Diabetes und Fahrsicherheit Diabetes erhöht Unfallrisiko: Neue Technologien senken Gefahr
Ein Diabetes kann mit krankheits- oder therapiebedingten Komplikationen einhergehen, welche die Fahrsicherheit beeinträchtigen.
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Ein Diabetes kann mit krankheits- oder therapiebedingten Komplikationen einhergehen, welche die Fahrsicherheit beeinträchtigen. Mit der richtigen Ausstattung und dem Befolgen einiger Regeln lassen sich viele Verkehrsunfälle vermeiden. Diese Faktoren sollten laut neuer Leitlinie in der Beratung und Schulung Betroffener vermittelt werden.
Vor allem Stoffwechselentgleisungen wie Hypoglykämien sowie Folge- und Begleiterkrankungen eines Diabetes wie eine periphere Neuropathie können das Risiko für Unfälle im Straßenverkehr steigern. In Deutschland fehlen allerdings offizielle Daten dazu, heißt es in der neuen S2e-Leitlinie „Diabetes und Straßenverkehr“. Nach der Evidenz aus Studien und Metaanalysen, die mindestens zehn Jahre zurückliegen, scheint das Unfallrisiko von Menschen mit Diabetes im Vergleich zu dem der Allgemeinbevölkerung leicht erhöht zu sein. Die Diabetes-Landschaft hat sich aber inzwischen durch neue Technologien und Medikamente deutlich verändert. Mangels aktueller Daten kann man nur darüber spekulieren, wie sich dies auf das Verkehrsunfallrisiko auswirkt.
Junge Erwachsene mit Typ-1-Diabetes als Risikogruppe
Um die Fahreignung von Menschen mit Diabetes zu beurteilen, muss jeder Fall individuell geprüft werden. Denn mögliche Beeinträchtigungen können je nach Art, Schwere und Dauer der Erkrankung, vorliegenden Komplikationen, Therapie und Art der Glukosekontrolle sehr unterschiedlich sein. In die Bewertung einfließen muss auch die Kompensationskompetenz Betroffener, z. B. durch vorsichtiges und vorausschauendes Fahrverhalten und langjährige Fahrerfahrung sowie das Maß der Eigenverantwortlichkeit im Umgang mit dem Diabetes. Als besondere Risikogruppe müssen in diesem Kontext junge Erwachsene mit Typ-1-Diabetes betrachtet werden.
Assoziiert mit einem erhöhten Unfallrisiko sind vor allem schwere Hypoglykämien. Je länger die Krankheit bereits andauert, desto häufiger ist mit Unterzuckerungen zu rechnen. Diese können kognitive Funktionen, vor allem die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung, das Sehvermögen und exekutive Funktionen beeinträchtigen bis komplett ausschalten (bei Bewusstseinsverlust). Studien im Fahrsimulator haben gezeigt, dass Fahrfehler zunehmen, wenn der Glukosespiegel unter 50 mg/dl sinkt. Nur der Hälfte der Betroffenen wurde dies als Problem bewusst. Jede bzw. jeder Vierte hielt sich für unvermindert fahrtüchtig.
Nach Einschätzung der Leitliniengruppe gibt es ausreichend Gründe für die Annahme, dass sich das Unfallrisiko von Menschen mit Diabetes aufgrund von Hypoglykämien in den letzten Jahren deutlich vermindert hat. Zum einen werden in Deutschland bei Typ-2-Diabetes kaum mehr insulinotrope Medikamente wie Sulfonylharnstoffe oder Glinide verordnet. Zum anderen verwenden aktuell 80 % der Menschen mit Typ-1-Diabetes und 60 % derjenigen mit Typ-2-Diabetes und intensivierter Insulintherapie ein System zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM) mit Warnfunktion. Und fast ein Viertel der an Typ-1-Diabetes Erkrankten nutzt ein automatisiertes Insulindosierungssystem (AID-System). Diese Kombination aus einer Insulinpumpe, einem CGM-System und einem Kontrollalgorithmus senkt das Risiko einer Unterzuckerung beträchtlich. Zusätzlich ist der Umgang mit Hypoglykämien inzwischen fester Bestandteil von Disease-Management-Programmen geworden.
Grünes Licht nur bei einem Blutzucker ≥ 90 mg/dl
Das Leitlinienteam empfiehlt, dass Menschen mit Diabetes über das Hypoglykämierisiko und dessen Einfluss auf die Fahrsicherheit aufgeklärt werden müssen. Personen mit erhöhtem Unterzuckerungsrisiko sollten mit einem CGM- oder AID-System ausgestattet und in dessen Verwendung gut geschult werden. Besonders wichtig ist dies bei einer Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung. Eine solche entwickeln im Verlauf der Erkrankung bis zu 25 % der Menschen mit Typ-1-Diabetes und 10 % derer mit Typ-2-Diabetes.
Eine Fahrt sollten Hypoglykämie-Gefährdete nur antreten, wenn der Glukosewert ≥ 90 mg/dl beträgt und die Alarmgrenzen des CGM-Systems korrekt eingestellt sind. Während längerer Fahrten sollten sie den Glukosespiegel mehrmals kontrollieren. Im Fahrzeug sollten schnell resorbierbare Kohlenhydrate griffbereit sein. Wenn sich eine Hypoglykämie ankündigt oder der Blutglukosewert unter 70 mg/dl sinkt, sollte die Fahrt sofort unterbrochen werden. Die Weiterfahrt erfolgt erst, wenn der Spiegel wieder über 90 mg/dl liegt.
Von den diabetischen Folgeerkrankungen besitzt vor allem die Retinopathie Relevanz für die Fahrsicherheit. Deshalb sollten sich Menschen mit diabetischer Retinopathie nur ans Steuer setzen, wenn die Sehfähigkeit augenärztlich als ausreichend getestet wurde. Auch eine periphere Polyneuropathie bzw. ein diabetisches Fußsyndrom kann sich auf die Fahrsicherheit auswirken, zum Beispiel, weil Betroffene die Pedale des Fahrzeugs nicht mehr sicher bedienen können. Wenn das Problem sehr ausgeprägt ist, muss ein ärztliches Fahrverbot ausgesprochen werden. Eventuell lässt sich das Fahrzeug auch technisch so umrüsten, dass die Halterin oder der Halter es wieder benutzen kann.
Quelle: S2e-Leitlinie „Diabetes und Straßenverkehr“; AWMF-Register-Nr. 057-026; www.awmf.org