Ethische Grenzen der Ökonomisierung in Kliniken und Arztpraxen
Fallpauschalen, IGeL, Bonuslogiken: Ein Medizinethiker erklärt, wie die Ökonomisierung die Patientenversorgung verändert hat und warum Gewinne aus Kassenbeiträgen ethisch zumindest diskutiert werden sollten.
Wenn es um Rentabilität geht, müsse man zwischen den Gesundheitseinrichtungen unterscheiden, sagt Prof. Dr. theol. habil. Arne Manzeschke. Bei Arztpraxen gehe es darum, dass die dort Arbeitenden ihr angemessenes Auskommen erzielen und die Praxis auf einem guten medizinischen Stand ist. Bei Krankenhäusern mit privaten Trägern sehe es anders aus. „Hier haben wir auch Kapitalgeber, die bedient werden wollen.“ Aktionärinnen und Aktionäre erwarteten 15 % Rendite oder mehr. Damit entstehe eine völlig andere Dynamik.
Fallpauschalen waren ein Treiber der Ökonomisierung
Im deutschen Krankenhauswesen habe sich die Ökonomisierung mit Einführung der DRG 2003 massiv beschleunigt. Was das bewirkt, hat Prof. Manzeschke in zahlreichen Interviews erforscht. So erzählte ihm eine Pflegekraft, dass sie Patientinnen und Patienten, deren Fallpauschale ausgereizt sei, keinen Apfelsaft mehr ans Bett bringe, sondern nur Wasser. „Es scheint eine Kleinigkeit zu sein, aber es war eindrucksvoll, was es mit ihr gemacht hat“, berichtet Prof. Manzeschke. Die Pflegekraft habe sich als Überbringerin schlechter Botschaften erlebt. Auch viele Ärztinnen und Ärzte hätten gesagt, dass sie mehr und mehr erkennen würden, dass ihre medizinischen Entscheidungen davon getriggert bzw. im Wesentlichen bestimmt seien, ob sich etwas rechnet oder nicht. Dadurch komme es zu Unter- oder Überversorgung.
Strukturänderungen sind eine Aufgabe für Institutionen
Den einzelnen ärztlichen Kräften Fehlverhalten vorzuwerfen, führe allerdings in die falsche Richtung. Sie stünden in Hierarchien und Abhängigkeiten. Ändern müsse man die Strukturen – über Fachgesellschaften, Organisationen und Verbände.Auch in der ambulanten Versorgung verändere die Ökonomisierung die Strukturen. Bei IGeL-Angeboten werde wiederkehrend gefragt, ob sie wirklich der Gesundheit dienen oder vor allem der Praxis Geld einbringen. Wann ist die Augendruckmessung angezeigt? Als Patientin bzw. Patient sei das kaum zu beurteilen.Wo liegen die ethischen Grenzen der Leistungssteigerung, wenn der demografische Wandel dazu führt, dass immer weniger Menschen immer mehr versorgen müssen? Prof. Manzeschke verweist auf den britischen Soziologen Richard Sennett, der sich des Bildes des Bambusrohres bedient, wenn es um Menschen und Organisationen in ihrer Umwelt geht. „Sie sind extrem biegsam und flexibel und passen sich an die Bedingungen an“, sagt Prof. Manzeschke. „Aber es gibt einen Punkt, an dem sie es nicht mehr aushalten, wo sie brechen. Dann gibt es auch kaum noch etwas zu reparieren, sie sind kaputt.“ Die Burnout-Rate im Bereich der Pflege sei nicht zufällig über doppelt so hoch wie im Rest der Bevölkerung.Was kann der Einzelne tun, um sich im System nicht zu verlieren? Prof. Manzeschke rät, Quellen der Resistenz und Resilienz zu finden. Gruppen, Professionen und Teams im Gesundheitswesen müssten sich organisieren und eine Kultur schaffen, in der diese Dinge besprechbar würden. Es brauche gemeinsame Verantwortung dafür, Gesundheitsversorgung menschengerecht zu gestalten – für die, die versorgt würden, und für die, die versorgen. „Für beide muss es gerecht sein und sachgemäß“, sagt Prof. Manzeschke.
Gemeinsam Probleme analysieren und anpacken
An Stellen, an denen etwas nicht laufe, müsse man fragen: Warum funktioniert es hier nicht? Und wie können wir das Problem gemeinsam lösen? Das sei mühselig und anstrengend. Aber momentan sieht Prof. Manzeschke nur diese Chance. Wenn Sie mehr hierzu wissen möchten und wie Prof. Manzeschke den Einsatz von KI zur Entlastung medizinischer Fachkräfte bewertet, dann hören Sie unsere neue Folge von O-Ton Allgemeinmedizin. Außerdem: Wie ein spontaner Ethik-Check zum Thema Bonuszahlungen in Chefarztverträgen und zu Kassen-Prioritäten bei Terminvergaben ausfällt.
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