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Akuter Harnverhalt Wenn unerkannte Krebserkrankungen dem Urin im Weg stehen

Autor: Dr. Moyo Grebbin

Will sich die Blase einfach nicht entleeren lassen, kann das auch auf einen Tumor hindeuten. Will sich die Blase einfach nicht entleeren lassen, kann das auch auf einen Tumor hindeuten. © iStock/Cucurudza
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Kann ein Patient nicht Wasser lassen, wird man bei Männern zunächst die Prostata dahinter vermuten. Doch auch Neoplasien von Blase, Niere oder Darm können der Grund sein. Wie oft das tatsächlich vorkommt, dazu gibt es nun erstmals Daten.

Viele der gängigen Ursachen für einen akuten Harnverhalt sind gutartiger Natur und können den Kategorien obstruktiv, infektiös, entzündlich, medikamenteninduziert oder neurologisch zugeordnet werden. Häufigste Auslöser sind bei Männern eine benigne Prostata­hyper­plasie, bei Frauen ein Versagen des Detrusormuskels. Doch auch unerkannte Krebserkrankungen können dahinterstecken – und zwar nicht einzig ein Prostatakarzinom.

Forschungsberichte deuteten bereits darauf hin, dass weitere urogenitale, gastrointestinale oder neurologische Tumoren einem Harnverhalt zugrunde liegen können: Entweder, indem sie eine intrinsische oder extrinsische Obstruktion verursachen oder die Kontraktion von Blase oder Harnröhre beeinträchtigen. Doch Evidenz dafür gab es bisher kaum und Risikoberechnungen zu Krebsdiagnosen nach akutem Harnverhalt existierten lediglich für Prostatakarzinome.

Deutliche Auswirkungen nach drei Monaten

Eine Gruppe von Wissenschaftlern um Dr. ­Maria ­Bisgaard ­Bengtsen, Universität Aarhus, präsentierte jetzt erstmals Zahlen zum Risiko, nach einer Krankenhauseinweisung wegen eines akuten Harnverhalts eine urogenitale, kolorektale oder neurologische Krebsdiagnose zu erhalten. Sie schlossen in die populationsbasierte Kohortenstudie auf Basis des nationalen Patientenregisters Dänemarks knapp 76.000 Personen im Alter von mindestens 50 Jahren ein. Alle waren zwischen 1995 und 2017 erstmalig wegen akuten Harnverhalts ins Krankenhaus eingewiesen worden. Anhand des dänischen Krebsregisters ermittelten die Autoren die Anzahl entsprechender Tumorbefunde bei diesen Menschen. Den Wert setzten sie in Relation zu dem zu erwartenden Risiko im entsprechenden Beobachtungszeitraum in der Gesamtbevölkerung – unter Berücksichtigung von Geschlecht, Alter und Kalenderjahr.

Fallzahlen bis drei Monate nach Harnverhalt
KrebslokalisationAbsolute Fallzahlen:
aufgetreten/erwartet
zusätzliche Krebsfälle pro 1.000 PersonenjahreNormalisierte Inzidenzrate
Harnwege1.025/495621,1
weibliche Genitalien80/52415,9
männliche Genitalien3.216/9421934,0
Kolorektum273/63124,3
Nervensystem46/1024,7

Innerhalb von drei Monaten nach Krankenhauseinlieferung betrugen die überzähligen Krebsfälle pro 1.000 Personenjahre:

  • 218 für Prostatakarzinome
  • 56 für Harnwegstumoren
  • 24 für Genitalkrebs bei Frauen
  • 12 für gastrointestinalen Krebs
  • 2 für neurologische Tumoren

Für die meisten Entitäten beschränkte sich die Risiko­erhöhung auf diesen frühen Zeitraum. Die Häufigkeit von Prostata- und Harnwegskarzinomen blieb jedoch bis ein Jahr nach dem Harnverhalt erhöht. Frauen hatten noch mehrere Jahre lang ein gesteigertes Risiko für invasiven Blasenkrebs. Liegt kein offensichtlicher anderer Grund vor, könne akuter Harnverhalt als klinischer Marker für Tumoren urogenitalen, kolorektalen und neurologischen Ursprungs dienen, schlussfolgerten die Autoren.

Quelle: Bengtsen MB et al. BMJ 2021; 375: n2305; DOI: 10.1136/bmj.n2305

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