Apps und DiGA unterstützen bei Darmerkrankungen
Digitale Angebote für Menschen mit chronischen Darmproblemen reichen von der Stuhltagebuch-App bis zur erstattungsfähigen DiGA. Bei hoher Belastung und erschwertem Zugang zur psychosomatischen Versorgung können die Anwendungen durchaus hilfreich sein – insbesondere beim Reizdarmsyndrom.
Die App Poop Track, auf Deutsch unter dem Namen Glückliche Kacke verfügbar, ist ein gutes Beispiel für eine nützliche App, fand Prof. Dr. Heiner Krammer, Deutsches End- und Dickdarmzentrum Mannheim. Mit ihr lassen sich Häufigkeit und Beschaffenheit des Stuhls inklusive Blutauflagerungen, Schleim, Geruch, Blähungen und Schmerzen beim Stuhlgang dokumentieren. Zudem können die Anwenderinnen und Anwender Fotos hochladen.
Solche Angaben können in der Sprechstunde überaus nützlich sein, so die Erfahrung des Gastroenterologen. Für die Vorbereitung auf eine Koloskopie gibt es ebenfalls eine App, allerdings nur für ein einzelnes spezielles Produkt, berichtete der Gastroenterologe. Programme dieser Art wären seiner Ansicht nach auch bei anderen Medikamenten, die im Vorfeld einer Darmspiegelung eingesetzt werden, sinnvoll.
Für GKV-Versicherte ist die DiGA erstattungsfähig
Wesentlich höhere Anforderungen als an Apps werden an digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) gestellt (siehe Kasten). Vom BfArM geprüfte DiGA können von Ärztinnen und Ärzten oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten auf Kosten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden. Da haben GKV-Versicherte mal einen Vorteil gegenüber Privatversicherten, meinte Prof. Krammer.
Für DiGA gelten strenge Regeln
Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) müssen folgende Voraussetzungen erfüllen, um vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gelistet zu werden:
Zulassung als Medizinprodukt
CE-Zertifizierung
Datenschutz und IT-Sicherheit müssen gewährleistet sein
bestandene Prüfung durch das BfArM
Zudem muss erwiesen sein, dass die DiGA beim Erkennen und Überwachen der entsprechenden Erkrankung hilft und einen therapeutischen Nutzen hat.
Die meisten der etwa 60 zurzeit beim BfArM gelisteten DiGA (diga.bfarm.de) zielen auf die Behandlung bei psychischen Erkrankungen ab. Für die proktologische Praxis ist als einzige die DiGA Cara Care für Reizdarm verschreibungsfähig. Diese Anwendung unterstützt die Betroffenen beim Reizdarmsyndrom (RDS) insbesondere in puncto Ernährung und Psyche, etwa mit einer Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Low-FODMAP*-Diät, mit Anweisungen zur kognitiven Verhaltenstherapie, mit Entspannungsübungen sowie einer audiogeführten Hypnose, erläuterte Prof. Krammer.
Das sei umso bedeutsamer, als man diese Patientinnen und Patienten bei psychosomatischen Versorgern kaum unterbringen könne, betonte er. Zu verordnen ist die DiGA für Erwachsene mit RDS bis zum Alter von 70 Jahren.
Deutliche Reduktion der Beschwerden nach zwölf Wochen
Basis für die Zulassung war eine randomisierte kontrollierte Studie mit 378 RDS-Betroffenen. Nach zwölf Wochen Eigenanwendung konnte mit der Vollversion der Cara-Care-DiGA eine signifikante Reduktion der Beschwerden gegenüber Kontrollpersonen erzielt werden. Der Anteil derjenigen mit einer klinisch relevanten Verbesserung nach dem Symptomfragebogen IBS-SSS** betrug in der Interventionsgruppe 70,2 %, in der Kontrollgruppe 33,2 %. Auch hinsichtlich Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit und Gesundheitswissen profitierten die Nutzerinnen und Nutzer.
Das Programm ist für eine Dauer von zwölf Wochen konzipiert, eine Folgeverordnung ist möglich. Der Herstellerpreis wird in der DiGA-Liste mit 248 Euro pro Quartal angegeben, Zuzahlungen sind nicht erforderlich. Im Alltag proktologischer Praxen ist die budgetneutral zu verschreibende DiGA (Kassenrezept, PZN 17964363) allerdings noch kaum angekommen, meinte der Referent. „Jetzt haben wir mal was Neues, und dann nutzen wir es nicht!“, meinte er.
Möglicherweise gibt es Vorbehalte wegen der vermeintlich hohen Kosten. Doch Prof. Krammer hält den Preis für angemessen und führte zum Vergleich die Kosten auf, mit denen bei einer multimodalen RDS-Therapie nach EBM zu rechnen ist:
10 Minuten Psychoedukation 15,28 Euro
Ernährungsgruppentherapie nach GOÄ durchschnittlich 165 Euro
100 Minuten kognitive Verhaltenstherapie 64,80 Euro
15 Minuten Hypnose 24,46 Euro
Wichtig sei, geeignete Patientinnen und Patienten zu identifizieren, betonte Prof. Krammer. Für ihn sind das Menschen mit RDS und ernährungs- und stressabhängigen Beschwerden bei hohem Informationsbedarf, die schon vieles – und das mehrfach – versucht haben und proktologisch unauffällig sind.
* fermentable oligo-, di- and monosaccharides and polyols
** Irritable Bowel Syndrome – Severity Scoring System