Prof. Dr. Anke Reinacher-Schick im Gespräch Eine zukunftsfähige Onkologie: „Wir müssen mit Deutschland wieder an die Spitze der Champions League“
Im Februar vereint der Deutsche Krebskongress die Onkologie – Prof. Reinacher-Schick gibt Einblicke.
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Prof. Dr. Reinacher-Schick, das Motto des DKK 2026 lautet „Zusammen – gezielt – zukunftsfähig“. Wie fiel die Wahl auf dieses Motto?
Auf den ersten Blick verbindet man mit den Worten „Zusammen – gezielt – zukunftsfähig“ die Themen Interdisziplinarität, Targeted Therapies und Künstliche Intelligenz sowie Nachwuchs. Aber wir haben versucht, alles noch etwas weiter zu denken: Die Interdisziplinarität betrifft nicht nur die Ärzteschaft, sondern auch weitere Professionen wie die Psychoonkologie oder Pflegekräfte. Und auf einem größeren Level müssen wir transsektoral zusammenarbeiten – in regionalen und nationalen Netzwerken und das zusammen mit unseren Patient:innen.
Neben den zielgerichteten Therapien, die immer komplexer werden, müssen wir aufgrund von limitierten Ressourcen deutlich gezielter arbeiten. Wir sollten uns etwa auf Prävention konzentrieren, um mehr Krebsfälle zu vermeiden und um so Ressourcen zu sparen. Risikogruppen sollten eine gezieltere Vorsorge erhalten, Patient:innen mit komplexen Erkrankungen sollten gezielt in Zentren behandelt werden. Nur so können wir effizienter werden und Kosten sparen.
Nicht zuletzt geht es auch um den gezielten Einsatz der Ressource Mensch, die unser größter Schatz ist. Und da kommen wir gleich zum letzten Wort „zukunftsfähig“. Wir benötigen so viel Zeit wie möglich an und mit unseren Patient:innen und so wenig Zeit wie möglich für bürokratischen Aufwand. Wir müssen in Zukunft mit weniger Personal auskommen, denn es gibt einfach weniger Fachkräfte. Das Ziel ist, neue Technologien wie Künstliche Intelligenz und Digitalisierung so einzusetzen, dass sie uns dabei helfen. Es muss also eine Infrastruktur geschaffen werden, mit der wir zukunftsfähig sind. Und das wollen wir auf dem Deutschen Krebskongress diskutieren.
Wie spiegelt sich das Motto im Programm wider?
Die wissenschaftlichen Sitzungen sind überwiegend interdisziplinär besetzt. Es gibt keinen Organtrack, bei dem nicht mindestens zwei bis drei Disziplinen dabei sind und Patient:innen sowie Nachwuchs einbezogen sind. Zudem finden sich Themen wie Präzisionsonkologie und neue Therapien, Künstliche Intelligenz, innovative Versorgungsstrukturen sowie Ethik in der Onkologie mehrfach wieder.
Gibt es Neuerungen im Programm des DKK?
Wir haben zum Beispiel das Nachwuchsprogramm deutlich ausgeweitet. Unser Ziel ist es, 1.000 junge Leute auf den Kongress zu bringen. Nachwuchsstipendien sollen die Kongressreise dabei finanziell unterstützen. Es wird eine Meet-the-Expert-Session geben, bei der sich Expert:innen „buchen“ lassen. Die jungen Mediziner:innen können sich also auf einer 1:1- oder auch 3:1-Basis mit namhaften nationalen Kolleg:innen austauschen. Darüber hinaus werden Speed Datings für Studierende angeboten. Dabei stellen sich verschiedene AGs der Deutschen Krebsgesellschaft innerhalb von einer begrenzten Zeit vor.
Worauf freuen Sie sich persönlich ganz besonders?
Vor allem darauf, dass es losgeht! Ich selbst habe natürlich den Schwerpunkt kolorektale und Pankreaskarzinome. Für diesen Bereich konnten wir Prof. Dr. Jenny Seligmann aus Leeds als Keynote Speaker gewinnen und das ist toll. Ansonsten freue ich mich, über den Tellerrand hinaus zu schauen: Es gibt einige neue Themen im Programm, wie Global Oncology oder Nachhaltigkeit, was auch die jungen Generationen interessiert. Ich gehe gerne zur Plenarsitzung des Nachwuchses. Zudem freue ich mich auf Sitzungen zur Ethik in der Medizin, Chancen und Risiken von KI – also ein bisschen was zum Nachdenken.
Eine Frage, die auf dem Kongress diskutiert werden soll, lautet: „Wie bleibt die Onkologie ein attraktives Arbeitsfeld?“. Was ist Ihre Antwort darauf?
