Erst Hypoglykämie, dann kardiovaskuläres Ereignis – oder umgekehrt?

Autor: Friederike Klein

Hypo­glykämie und MACE – was stößt was an? Hypo­glykämie und MACE – was stößt was an? © iStock/adempercem

Die kausale Beziehung zwischen schweren Unterzuckerungen und schweren kardiovaskulären Ereignissen ist noch ungeklärt. Häufig trifft komorbide Diabetes­patienten beides.

In verschiedenen Studien waren schwere Hypoglykämien und schwere kardiovaskuläre Ereignisse signifikant assoziiert, berichtete Professor Dr. Eberhard­ Standl­, Forschergruppe Diabetes e.V. am Helmholtz Zentrum München. So trat in der ADVANCE-Studie bei Patienten mit Diabetes Typ 2 ein erstes schweres kardiovaskuläres Großgefäßereignis nach einer schweren Hypoglyk­ämie im Median nach 1,56 Jahren auf. Das Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse (MACE) erhöhte sich innerhalb einer medianen Beobachtungszeit von fünf Jahren um den Faktor 2,88.¹ Allerdings basierte diese Auswertung auf geringen Fallzahlen, betonte Prof. Standl. Nur bei 33 Patienten kam es im Rahmen der Studie zu einer schweren Hypoglykämie.

Einfluss leichter Unterzuckerung unklar

In den kardiovaskulären Endpunktstudien bestand keine Verbindung zwischen nicht-schweren Hypoglykämien und kardiovaskulären Ereignissen oder erhöhter Mortalität, erklärte Prof. Standl. Diese waren in den Studien allerdings unterschiedlich definiert.

Auch in den großen kardiovaskulären Endpunktstudien der letzten Jahre gab es durchgehend Hinweise für eine Assoziation zwischen schweren Hypoglykämien und schweren akuten kardiovaskulären Ereignissen sowie Tod, erklärte der Experte. Das sei weithin als Hinweis auf eine kausale Beziehung wahrgenommen worden. Allerdings fiel in diesen Studien die Zahl der Patienten mit schweren Hypoglykämien ebenfalls so gering aus, dass sie numerisch kaum zu den kardialen Endpunkten beigetragen haben, so Prof. Standl.

Fragile Patienten leiden häufiger unter MACE und Hypoglykämien

In der TECOS-Studie bei Patienten mit Typ-2-Diabetes lag auch die umgekehrte Assoziation vor: Nach kardiovaskulären Ereignissen traten schwere Hypoglykämien häufiger auf.² Dies widerspricht laut dem Experten dem Punkt, schwere Hypoglykämien als Ursache von kardiovaskulären Ereignissen anzusehen. Eine genauere Betrachtung der Betroffenen ergab, dass es sich gehäuft um fragile Patienten handelte, die für beide Komplikationen vulnerabel waren. Das bestätigt laut Prof. Standl auch eine Analyse der wenigen Patienten, bei denen es in der EXSCEL-Studie zu beiden Ereignissen kam.³ Unabhängig davon, welches Ereignis zuerst auftrat, waren die Teilnehmer bei Studieneinschluss älter und länger an Diabetes erkrankt. Zudem hatten sie meist schon früher ein kardiovaskuläres Ereignis erlitten, wiesen häufiger Komorbiditäten wie Herz- oder Niereninsuffizienz auf und nahmen entsprechend viele Medikamente ein. Der Referent sieht deshalb als wichtige Ursache sowohl von schweren Hypoglykämien als auch kardiovaskulären Ereignissen die besondere Vulnerabilität von Diabetespatienten mit hoher Komorbidität. Diese müsse man erkennen, um die Dosis oder den Einsatz von Wirkstoffen mit einem hohen Potenzial für Hypoglykämien zu minimieren. Prof. Standl empfahl hierfür den Charlson Comorbidity Index, der Alter und verschiedene Erkrankungen umfasst. Mit ihm lässt sich die Wahrscheinlichkeit des Zehn-Jahres-Überlebens errechnen.

Quellen:
¹ Zoungas S et al. N Engl J Med 2010; 363: 1410-1418; DOI: 10.1056/NEJMoa1003795
² Standl E et al. Diabetes Care 2018; 41: 596-603; DOI: 10.2337/dc17-1778
³ Standl E et al. J Am Coll Cardiol 2019; 73: 24; DOI: 10.1016/S0735-1097(19)30633-3

Kongressbericht: EASD 2019