist kein Fall für die Borreliendiagnostik. Liegt ein ­Erythema ­migrans vor, reicht Prof. ­Jaulhac zufolge die klinische Diagnose aus. Die Serologie bleibt dann aufgrund ihrer geringen Sensitivität außen vor (IgG 36 %, IgM 42 %). Im Zweifelsfall kann eine PCR aus der Hautbiopsie nützlich sein (Sensitivität: 35–81 %).

Anders sieht es bei Verdacht auf Neuroborreliose aus. Bei typischen Symptomen ist die Suche nach borrelienspezifischem IgG und IgM angezeigt. In den ersten sechs Wochen nach dem Stich beträgt die Sensitivität des serologischen Nachweises ­67–85 %, sechs Wochen bis sechs Monate nach möglicher Infektion liegt sie bei 90–99 %. Zusätzlich kommt die Untersuchung des Liquors ins Spiel. Eine lymphozytäre Pleozytose mit Plasmazellen und intrathekaler IgG-Produktion oder der Erregernachweis via PCR oder Kultur weisen eine Neuroborreliose eindeutig nach. Wichtig: Bei Fortbestehen der Beschwerden über sechs Wochen hinaus sollte auf die PCR verzichtet und besser der Nachweis einer borrelienspezifischen intra­thekalen Antikörpersynthese geführt werden.

Auch bei Verdacht auf eine Lyme-Arthritis haben diagnostische Tests ihren Platz. Prof. ­Jaulhac empfiehlt die IgG-Bestimmung im Serum (Sensitivität 94 %) und den PCR-Nachweis von Borrelien-DNA im Gelenkpunktat (60–85 %).

Für die Borreliosediagnostik werden eine ganze Reihe Tests mit teils zweifelhaftem Wert angeboten. Laut Prof. ­Jaulhac nicht empfehlenswert sind.

  • PCR aus Blut oder Urin
  • Schnelltests
  • Erregernachweis aus Patientenmaterial mittels (Dunkelfeld-)Mikroskopie oder Phasenkontrastmikroskopie
  • Detektion CD57-positiver Lymphozytensubpopulationen

Der Nachweis von CXCL13 scheint jedoch erfolgversprechend, wie Prof. ­Jaulhac berichtete. Das Chemokin, das das Einwandern der IgG-bildenden B-Zellen in den Liquor fördert, wird nach Borrelienkontakt mit Monozyten schon sehr früh gebildet. Erhöhte CXCL13-Spiegel könnten daher bereits zeitig auf eine Neuroborreliose hinweisen. Nachteilig ist die geringe Spezifität des Tests, betonte der Experte.

Mit Zecken auf Borrelienjagd

Bei der Xenodiagnose setzt man Zecken, die im Labor gezüchtet wurden und nachweislich frei von Borrelien sind, auf die Haut des Patienten. Ist dieser infiziert, sollte die Zecke bei ihrer Blutmahlzeit auch Borrelien mit aufnehmen. Nach dem Saugvorgang werden die Tiere abgenommen, getötet und ihr Magen-Darm-Inhalt mithilfe von PCR, bakteriellen Kulturen und Massenspektroskopie auf Borrelien hin untersucht.

CXCL13-Messung bei Dauerbeschwerden sinnvoll

Möglicherweise könnte die Bestimmung von CXCL13 aber bei anhaltenden Beschwerden sinnvoll sein. Kontrovers diskutiert werden die sogenannte Xenodiagnose mit hungrigen Zecken (siehe ­Kasten) und der Lymphozytentransformationstest (LTT), mit dem man die zelluläre, antigenspezifische Immun­antwort messen will.

Quelle: EULAR* 2021 Virtual Congress (*European League Against Rheumatism)

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