Voneinander und aus Fehlern lernen

Beim DFS wird multiprofessionell und interdisziplinär zusammengearbeitet

Jahrestagung der AG Diabetischer Fuß
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In den Workshops konnte das Filzen zur Druckentlastung geübt und das Tenotomieren trainiert werden.

Die Teilnehmenden der Jahrestagung AG Diabetischer Fuß lernten voneinander – und aus „Pleiten, Pech und Pannen“. Zudem stellten werdende Orthopädie­schuh­macher*innen DDG im Rahmen ihrer Fortbildung Fälle vor.

Was waren die wichtigsten Impulse der Jahrestagung? Und was muss in der Therapie und Versorgung des Diabetischen Fußsyndroms (DFS) verbessert werden? Tagungspräsident Dr. Karl Zink, Oberarzt an der Diabetes Klinik Bad Mergentheim, und Dr. Michael Eckhard, Sprecher der AG Diabetischer Fuß der DDG, Chefarzt der GZW Diabetes-Klinik Bad Nauheim und Leiter des Universitären Diabeteszentrums Mittelhessen in Gießen, ziehen Bilanz.

Was ist der häufigste Irrtum in Ihrem Gebiet „Diabetes und Fuß“?

Dr. Karl Zink: Der häufigste Irrtum ist immer noch, dass Patienten und Behandler denken: Bei Diabetes heilen Wunden grundsätzlich schlecht. Mittlerweile ist gut untersucht, dass Wundheilungen nur dann durch die BZ-Stoffwechsellage beeinträchtig sind, wenn diese sehr schlecht reguliert ist. Insofern ist es gut, dass sich durchgesetzt hat, dass elektive Operationen bei Menschen mit Diabetes möglichst erst erfolgen, wenn die Blutzuckerwerte besser reguliert sind (HbA1c zumindest unter 8,5 %). Für das Diabetische Fußsyndrom ist aber das Problem oft, dass die wesentlichen Faktoren unberücksichtigt bleiben: Das ist die Druckentlastung und danach zu schauen, dass die Durchblutung ausreichend gut ist. 

Dr. Michael Eckhard: Ein Irrtum ist auch zu denken, das Diabetische Fußsyndrom sei nur eine Wunde am Fuß eines Menschen mit Diabetes. Das ist es nicht. Es ist ein eigenständiges Krankheitsbild mit ganz eigenen Mustern und Problemfeldern, die es unbedingt zu adressieren gilt. Deshalb bedarf es auch nicht nur einer Wundbehandlung.

Mit Blick auf die Jahrestagung: Was kommt Ihnen in den Sinn?

Dr. Karl Zink: Dieses Jahr hatten wir das erste Mal 60 Orthopädie-schuhmacher*innen dabei, welche die neue Weiterbildung Orthopädieschuhmacher*in DDGdurchlaufen haben und einen Fall aus ihrer täglichen Arbeit präsentiert haben. Demnächst bekommen alle ihre Ernennungsurkunde. Jetzt können wir unseren Patienten Orthopädieschuhmacher*innen nennen, von denen wir wissen, dass sie eine gute und fundierte Ausbildung genossen haben.

Die Tagung war sehr gut besucht. Wir hatten über 300 Teilnehmende vor Ort und 70 bis 80 im Online-Stream. Und in den ebenfalls gut besuchten praxisorientierten Workshops konnten Neueinsteiger z. B. lernen, wie man einen Gips anlegt, oder wurden an das Filzen zur Druckentlastung herangeführt. Diejenigen, die schon ein bisschen länger dabei sind, konnten an einem Dummy üben, zu tenotomieren, also die Beugesehne zu durchtrennen. 

Dr. Michael Eckhard: Es war eine tolle Atmosphäre und die Tagung hatte einen sehr familiären Charakter.Wir sind eine multiprofessionell und interdisziplinär zusammengesetzte AG. Der Austausch vor Ort, sich weiterzuentwickeln und voneinander zu lernen, ist das Allerwichtigste. Natürlich gab es sehr gute Vorträge, und es geht auch immer um die strukturelle Weiterentwicklung der Versorgung. Wir dürfen da nicht stehen bleiben! Wir zertifizieren seit über 22 Jahren Fußbehandlungszentren. Aber leider ist a) die Versorgung noch nicht flächendeckend und sind wir b) viel zu wenige. Das hat im Wesentlichen damit zu tun, dass es keine deutschlandweiten Vergütungsstrukturen gibt. Im stationären Bereich sowieso nicht, aber auch in vielen KVen ist die Versorgung bisher noch rein ideell, weil Angehörige verschiedenster Professionen sagen: Uns ist das wichtig, wir machen das. Aber die Nachhaltigkeit wird erst kommen, wenn wir die unbedingt nötigen Vergütungsstrukturen haben.

Für den stationären Bereich haben wir gerade beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte einen Antrag für eine Komplexpauschale Diabetischer Fuß eingereicht. Damit soll sich die Vorhaltung von Behandlungsstrukturen für eine schnelle und zeitnahe optimierte Versorgung auch tatsächlich in den Krankenhäusern wiederfinden. Das ist derzeit nicht so. Sie können mit ihrem diabetischen Fuß  in ein x-beliebiges Krankenhaus in Deutschland gehen. Irgendwas wird dort auch irgendwie behandelt und die Leistung wird abgerechnet, egal, ob eine spezialisierte Behandlungsstruktur für das DFS vorhanden ist oder nicht.

Was waren für Sie die wichtigsten Impulse der Tagung?

Dr. Karl Zink: Wir haben immer das Problem, dass wir Patienten haben, die keine Schmerzen empfinden, obwohl sie eine schwere Durchblutungsstörung haben. Da ist immer die Frage: Wann muss ich intervenieren und wann eher zuwarten? Dazu gab es eine engagierte Pro-Contra-Diskussion. Fazit: Es ist anscheinend doch besser, zuzuwarten und wirklich erst zu intervenieren, wenn tatsächlich ein Problem da ist, wenn also wieder eine Fußwunde aufgetreten ist. Trotzdem muss man natürlich immer den Einzelfall betrachten … Gut waren auch die vier Sessions zu „Pleiten, Pech und Pannen“, in denen wir Fälle vorgestellt haben, bei denen wir etwas übersehen haben, wo wir im Rückblick Fehler gemacht haben.

Dr. Michael Eckhard: Hinterher sind wir häufig schlauer, aber die Entscheidungen müssen wir prospektiv treffen. Dabei wird uns in Zukunft durchaus KI helfen können, aber die richtige Entscheidung für den individuellen Patienten vor Ort wird auch mit KI letztlich unsere Verantwortung bleiben. Nach den vielen positiven Rückmeldungen ist es eindeutig, dass wir die Session „Pleiten, Pech und Pannen“ regelmäßig anbieten und erweitern werden, sodass dann auch z. B. ein Orthopädieschuhmacher, eine Podologin, eine Wundassistentin einen Fall vorstellen. Wir wollen Fehler nicht verschweigen, sondern aus ihnen lernen.

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