Viel zu viele Thrombozyten – was steckt dahinter?
Von schlichter Fehlmessung über physiologische Reaktionen bis hin zur hämatologischen Neoplasie: Es gibt viele Ursachen für Thrombozytosen. Ein Experte führte die wesentlichen Auslöser auf.
Der Normbereich der Thrombozytenwerte im Blut liegt zwischen 150.000 und 400.000/µl. Ab Werten oberhalb von 450.000/µl liegt eine manifeste Thrombozytose vor. Doch Vorsicht: Das oft zur Messung verwendete Coulter-Verfahren ist fehleranfällig, warnte Prof. Dr. Jan Hastka von der III. Medizinischen Klinik der Universitätsmedizin Mannheim. Nicht selten ergibt der Test eine Pseudothrombozytose, etwa weil das Gerät andere Blutbestandteile als die Plättchen mitzählt. Im Zweifel rät Prof. Hastka zur Kontrolle mit einer anderen Methode wie der Zählung im Blutausstrich.
Bei tatsächlich stark erhöhten Plättchenwerten handelt es sich in den meisten Fällen um reaktive Thrombozytosen, die einer sorgfältigen internistischen Abklärung bedürfen. Spätestens ab Werten über 1 Mio/µl muss man an eine hämatologische Neoplasie denken und sollte entsprechende Spezialistinnen und Spezialisten einschalten, betonte der Kollege.
Wann der Körper mit einem Plättchenanstieg reagiert
Als klassisches Beispiel für eine reaktive Thrombozytose nannte Prof. Hastka den Anstieg nach Splenektomie. In der Milz wird normalerweise etwa ein Drittel der Plättchen gespeichert, die dann im Blut zirkulieren. Man verzeichnet postoperativ einen Anstieg der Plättchenzahl um 30–50 %, die Werte können auf 1 Mio/µl klettern. Das Maximum wird nach ein bis drei Wochen erreicht. Im Verlauf von etwa ein bis drei Monaten normalisiert sich der Spiegel wieder.
Weitere mögliche Auslöser einer reaktiven Thrombozytose sind Eisenmangel und chronisch-entzündliche Erkrankungen. Auch Reboundphänomene – etwa nach Chemotherapie, Alkoholentzug, Vitaminsubstitution, akuten Blutungen sowie Operationen und Gewebsverletzungen – können die Plättchenzahl in die Höhe treiben. Hinzu kommen Neoplasien, Infektionen und Hämolyse als weitere mögliche Ursachen.
Mögliche Symptome bei Thrombozytose
Schwindel, Sehstörungen
Livedo reticularis, aquagener Pruritus, Erythromelalgie
Thrombose, Herzinfarkt/Schlaganfall
Pseudohyperkaliämie (durch freigesetztes Kalium aus den Thrombozyten während der Gerinnung im Serumröhrchen)
Ob primär oder reaktiv: Die Therapie der Grunderkrankung steht bei einer Thrombozytose an erster Stelle. Bei Mikrozirkulationsstörungen gibt man ASS (50–100 mg). Diese Maßnahme kommt auch zur Thromboseprophylaxe bei myeloproliferativen Neoplasien (MPN) infrage. Gehen MPN mit Thrombozytenzahlen > 1 Mio/µl einher, besteht die Gefahr von Blutungen durch einen Mangel an von-Willebrand-Faktor. Dann sollte man auf ASS verzichten.