Neue Leitlinie stärkt Aufklärung und Physio bei Bruxismus
Damit ein Bruxismus die Zähne nicht ruiniert, muss gehandelt werden. Medikamente sind dabei nicht hilfreich – die aktuelle Leitlinie setzt vielmehr auf Aufklärung, Entspannungsübungen und Physiotherapie.
Eine kausale zahnärztliche Behandlung von Bruxismus gibt es nicht, schreibt das Autorenteam der neuen Leitlinie unter der Federführung zweier Fachgesellschaften – der DGFDT* und der DGZMK**. Rechtzeitig erkannt lassen sich aber mögliche Folgen wie Schäden an Zähnen und Zahnersatz oder Schmerzen in Kiefergelenken bzw. Kaumuskeln verhindern. Man unterscheidet den Schlafbruxismus vom Wachbruxismus. Dabei ist die Kaumuskulatur rhythmisch, wiederholt oder dauerhaft aktiv, teilweise auch mit Zahnkontakt.
Psychische Störungen und Stress zählen zu den Auslösern
Der primäre Bruxismus hat keine erkennbare Ursache. Zum sekundären Bruxismus kann es u. a. kommen bei Schlafstörungen, gastroösophagealem Reflux, Konsum von Alkohol, Nikotin oder Drogen, als Nebenwirkung von Medikamenten (z. B. Antidepressiva, Antikonvulsiva, Antihistaminika) und als Begleiterscheinung von ZNS-Erkrankungen. Die Symptomatik zeigt außerdem einen Zusammenhang zu emotionalem Stress und psychischen Störungen. Studien konnten belegen, dass während der COVID-19-Pandemie Bruxismus häufiger auftrat.
Ein gewisses Maß an Bruxismus kann als normal und harmlos gewertet werden. Krankheitswert erlangt er, wenn es zu klinischen Folgen kommt. Dazu gehören
Verspannungen bzw. Schmerzen im Wangen-, Schläfen- und Kieferbereich,
eingeschränkte Mundöffnung,
Schäden an der Zahnhartsubstanz und
früher Verschleiß von Zahnfüllungen und anderen Restaurationsmaterialien.
Auf einen Schlafbruxismus wird häufig zuerst die Partnerin bzw. der Partner aufmerksam aufgrund von Knirschgeräuschen, oder die Zahnärztin bzw. der Zahnarzt äußert einen entsprechenden Verdacht. Allerdings ist Bruxismus nicht immer mit hörbarem Zähneknirschen verbunden. Als Goldstandard zur Diagnostik des Schlafbruxismus gilt die polysomnografische Untersuchung. Dabei zeichnet man im Schlaflabor z. B. EMG, EEG, Unterkieferbewegungen und Knirschgeräusche auf. Die Methode ist allerdings zeit- und kostenintensiv. Als Alternative bewerten die Autorinnen und Autoren der Leitlinie portable EMG-Geräte, die ebenfalls eine gute Sensitivität aufweisen, aber eine geringe Spezifität. Falsch positive Resultate kommen also häufig vor. Auch eingefärbte Bruxismusschienen, deren Farbschicht durch das Zähneknirschen abblättert, stuft das Leitlinienteam als einfache und nützliche Diagnostikmethode ein.
Beim Wachbruxismus kann das sogenannte Ecological Momentary Assessment (EMA) die Symptomatik aufdecken. Die Betroffenen lernen dabei, das eigene Verhalten immer wieder selbstreflektierend zu registrieren – z. B. ob die Zähne in Kontakt stehen, die Zunge gegen die Zähne gepresst wird, die Wangen eingesaugt oder die Kaumuskeln angespannt sind.
Entspannungsübungen und Physiotherapie können helfen
Die Patientinnen und Patienten gut aufzuklären und zu beruhigen, halten die Forschenden für essenziell. Sie sollten Informationen erhalten zu Befunden, möglicher Ätiologie,
Risikofaktoren, Prognose und Therapiemöglichkeiten. Wichtig sei dabei die Vermittlung von Selbsthilfemaßnahmen wie Entspannungs- und Atemübungen oder progressive Muskelentspannung nach Jacobson. Bei craniomandibulärer Dysfunktion sollten physiotherapeutische Maßnahmen angeboten werden. Eine Okklusionsschiene kann die Zähne nachts vor Abrieb schützen.
Zahlreiche systemische Medikamente wurden in Studien untersucht. Da sich ein Nutzen nicht belegen ließ oder methodische Mängel bestanden, wurde keines davon in der Leitlinie empfohlen. Lediglich die Injektion von Botulinumtoxin in die Kaumuskeln könne erwogen werden. Neu in der Leitlinie ist das Kapitel „Weitere Behandlungsansätze“. Aufgeführt werden hier Stimuli in Form von Musik oder Geruch (Lavendel) sowie die Photobiomodulation mit Infrarot-LED. Um Empfehlungen daraus abzuleiten, sei die Studienlage derzeit aber nicht ausreichend.
* Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
** Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
S3-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung von Bruxismus“; AWMF-Register-Nr. 083-027; www.awmf.org