Zwischen Persönlichkeitsstruktur und psychiatrischer Störung
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Die Zahl der Neudiagnosen von ADHS, Autismus und Tics steigt explosionsartig. In O-Ton-Allgemeinmedizin erklärt ein Psychiater, warum Hausärztinnen und Hausärzte angesichts dieser Entwicklung den Begriff der Strukturdiagnose kennen sollten.
ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen und Tics werden heute deutlich häufiger diagnostiziert als noch vor wenigen Jahren. Angesichts der markanten Zunahme bei den Neudiagnosen insbesondere in der Gruppe der Adoleszenten und jüngeren Erwachsenen fordert Prof. Dr. Ludger Tebartz van Elst in dieser Folge von O-Ton Allgemeinmedizin einen differenzierten Blick. Denn oft habe man jemanden mit einer auffälligen Normvariante vor sich, nicht immer handele es sich um eine behandlungsbedürftige Störung.
Social Media: Aufklärung oder Selbstdiagnose-Falle?
Prof. Tebartz van Elst, der in Freiburg eine Spezialambulanz für Autismus leitet, führt die hohen Fallzahlen der jüngeren Zeit auf mehrere Faktoren zurück. Zum einen habe die Fachwelt gelernt, hochfunktionale Varianten von ADHS und Autismus besser zu erkennen. Der Psychiater nennt das die „Entdeckung des Strukturellen“: Plötzlich sehe man musterhafte Persönlichkeitsstrukturen und mentale Besonderheiten, die man zuvor übersehen habe.
Zum anderen hätten die Themen durch die sozialen Medien enorme Popularität und eine starke identitäre Aufladung erfahren. Insbesondere jüngere Menschen würden durch YouTube-, Instagram- und TikTok-Videos oder prominente Vorbilder außergewöhnliche Strukturen an sich selbst entdecken. „Durch die große mediale Thematisierung entdecken viele Menschen strukturelle Persönlichkeitszüge an sich selbst und setzen sie dann mit der Diagnose gleich.“ Hinzu komme, dass diese Diagnosen für viele der Betroffenen wichtig seien, weil ihr Anderssein dadurch Akzeptanz finde.
Ab wann ist Anderssein eine Diagnose?
Entwicklungsstörungen wie ADHS, Autismus oder Tics sind polygenetisch verursacht und dimensional aufgebaut. Die typischen Eigenschaften sind also nicht einfach vorhanden oder nicht vorhanden, erläutert der Psychiater. Vielmehr seien die Übergänge fließend, die Frage „Ab wann ist es eine Störung?“ lasse sich nicht rein biologisch klären.
Seine Lösung: der Begriff der Strukturdiagnose. „Mentale Strukturen sind verborgene Strukturen. Sie sind aber wichtig und fester Bestandteil der Persönlichkeit.“ Er vergleicht das mit der Körpergröße: Jemand mit 1,95 m sei statistisch auffällig groß und habe Vor- und Nachteile dadurch. Diese Person sei aber keineswegs krank. „Genauso ist das mit den mentalen Strukturen auch.“ Nicht jede autistische oder ADHS-artige Struktur erfülle die Störungskriterien Leidensdruck und Dysfunktionalität.
Mentale Strukturen erkennen, nicht gleich diagnostizieren
Für die Hausarztpraxis bedeutet das: Diese Strukturen zu erkennen kann hilfreich sein, eine Diagnose dürfe aber nicht automatisch folgen. „Wenn Sie wissen, das ist ein autistischer Typ", sagt Prof. Tebartz van Elst mit Blick auf die Praxisrealität, „dann müssen Sie aufpassen beim Blutabnehmen, bei Planänderungen, bei Terminverlegungen.“ Man verstehe Verhaltensweisen besser und könne Missverständnissen vorbeugen.
Diagnostisch entscheidend ist immer die Entwicklungsanamnese, betont der Experte. „Alle Entwicklungsstörungen haben gemein, dass bei einer validen Diagnose die Besonderheiten in der ersten Dekade aufweisbar sein müssen.“ Das gelte für ADHS (Unaufmerksamkeit, Hypermotorik, Impulsivität), Autismus (vermiedener Blickkontakt, Berührungs- und Interaktionsschwierigkeiten, starkes Bedürfnis nach Routinen) und Tics gleichermaßen.
Die TikTok-Tics: Wenn Jugendliche Symptome kopieren
Auch bei Tic-Störungen beginnen die Symptome typischerweise im Kindergarten- oder Grundschulalter. 10 bis 20 % der Grundschulkinder haben vorübergehend Tics, etwa 1 % entwickelt chronische Formen bis ins Erwachsenenalter hinein. „Für die allermeisten ist das aber völlig bedeutungslos“, sagt Prof. Tebartz van Elst. Er berichtet von einem Vater, der seinen Sohn wegen dessen Tics vorstellte – und dabei selbst mehrfach Blinzel-Tics zeigte, ohne es zu bemerken.
Als Sonderfall sieht der Experte funktionelle Tics und identitäre Diagnosen, die in der zweiten Lebensdekade oder im jungen Erwachsenenalter auftreten. Jugendliche zeigen plötzlich Symptome, ohne jede Vorgeschichte oder Familienanamnese. „Wenn dann mit 14, 15, 16 da irgendwas losgeht, in der ersten Dekade war da aber gar nichts, dann muss man hellhörig werden.“ Dann bestehe der Verdacht auf kopierte Symptome nach Vorbildern aus sozialen Medien.
Zwischen Normvariante und Störung unterscheiden
Hausärztinnen und Hausärzte sollten diese strukturellen Besonderheiten erkennen – nicht um vorschnell Diagnosen zu stellen, sondern um besser zu verstehen. „Erkennen Sie Strukturdiagnosen als solche, dadurch kennen Sie Ihre Leute besser.“ Entscheidend bleibe aber der Blick in die Entwicklungsgeschichte. Menschen in akuten Konflikten könnten vorübergehend autistisch wirken, ohne eine Entwicklungsstörung zu haben.
Wie Prof. Tebartz van Elst zwischen Strukturdiagnose und behandlungsbedürftiger Störung unterscheidet und welche konkreten Hinweise er Hausärztinnen und Hausärzten mitgibt – das ist in der aktuellen Folge von O-Ton Allgemeinmedizin zu hören.
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