Normoglykämie geht über Gewichtsverlust
Remission bei Prädiabetes senkt das Typ-2-Risiko um 70 %. Entscheidend ist die Normoglykämie, nicht der Gewichtsverlust allein.
Die Remission eines Prädiabetes senkt das Risiko für einen Typ-2-Diabetes drastisch. Entscheidend ist dabei die Normalisierung der Glykämie, ein Gewichtsverlust schlägt deutlich weniger zu Buche, erläuterte Prof. Dr. Reiner Jumpertz-von Schwartzenberg, Medizinische Klinik für Diabetologie, Endokrinologie und Nephrologie an der Universität Tübingen.
Dass eine intensive Lebensstilintervention das Diabetesrisiko um 58 % senken kann, hat vor 24 Jahren das US-amerikanische Diabetes Prevention Program gezeigt, so der Referent weiter. 15 Jahre nach Randomisierung hatte die Risikoreduktion noch immer 27 % betragen. Bis heute würden die Empfehlungen, bei Prädiabetes 5–7 % des Körpergewichts abzubauen, auf diesen Daten beruhen.
Neuere Auswertungen der Tübinger PLIS-Studie mit 1.105 Menschen mit Prädiabetes differenzieren das Bild allerdings, so Prof. Jumpertz-von Schwartzenberg. Unter Personen mit mindestens 5 % Gewichtsverlust unterschieden sich Responder (normale Glukoseregulation) und Non-Responder (Prädiabetes/Typ-2-Diabetes) nicht hinsichtlich des Body-Mass-Index, wohl aber in puncto Insulinsensitivität und Reduktion des viszeralen Fettgewebes.
Deutliche Risikominderung auch ohne Gewichtsverlust
Das Diabetesrisiko der Responder war demnach um 73 % zurückgegangen. Auch in der Subgruppe ohne Gewichtsverlust lag die Risikoreduktion bei Remission bei 71 %. Eine Post-hoc-Analyse zeigte zudem ein geringeres Risiko für kardiovaskulären Tod, Herzinsuffizienz und MACE. Befunde aus dem Diabetes Prevention Program und einer chinesischen Kohorte bestätigten die Ergebnisse.
Welche Faktoren einen Prädiabetes verändern, beleuchtete PD Dr. Sabrina Schlesinger vom Deutschen Diabetes-Zentrum (DDZ). Eine Metaanalyse von 44 Studien mit knapp 15.000 Personen mit Prädiabetes zeigt einen linearen Zusammenhang zwischen Gewichtsverlust und Risikoreduktion – sowohl für die Progression zum Diabetes als auch für die Rückkehr zur Normoglykämie. Evidenz besteht für mediterrane, fett- und kohlenhydratarme sowie ballaststoffreiche Kost ebenso wie für Intervallfasten und die vermehrte Aufnahme ungesättigter Fettsäuren.
Schlechter Lebensstil verbaut Weg zur Normoglykämie
Modifizierbare Faktoren wie Übergewicht, abdominelle Adipositas, Inaktivität und Rauchen verringern die Chance auf Normoglykämie. Face-to-Face-Interventionen und Formate, die Face-to-Face- mit digitalen Maßnahmen kombinierten, waren wirksamer als rein digitale Programme mit Apps und Online-Coachings. Die Teilnehmenden zogen professionell begleitete, strukturierte Lebensstilinterventionen einer medikamentösen Therapie vor.
In einer verhaltenstherapeutischen Studie zur Gewichtsreduktion fiel die Therapietreue nach nicht einmal einem Jahr auf rund 20 %, berichtete Prof. Dr. Nikolaos Perakakis vom Universitätsstudienzentrum für Stoffwechselerkrankungen an der TU Dresden. Metformin senkt das Diabetesrisiko, insbesondere bei jüngeren Menschen, adipösen Personen und Frauen mit vorangegangenem Gestationsdiabetes. Eine Reduktion diabetesbedingter Komplikationen oder der Mortalitätsrate ist nicht belegt.
In einer Analyse der Daten aus der Studie STEP 10 erreichten unter Semaglutid 81 % der adipösen Teilnehmenden mit Prädiabetes bis Woche 52 Normoglykämie vs. 14 % unter Placebo. Rund sechs Monate nach Absetzen waren noch 44 % der mit Semaglutid Behandelten im Normbereich (vs. 18 %). Unter Tirzepatid lag in SURMOUNT-1 die Diabetesinzidenz nach 176 Wochen dosisabhängig bei 0,4–1,6 % vs. 13,3 % unter Placebo.
Semaglutid schützt das Herz unabhängig vom HbA1c
Eine Post-hoc-Analyse der SELECT-Studie deutet auf eine Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse unter Semaglutid unabhängig vom HbA1c-Ausgangswert hin. Für SGLT2-Inhibitoren liegen bislang Metaanalysedaten bei Herz- und Niereninsuffizienz vor, die eine Risikoreduktion von rund 20 % belegen. Die Studie LIFETIME des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) prüft aktuell Dapagliflozin in der Indikation Prädiabetes.
Offen bleiben Fragen zur Patientenselektion: Bei einer Prädiabetesprävalenz von 10 bis 12 % ist eine flächendeckende Pharmakotherapie unrealistisch, meinte Prof. Perakakis. Diskutiert werden Stratifizierungen nach HbA1c, Adipositas, kardiovaskulärer Vorgeschichte, ausgewählten Biomarkern oder Subphänotypen.
Menschen mit Prädiabetes sollten frühzeitig zu einer praktikablen Lebensstiländerung motiviert werden, schloss der Referent. Ziel müsse die Normoglykämie sein, nicht allein eine Gewichtsabnahme. Bei Patientinnen und Patienten mit hohem Risiko kann nach Prof. Perakakis’ Einschätzung eine ergänzende Pharmakotherapie künftig an Bedeutung gewinnen.