O-Ton Allgemeinmedizin, Folge 73

Poliomyelitis in Deutschland: Abwasserfunde als Warnsignal

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Polio ist keineswegs Geschichte: Der Nachweis von Wildtyp-1-Viren im Hamburger Abwasser im Oktober 2025 zeigt, wie wichtig Impfquoten, Früherkennung und wachsame Hausärztinnen und Hausärzte bleiben.

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Insbesondere der Fund von Polio-Wildviren Typ 1 im Hamburger Abwasser im Oktober 2025 war ein Weckruf: „Das hat uns als Menschen, die wir uns mit Polio befassen, tatsächlich aufgerüttelt. Das erste Mal seit 1992 wurde in Deutschland der Wildtyp-Virus nachgewiesen“, sagt Dr. Carolina­ Klett-Tammen­ vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig in der neuen Folge des Podcasts O-Ton Allgemeinmedizin. Es sei bislang kein klinischer Poliofall in diesem Zusammenhang aufgetreten. Der Fund zeige aber die große Bedeutung des Abwassermonitorings als Frühwarnsystem.

Trotz aller Bemühungen ist Polio nicht ausgerottet. Zwar gelten die Wildtypen 2 und 3 seit 2015 bzw. 2019 als eradiziert, erläutert Dr. Klett-Tammen. Der Wildtyp 1 zirkuliert aber weiterhin endemisch in Afghanistan und Pakistan. Hinzu kommen impfstoffabgeleitete Viren, die sich in unzureichend immunisierten Populationen aus dem oralen Lebendimpfstoff entwickeln und Lähmungen verursachen können.

Dr. Klett-Tammen erklärt, dass der Totimpfstoff, der in Deutschland verwendet wird, zuverlässig vor der Erkrankung schützt, jedoch nicht vollständig vor einer Infektion und der Weitergabe des Virus. Wer geimpft ist, kann sich also infizieren und das Virus ausscheiden, ohne selbst zu erkranken. In einer gut durchgeimpften Bevölkerung stellt das kein großes Problem dar, wird aber in Clustern mit niedrigen Impfquoten gefährlich.

Die Impfempfehlung für Deutschland sieht ein 2+1-Schema mit dem Totimpfstoff vor. In der Regel erfolgt diese Grundimmunisierung kombiniert mit der Sechsfachimpfung im Kleinkindalter, ergänzt durch eine Auffrischung im Jugendalter.

Laut RKI haben 96 % der Kinder bis zum Alter von 15 Monaten mit der Grundimmunisierung begonnen. Allerdings werden die ausstehenden Injektionen häufig hinausgezögert oder komplett versäumt. In diesem Punkt sieht die Public-Health-Expertin die Ärzteschaft in der Pflicht: „Wir wissen ja, dass Menschen, die sich für Impfungen entscheiden, das meistens tun, weil ihre Ärztin oder ihr Arzt ihnen das empfohlen hat.“ Der Grund für unvollständige Impfserien sei meist nicht bewusste Ablehnung, sondern schlicht Vergessen oder Bequemlichkeit. Dr. Klett-Tammen empfiehlt daher, bei einem der ersten Hausarztbesuche den kompletten Impfstatus zu erheben. Angesichts der unzureichenden Digitalisierung und des noch immer nicht vorhandenen nationalen Impfregisters sei das zwar aufwendig, aber enorm wichtig.

Bei entsprechender Symptomatik – akute schlaffe Lähmung ungeklärter Ursache – sollen Hausärztinnen und Hausärzte die üblichen Meldewege nutzen und zwei Stuhlproben, im Abstand von 24 bis 48 Stunden genommen, einsenden, beschreibt Dr. Klett-Tammen das Prozedere. Eigens hierfür sei die Nationale Enterovirus-Surveillance des RKI etabliert worden.

Panik vor einem Ausbruch ist nicht angebracht

Einen größeren Poliomyelitisausbruch in Deutschland hält die Epidemiologin derzeit für eher unwahrscheinlich. Solange jedoch das Wildtyp-Virus zirkuliere, könne es jederzeit zu Importen kommen, wie die Abwasserfunde in Hamburg belegten. „Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig, dass wir die Impfquoten erhöhen, dass wir unsere Surveillance aufrechterhalten und die Reaktionswege auch so klar definiert lassen, wie sie aktuell sind.“ Aber eben, wie sie hinzufügt, „ohne in Panik zu verfallen oder davon auszugehen, dass wir bald wieder Eiserne Lungen brauchen“.

Als Sprecherin des Fachbereichs Global Health in der Deutschen Gesellschaft für Public Health weist Dr. Klett-Tammen auf ein vielfach unterschätztes Problem hin: Angriffe auf Gesundheitspersonal und Gesundheitseinrichtungen in Krisenregionen gefährden Impfprogramme weltweit – und damit auch den Schutz der Menschen in Europa. Ihre Botschaft an Hausärztinnen und Hausärzte ist eindeutig: den Impfstatus der Patientinnen und Patienten im Blick haben, fehlende Impfungen aktiv anbieten – und bei entsprechenden Symptomen die Poliomyelitis als Diagnose mitdenken.

Dr. Carolina J. Klett-Tammen
© HZI/Verena Meier
Dr. Carolina J. Klett-Tammen

Seit Ende 2024 werden immer wieder impfstoffabgeleitete Polioviren (cVDPV2) in Abwässern verschiedener europäischer und auch deutscher Städte gefunden. Und im Oktober 2025 wurde in einer Hamburger Abwasserprobe erstmals seit über 30 Jahren wieder Polio-Wildvirus Typ 1 in Deutschland nachgewiesen.

Polio in Deutschland – die Kinderlähmung ist noch lange nicht Geschichte

In dieser Folge spricht Tobias Stolzenberg mit der Epidemiologin Dr. Carolina J. Klett-Tammen, der stellvertretenden Leiterin der Klinischen Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, über die aktuelle Polio-Lage, den Impfschutz in Deutschland und was Hausärztinnen und Hausärzte wissen und tun sollten.

Gast dieser Folge: Dr. Carolina J. Klett-Tammen, Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Braunschweig

Dr. Klett-Tammen ist Sprecherin des Fachbereichs Global Health in der Deutschen Gesellschaft für Public Health.

Host dieser Folge: Tobias Stolzenberg, Redakteur bei Medical Tribune in Wiesbaden

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