„Ein Harnwegsinfekt beim Mann ist immer kompliziert“
Harnwegsinfektionen bei Männern sind gewissermaßen per definitionem kompliziert. Warum die gründliche Abklärung Pflicht ist und welche Antibiotika überhaupt infrage kommen.
Eine isolierte Zystitis ohne Beteiligung der Prostata oder der Nieren ist bei Männern eher selten. Bei ihnen gilt eine Harnwegsinfektion (HWI) immer als kompliziert und muss abgeklärt werden, betonte PD Dr. Clemens Rosenbaum von der Abteilung für Urologie an der Asklepios Paulinenklinik Wiesbaden.
Diese Erreger stecken hinter Harnwegsinfektionen beim Mann
Häufigster Erreger ist Escherichia coli. Bei jungen Männern ist an sexuell übertragbare Infektionen durch Neisseria gonorrhoeae oder Chlamydia trachomatis zu denken. Bei über 50-Jährigen sind Enterobacteriaceae als Auslöser wahrscheinlicher, häufig assoziiert mit einer benignen Prostatahyperplasie und Restharn. Bei Katheterträgern sind Enterokokken, Klebsiella, Pseudomonas aeruginosa und Proteus häufig. Bei immungeschwächten Männern mit Prostatitis sind auch seltene Erreger wie Mycobacterium tuberculosis oder Pilze möglich.
Eine akute Prostatitis beginnt mit plötzlich einsetzenden Schmerzen, Miktionsbeschwerden, Fieber und Krankheitsgefühl. Die Tastuntersuchung ist wegen der Schmerzhaftigkeit manchmal kaum möglich, eine Prostatamassage sollte wegen Sepsisgefahr unterbleiben. Das Labor zeigt einen stark erhöhten PSA-Wert, der unter Therapie fallen sollte. Bei Abszessverdacht kann eine Bildgebung sinnvoll sein. Für die mikrobiologische Diagnostik sollte eine Drei-Gläser-Probe mit Mittelstrahlurin erfolgen, gegebenenfalls auch eine Spermakultur.
Bei Harnstau, Steinen, Blut im Urin: ab in die Urologie
Eine einmalige unkomplizierte milde Zystitis/Prostatitis oder eine abfiebernde Pyelonephritis ohne Harnstau kann unter internistischer Führung behandelt werden. Zu beachten sind die Empfehlungen der europäischen Leitlinie. Sobald der Verdacht auf eine Obstruktion, einen Harnstau oder ein Steinleiden besteht, sollte man an eine urologische Praxis überweisen, betonte Dr. Rosenbaum. Das gilt auch bei benigner Prostatahyperplasie mit signifikantem Restharn, bei rezidivierenden Infekten und bei Makrohämaturie.
Antibiotika zur Therapie einer Harnwegsinfektion beim Mann müssen in das Prostatagewebe penetrieren, um kausal wirken zu können. Nitrofurantoin oder Fosfomycin sind nicht prostatagängig und daher ungeeignet, betonte Dr. Rosenbaum. Eine empirische Therapie kann mit Fluorchinolonen (Ciprofloxacin, Levofloxacin) erfolgen, die sehr gut gewebegängig sind, aber gewisse Risiken haben.
Die europäische Leitlinie nennt für die empirische Behandlung auch hochdosierte Penicilline oder Cephalosporine (i. v.), gegebenenfalls kombiniert mit Aminoglykosiden. Nach Besserung wird auf eine orale Therapie für insgesamt zwei bis vier Wochen umgestellt. Bei chronischer Prostatitis sind Fluorchinolone nach Leitlinie erste Wahl, die Therapiedauer ist mit vier bis sechs Wochen länger.