Kompressionsstrümpfe richtig verordnen
Flach- oder rundgestrickt? Eine oder zwei Komponenten? Kompressionsklasse II, III oder gar IV? Die Verordnung von Kompressionsstrümpfen ist eine Wissenschaft für sich. Hilfestellung gibt die aktualisierte Leitlinie zur medizinischen Kompressionstherapie.
Aus der Behandlung phlebologischer und lymphologischer Krankheitsbilder ist die medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten mit Verbänden, adaptiven Systemen (Klett-, Wrapverbände) oder Strümpfen nicht wegzudenken. Wer sie verordnet, sollte sich allerdings mit den Indikationen und Kontraindikationen sowie den modernen Materialien und Anlegetechniken gut auskennen, fordern zahlreiche Fachgesellschaften unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie.
Was bringt die medizinische Kompressionstherapie konkret?
Ziel der medizinischen Kompressionstherapie ist, kontinuierlich einen definierten Druck – zumeist auf eine Extremität – auszuüben, um den venösen und lymphatischen Abstrom sowie die venöse Pumpfunktion zu verbessern. Verbände und adaptive Systeme kommen vor allem in der Entstauungsphase zum Einsatz, medizinische Kompressionsstrümpfe (MKS) dagegen in der längerfristigen Therapie- bzw. Erhaltungsphase und in der Prävention.
Kompressionsklassen und Arbeitsdruck
Die Kompressionsklassen (KKL) I-IV spiegeln die in Ruhe ermittelten Andrücke im Fesselbereich wider. Die Normierung variiert international.
KKL I: leichte Intensität, 18–21 mmHg
KKL II: mittlere Intensität, 23–32 mmHg
KKL III: kräftige Intensität, 34–46 mmHg
KKL IV: sehr kräftige Intensität, ≥ 49 mmHg
Bei richtiger Pflege und Handhabung von MKS hält die Kompressionswirkung in der Regel sechs Monate an. Neben dem Ruhedruck ist der Arbeitsdruck für die Wirksamkeit eines Kompressionsstrumpfes bedeutsam. Er wird entscheidend durch Dehnbarkeit und Elastizität der verwendeten Materialien (u. a. Polyamid, Elastan, Viskose, Baumwolle, Naturkautschuk, Mikrofaser) beeinflusst.
Wann sind flachgestrickte Kompressionsstrümpfe die bessere Wahl?
Flachgestrickte MKS können passgenau und mit hoher Kompressionsstärke hergestellt werden. Anders als rundgestrickte rutschen sie aufgrund ihrer Dehnbarkeit und Elastizität (Stiffness) und Biegesteifigkeit nicht so leicht in Gewebefalten hinein. Sie sind daher bei großen Umfangsänderungen, konisch geformten Extremitäten und vertieften Gewebefalten zu bevorzugen. Dies kann bei schwerer chronisch-venöser Insuffizienz, ausgeprägtem Lymph- oder Lipödem und Adipositas der Fall sein.
Abhängig von Diagnose, Begleiterkrankungen, Lokalisation der Beschwerden, aber auch Akzeptanz seitens der Patientin bzw. des Patienten wird man Waden-, Halbschenkel- oder Schenkelstrümpfe oder eine Strumpfhose verordnen. Außerdem gibt es Bermudas, Radler- und Caprihosen sowie Leggings. Die Oberkörperkompression gelingt mit Miedern. Auch die Versorgung von Zehen- und Fingerödemen ist durch spezielle maßgefertigte Kompressionsteile möglich. Die Stärke des erforderlichen Andrucks hängt ebenfalls von den o.g. Faktoren ab, eine starre Zuordnung von Diagnose und Kompressionsklasse (KKL, s. Kasten) darf nicht erfolgen. Zu bevorzugen ist jeweils die niedrigste noch wirksame KKL.
Was gilt bei Ulcus cruris für die Kompression mit zwei Lagen?
Zur Kompression bei Ulcus cruris wird nach der Entstauung mit Verbänden ein Strumpfsystem mit zwei Lagen empfohlen. Es besteht zumeist aus einem dünneren Unterziehstrumpf mit geringerem Druck (max. Kompressionsklasse I) und einem kräftigeren darüber zu tragenden Strumpf. Der Unterziehstrumpf kann auch nachts getragen werden.
Wirksame medizinische Kompressionstherapie
Eine konsequent durchgeführte Kompressionstherapie hat zahlreiche positive Effekte. Bei chronischen Venenkrankheiten bessern sich venöse Symptome, Ödeme und Lebensqualität der Betroffenen, Hautveränderungen gehen zurück. Die Ulkusheilung beschleunigt sich und die Rezidive werden seltener.
Bei der akuten tiefen Beinvenenthrombose ergänzt die Kompressionstherapie die Antikoagulation. Ein sofortiger Beginn führt zusammen mit einer raschen Mobilisierung zum raschen Rückgang von Schmerzen und Ödemen, die schmerzfreie Gehstrecke verlängert sich. Der Thrombus wird rascher rekanalisiert, eine Thrombusprogression vermindert. Das Risiko für die Entwicklung eines postthrombotischen Syndroms sinkt. Beim Lymphödem ist Kompression fester Bestandteil des Therapieregimes zur Entstauung der Extremität und beim Lipödem dient die Kompression der Reduzierung von Schmerzen und anderen subjektiven Symptomen.
Es ist Aufgabe der Ärztin bzw. des Arztes, den individuell geeigneten Kompressionsstrumpf auszusuchen, heißt es in der Leitlinie. Oft sei eine Produktangabe sinnvoll, da es in jeder Kompressionsklasse verschiedene Materialien mit unterschiedlicher Elastizität und Wirksamkeit gibt. Zudem sollte man aus hygienischen Gründen immer zwei Paar MKS verordnen.
Folgende Kriterien sind auf dem Rezept zu vermerken:
Anzahl der MKS
Strumpflänge (Waden-, Halbschenkel-, Schenkelstrumpf, Strumpfhose, Armstrumpf etc.)
Kompressionsklasse
Indikation bzw. Diagnose
Hilfsmittelnummer oder Bezeichnung des Hilfsmittels
Fußspitze offen oder geschlossen
Falls erforderlich, kommen u. a. Angaben zu Stiffnessbereich, Strickart oder Maßanfertigung dazu.
S2K-Leitlinie „Kompressionstherapie der Extremitäten mit Medizinischem Kompressionsstrumpf (MKS), Medizinischem Kompressionsverband (MKV) und Medizinischen adaptiven Kompressionssystemen (MAK)“; AWMF Register-Nr. 037-005; www.awmf.org