Empathischer als der Mensch: Was KI in der Dermatologie kann
KI diagnostiziert schneller, dokumentiert effizienter – und wirkt auf Patientinnen und Patienten mitunter sogar empathischer als echte Ärztinnen und Ärzte. Was das für den dermatologischen Alltag bedeutet.
In puncto Anamnese kann die KI in zwei Szenarien sinnvoll zum Einsatz kommen, erklärte Dr. Jörg Tittelbach, Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Universitätsklinikum Jena. Zum einen ist das die KI-unterstützte Anamnese. Dabei verfolgt die KI im Hintergrund das Arzt-Patienten-Gespräch mit und erstellt eine Zusammenfassung. In einer Studie hat man zehn Dermatologinnen und Dermatologen sowie zwei MFA so arbeiten lassen. Im Vergleich zum Tippen in die ePA ergab sich eine Zeitersparnis von 20 Minuten. Den Patientinnen und Patienten gefiel das Tool überwiegend gut, weil die Ärztinnen und Ärzte ihnen ihre volle Aufmerksamkeit widmeten und nicht dauernd auf den Monitor schauten.
Werden Fachkräfte in die Passivität gedrängt?
Die Software macht im Anschluss noch Vorschläge für einen erweiterten Service, z. B. das Erstellen eines Patientenmerkblattes, ein Text für eine Überweisung oder gar eine passende Verordnung. Dr. Tittelbach sieht darin aber die Gefahr, dass die Ärztin bzw. der Arzt zunehmend in eine passive Rolle gedrängt wird und nur noch das macht, was der Algorithmus vorgibt.
Die andere Möglichkeit, KI für die Anamnese zu nutzen, besteht darin, sie das Gespräch eigenständig führen zu lassen. In einer Studie mit Schauspielpatientinnen und -patienten bewerteten diese die KI bezüglich Vertrauen, Ehrlichkeit und vor allem Empathie besser als den Menschen aus Fleisch und Blut. So verwunderlich ist das aber auch wieder nicht, meinte Dr. Tittelbach. Denn die KI arbeitet intensiv mit positiven Verstärkern, z. B. „sehr gute Frage“ oder „gut, dass du daran gedacht hast“. Aber auch die Spezialistinnen und Spezialisten bewerteten die KI durchweg positiv.
Wie sieht es in der infektiologischen Diagnostik aus? In einer Studie zu Mpox hat man verschiedene KI-Systeme Bilder unterschiedlicher Erkrankungen einordnen lassen. Dabei erwiesen sich Spezifität und Sensitivität als recht respektabel, auch wenn die Trefferrate keine 100 % erreichte und sich die Systeme z. T. untereinander uneinig waren. Bei unterschiedlichen Dermatologinnen und Dermatologen wäre das aber nicht anders, so Dr. Tittelbach. Ähnlich fielen Studien zu anderen Diagnosen aus. So trat die KI in einer Studie zur mykologischen Diagnostik gegen 16 erfahrene Dermatologinnen und Dermatologen an, davon zwei mit 20-jähriger mykologischer Expertise. Die KI war besser als oder ähnlich gut wie die meisten Expertinnen und Experten und deutlich schneller – sie kam bereits nach drei Sekunden zu einem Ergebnis.
Mit der KI-Unterstützung Zeit sparen
Eine weitere Studie, in der sich ChatGPT mit drei erfahrenen Experten und drei Assistenzärzten einen Wettkampf lieferte, betraf infektiologisches Basiswissen sowie Kasuistiken. Dabei landeten die Experten auf Platz 1, ChatGPT und die „Anfänger“ teilten sich Platz 2. Das Fazit von Dr. Tittelbach: Rein auf Bildern basierte Diagnostik kann vor allem in Gebieten mit eingeschränkter Versorgung die dermatologische Diagnostik sinnvoll unterstützen. In Situationen guter Versorgung kann sie Zeit sparen.