Von Wanderröte bis Arthritis: Borreliose-Symptome einordnen
In der Hausarztpraxis fordert die Borreliose einen wachen Blick für ihr breites Manifestationsspektrum. Wer Neuroborreliose, Karditis oder Lyme-Arthritis von Anfang an mitdenkt, stellt die Weichen für Diagnostik und Therapie.
In den USA wurde die Lyme-Borreliose erstmals im Jahr 1975 beschrieben. In der Rückschau war die Erkrankung aber vermutlich schon ein Jahrhundert zuvor in Europa präsent, schreiben Prof. Dr. David Snydman und Prof. Dr. Linden Hu von der Tufts University in Boston.
Die geschätzt jährlich 500.000 Fälle von Borreliose in den USA gehen meist auf Borrelia burgdorferi zurück, deutlich seltener ist B. mayonii die Ursache. In Westeuropa findet sich zwar auch B. burgdorferi als Erreger der Borreliose, meist sind hier aber B. afzelii und B. garinii die Auslöser der vermutlich mehr als 200.000 Erkrankungen pro Jahr. Sehr selten stecken B. speilmanii und B. bavariensis dahinter.
Überträger sind Zecken der Gattung Ixodes, in Europa z. B. I. ricinus. Bei einem Stich gelangen die Borrelien in der Regel erst dann in den menschlichen Körper, wenn die Zecke länger als 36 Stunden in der Haut festsaß. Die Spinnentiere sollten also möglichst bald mithilfe einer Pinzette aus der Haut gezogen werden. Von Hilfsmitteln wie Alkohol oder Öl raten die Autoren ab.
Selbstschutz statt Impfung
Da es kein Vakzin gegen Borrelien gibt, ist der Zeckenschutz wichtig. Das kann etwa mittels Repellentien wie DEET* oder in Form permethrin-imprägnierter Kleidung geschehen.
Wer in einem Endemiegebiet draußen unterwegs ist und eine Borrelieninfektion verhindern will, kann umgehend nach der Heimkehr duschen und die getragene Kleidung zehn Minuten im Trockner erhitzen, bei nasser Wäsche eine Stunde.
Zecken stechen meist in die Leistengegend, Achselhöhlen und Kniekehlen oder in die Bauchhaut. Diese Körperregionen sind bei Verdacht besonders gründlich zu inspizieren.
* Diethyltoluamid
Drei Tage bis zwei Wochen: Wann die Wanderröte erscheint
Bei 70–80 % der Betroffenen zeigt sich frühestens drei Tage nach dem Zeckenstich, meist nach ein bis zwei Wochen, das typische, im Durchmesser in der Regel 2–5 cm große begrenzte und meist schmerzlose Erythema migrans. Schwieriger zuzuordnen sind vesikuläre Formen, die einem Sonnenbrand ähneln, oder multiple Erytheme bei disseminierten Formen. Symptome wie bei einem fieberhaften Infekt sind möglich.
Nur bei europäischen Patientinnen und Patienten ist in einigen Fällen ein Borrelienlymphozytom zu beobachten, etwa im Bereich der Brustwarzen bei Erwachsenen oder am Ohrläppchen bei Kindern. Neurologische Auffälligkeiten treten in 10–15 % der Fälle auf, wobei Borrelien eine der sehr seltenen Ursachen auch einer bilateralen Fazialisparese sein können. Möglich sind zudem eine spinale Radikulopathie oder Meningoenzephalitis.
Seltene Komplikationen: Augen- und ZNS-Manifestationen
Eine spezielle Form der Enzephalopathie mit spastischer Paraparese wurde nach B.-garinii-Infektion in Europa beschrieben. In bis zu 10 % der Fälle entwickelt sich eine Konjunktivitis, seltener sind Iridozyklitis oder Uveitis. Sehr selten kommt es bei Kindern als Folge einer Hirndrucksteigerung zur Erblindung.
Eine kardiale Beteiligung ist in 1–4 % der Fälle zu beobachten. Bei rund 30 % der nicht frühzeitig therapierten Personen mit Borreliose in den USA kommt es zur Lyme-Arthritis. Sie betrifft vor allem die großen Gelenke, insbesondere die Knie. In Europa ist diese Gelenkerkrankung deutlich seltener.
Was tun bei persistierenden Symptomen?
Späte Hautmanifestationen stellen Acrodermatitis chronica atrophicans und morphea-ähnliche Veränderungen dar, die nur in Europa bei B.-afzelii-Infektion beschrieben wurden. Trotz Therapie bleiben bei ca. 10–20 % der Betroffenen anhaltende Beschwerden nach Therapie – sogenannte persistent post-treatment symptoms – wie Erschöpfung, Muskel- und Gelenkschmerzen oder kognitive Beeinträchtigungen zurück.
Ohne weitere Diagnostik ist eine Therapie indiziert, wenn die Patientin oder der Patient ein Erythema migrans aufweist und aus einem Endemiegebiet stammt oder sich dort aufgehalten hat. Bei wenig spezifischen Symptomen, z. B. bei Karditis oder Arthritis, sind zunächst serologische Tests zur Diagnosestellung angezeigt.
Der Nachweis sollte zweistufig mit unterschiedlichen Tests erfolgen. Per C6-ELISA lassen sich Antikörper gegen die in den USA und Europa verbreiteten Borrelien-Stämme detektieren. Zu beachten ist dabei das Risiko falsch positiver Befunde bei IgM-Western-Blots. Bei nur unspezifischen Symptomen sollte eine serologische Testung unterbleiben, so die Autoren.
10, 14 oder 28 Tage? Die Therapiedauer bei Borreliose
Therapeutisch bleibt Doxycyclin die Substanz der Wahl: Bei Erythema migrans sind 2 × 100 mg täglich oral für 10 Tage angezeigt. Dieses Regime für 10–14 Tage ist auch bei Lyme-Meningitis effektiv. Im Falle einer Karditis ist die Dauer auf 14–21 Tage, bei Lyme-Arthritis auf 28 Tage zu verlängern. Bleiben die Gelenkschmerzen bestehen, ist ein zweiter Therapiezyklus erforderlich.
Alternativen zu Doxycyclin sind Amoxicillin, Cefuroxim oder Azithromycin in adäquater Dosierung, ggf. auch Ceftriaxon i. v. Zu beachten ist, dass 24–48 Stunden nach Therapiebeginn etwa 15 % der Betroffenen eine Jarisch-Herxheimer-Reaktion zeigen, also eine meist vorübergehende Symptomverschlechterung. Im Fall eines Post-Lyme-Syndroms schadet eine erneute Antibiotikagabe eher, als dass sie Nutzen bringt.
Snydman DR, Hu L. Medicine 2026; 54: 192-195; doi: 10.1016/j.mpmed.2025.12.001