Kinder und Ältere brauchen andere Antibiotikadosen
Bei Kinder und alten Menschen gilt es aufpassen mit der Antibiotikatherapie: Durch die veränderte Pharmakokinetik drohen Unter- und Überdosierungen, die nicht nur Therapieversagen oder Nebenwirkungen, sondern auch Resistenzen begünstigen können.
Die richtige Dosis ist für den Therapieerfolg eines Antibiotikums essentiell. Bei einem Zuwenig drohen ausbleibende Wirkung sowie die Selektion resistenter Keime, bei einem Zuviel mehr Nebenwirkungen, schreibt Prof. Dr. Nils-Olaf Hübner, Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Universitätsmedizin Greifswald. Bei Älteren und Kindern kann es leicht zu Fehldosierungen kommen, insbesondere wenn Ältere in Applikationschemata undifferenziert als Erwachsene eingestuft werden. Das Problem ist in dieser Altersgruppe besonders relevant, weil ihr prozentualer Anteil an der Bevölkerung immer mehr ansteigt. Außerdem erleiden sie häufiger und schwerere Infektionen und werden deutlich häufiger antibiotisch behandelt. Antibiotikatherapien und auch -resistenzen kommen in Pflegeheimen überdurchschnittlich häufig vor. Resistenzen können sich relativ schnell entwickeln, wenn die Dosis der antimikrobiellen Wirkstoffe nicht ausreicht, um die Erreger abzutöten.
Im Alter verändern sich die Pharmakokinetik, also Absorption, Verteilung, Verstoffwechselung und Ausscheidung. Durch eine reduzierte Motilität von Speiseröhre, Magen und Dünndarm ist die Magen-Darm-Passage verlängert. Weil oft weniger Transportproteine vorhanden sind, können bestimmte Antibiotika wie z. B. Azithromycin, Erythromycin, Cefaclor und Sulfonamide schlechter absorbiert werden. Die Körperzusammensetzung verändert sich, d. h. der Wasseranteil sinkt und der Fettanteil nimmt zu. Damit steigt das Verteilungsvolumen lipophiler Wirkstoffe wie Fluorchinolone, Makrolide und Rifampicin. Bei einer Hypalbuminämie erhöht sich der Anteil freier Wirkstoffe. Dies kann man z. B. bei Penicillin, Cefriaxonen, Sulfonamiden oder Clindamycin beobachten. Eine Abnahme der kardiovaskulären Leistungsfähigkeit führt mitunter dazu, das sich mehr Flüssigkeit im Gewebe einlagert. Hydrophile Wirkstoffe wie β-Laktame würden dann weniger gut an den Ort der Infektion gelangen. Allerdings sind diese theoretisch gegebenen Besonderheiten der Verteilung wohl nicht generell bei höherem Alter, sondern eher bei Frailty zu erwarten, gibt Prof. Hübner zu bedenken.
Nierenfunktion bei Kindern und älteren Menschen im Blick behalten
Ein weiterer Punkt ist die Nierenfunktion: Bei verminderter glomerulärer Filtrationsrate werden Wirkstoffe langsamer ausgeschieden, was sich z. B. bei Aminopenicillinen, Chloramphenicol, Gyrasehemmern, Tetracyclinen und Vancomycin auswirken würde. Bei in der Leber verstoffwechselten Medikamenten kann es zu Wechselwirkungen mit anderen Substanzen kommen – ein Problem, das wegen der häufigeren Polypharmakotherapie im Alter relevant ist.
Bei Kindern hängt die Pharmakokinetik stark vom Lebensalter ab. So ist der Magen-pH-Wert in den ersten ein bis zwei Lebensjahren höher als bei Erwachsenen mit der Folge höherer Plasmaspiegel säurelabiler Antibiotika wie z. B. Penicillin G. Intramuskulär verabreichte Wirkstoffe werden von Neugeborenen und Kleinkindern weniger gut aufgenommen, die Absorption durch die Haut ist dagegen oft besser. Neugeborene haben einen höheren Anteil an Körperwasser, so dass hydrophile Substanzen anders verteilt werden. Im Neugeborenenalter ist zudem zu berücksichtigen, dass einige Funktionen noch nicht voll ausgereift sind, z. B. die CYP-Enzyme für den Abbau von Arzneimitteln sowie die Nierenfunktion.
Wichtig: Aufklärung über korrekte Medikamenteneinnahme
Neben den Problemen der Pharmakokinetik und der Polypharmakotherapie sollte man auch die Adhärenz im Auge behalten, an der es bei Einnahme vieler Medikamente gleichzeitig mangeln kann. Um sie zu verbessern müssen die Patientinnen und Patienten gut aufgeklärt werden über die korrekte Applikation, mögliche Neben- und Wechselwirkungen und die Notwendigkeit, die Medikamente genau nach Verordnung einzunehmen.
Ältere Menschen und Kinder sollte man individuell behandeln, um keine Unter- oder Überdosierungen zu riskieren. Dieser Anspruch stellt in der Praxis eine Herausforderung dar, räumt der Autor ein. Er erfordert eine sorgfältige Anamnese und die Berücksichtigung möglicher Interaktionen. Man sollte sich zudem immer fragen, welche Effekte zu einer Über- oder Unterdosierung führen könnten, wie man ein Monitoring sicherstellt und wie man ggf. gegensteuern kann. Dabei gilt es, sowohl auf Nebenwirkungen als auch auf ein Therapieversagen zu achten.
Hübner N-O. Bundesgesundheitsbl 2026; doi: 10.1007/s00103-026-04233-7