Wir haben in der Onkologie rasante Innovationen und bringen diese sehr schnell zu unseren Patient:innen. Es gibt fast kein Fach, das so vernetzt und interdisziplinär im Team arbeitet. Dazu arbeiten wir sehr wissenschaftlich und dennoch menschennah, was aus meiner Sicht überzeugt. Allerdings müssen die Abläufe in den Kliniken und Praxen effizienter werden und es fehlen auch innovative Arbeitszeitkonzepte, etwa mit geteilten Verantwortlichkeiten in Leitungsfunktionen. Ich glaube, die nächste Generation sucht nach Sinnhaftigkeit in der Arbeitswelt und da haben wir in der Onkologie extrem viel anzubieten. Dementsprechend habe ich keine Sorge, aber wir müssen uns bewegen.
Fotowettbewerb inklusive Preisverleihung
Was macht für mich Vielfalt in der Onkologie aus? Alle Teilnehmende des DKK waren dazu aufgerufen, Portrait- und Teamfotografien einzureichen, die diese Frage aufgreifen und beantworten. 16 eingereichte Bilder wurden ausgewählt und werden im Glasgang zwischen CityCube und Halle 7 ausgestellt. Zudem wird ein Preis verliehen. „Ich glaube, das ist ein sehr schönes Statement dafür, dass jede:r individuell aber auch im Team wichtig ist, und dass diese Vielfalt uns helfen wird, zum Beispiel beim Thema Fachkräftemangel“, betont Prof. Reinacher-Schick.
Wenn Sie einen Wunsch für den DKK 2026 frei hätten: Welchen inhaltlichen Austausch zwischen den Teilnehmenden möchten Sie unbedingt entstehen sehen?
Ich würde mich sehr freuen, wenn die verschiedenen Generationen in den Austausch gehen. Das ist, denke ich, schon sehr deutlich geworden. Darüber hinaus ist es mir wichtig, dass wir Patient:innen auch als Forschungspartner sehen können und mit ihnen auf Augenhöhe in Kontakt treten. Denn ich glaube, der Austausch mit den Patientenvertretungen ist wichtig in der heutigen Zeit, in der wir auch gesellschaftliche Herausforderungen haben und Onkologie so präsent in jedermanns Leben ist. Der Kongress sollte dazu dienen, die Entscheider aus der Politik, Forschung – dabei auch die forschende Pharmaindustrie –, die Ärzteschaft und Betroffene zusammenzubringen. Kommunikation hat schon immer geholfen und deshalb bin ich zuversichtlich, dass das gut klappt.
Denken wir ein Viertel Jahrhundert weiter, es wird ein Jubiläum gefeiert: der 50. Deutsche Krebskongress. Was denken Sie, wo steht die Onkologie in Deutschland zu diesem Zeitpunkt?
Ich glaube, wir stehen gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich vor großen Herausforderungen, die sehr stark beeinflussen, wie wir in der Onkologie arbeiten. Krebs wird voraussichtlich die führende Todesursache werden, sodass wir viel dazu beitragen, dass die Kosten im Gesundheitswesen getrieben werden. Auf der anderen Seite können wir aber auch viel tun, um Ressourcen zu sparen bzw. unsere vorhandenen Ressourcen sinnvoll einzusetzen.
Ich denke, wir haben als Ärzt:in-nen eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, weil wir eine Stimme haben, die gehört wird. Das Gesamtsystem Krebsmedizin ist riesig. Und wenn wir es schaffen, gemeinsam zukunftsgerichtet zu arbeiten und gesellschaftliche Themen wie die Vielfalt in der Onkologie nicht nur in der Therapie anzugreifen, werden wir zukunftsfähig sein und die Ergebnisse für unsere Patient:innen verbessern können. Das bedeutet aber, dass auch das gesamte Potenzial der Prävention gehoben werden muss – gezielt auf Risikogruppen, auf bestimmte Bevölkerungsgruppen abgestimmt.
Wir werden und müssen in Deutschland auch wieder an die Spitze der Champions League in Forschung und Innovation kommen. Auch dabei zählt es, Ressourcen gezielt einzusetzen. Wir brauchen den Studienstandort, den Forschungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland und da kann die Onkologie wirklich viel bewegen. Dazu werden wir auch unseren Beitrag leisten können.
Sie waren Vorsitzende der AIO, nun engagieren Sie sich als Kongresspräsidentin des DKK. Was motiviert Sie zu dieser Arbeit?
Mir bereitet die Arbeit im Team viel Spaß. Ich finde es sehr wertvoll, die Situation für den einzelnen Menschen, der vor mir in der Sprechstunde sitzt, zu verbessern. Aber eben auch über den Tellerrand hinauszuschauen und Dinge insgesamt zu gestalten und zu verbessern. Und das kann man wunderbar z. B. in den Gremien unserer Fachgesellschaften, etwa der Deutschen Krebsgesellschaft.
Interview: Dr. Judith Besseling