DANK fordert für 2026 endlich die Präventionswende mit konkreten Maßnahmen
Deutschland muss bei der Prävention nichtübertragbarer Krankheiten dringend aufholen. Das zeigt eindrücklich der Public Health Index (PHI) 2025, den der AOK-Bundesverband und das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) erstmals vorgelegt haben. Bei dem europaweiten Ranking, das Deutschlands Stärken und Schwächen in der Präventionspolitik im europäischen Vergleich offenlegt und internationale Best-Practice-Ansätze aufzeigt, landet die Bundesrepublik auf dem vorletzten Platz.
Die Diskussion um gesundheitsorientierte Steuerinstrumente ist nicht neu, angesichts steigender Krankheitszahlen, vor allem im Bereich Diabetes und Adipositas, aber dringlicher denn je: Zu viele Menschen in Deutschland verhalten sich weiter ungesund. Sie essen zu viel Süßes, hören nicht auf zu rauchen, konsumieren zu viel Alkohol und sollten sich mehr bewegen. Das zeigt der neue Index, der die Hauptrisikofaktoren für chronische Krankheiten wie Krebs, Typ-2-Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den Fokus rückt: Tabak, Alkohol, Ernährung und Bewegung. Beim Vergleich der Präventionspolitik von 18 zentral- und nordeuropäischen Ländern belegt Deutschland lediglich den 17. Rang und bildet somit gemeinsam mit Österreich und der Schweiz eines der Schlusslichter.
Deutschland verliert in fast allen Bereichen
In drei von vier Bereichen – Tabak, Alkohol und Ernährung – schneidet die Bundesrepublik auffallend schlecht ab, bei der Bewegung zumindest mittelmäßig. Ausgerechnet bei „besonders wirksamen Bereichen“ klafften hierzulande „große Lücken“, was maßgeblich das „schwache Gesamtergebnis“ erkläre, so das internationale Forschungsteam. Gerade bei strukturellen Maßnahmen des Kinder- und Jugendschutzes lege die deutsche Gesundheitspolitik ein „wenig ambitioniertes“ Verhalten an den Tag, so das Team.
Das zeigt sich auch in puncto Ernährung, wo die Bundesrepublik ebenfalls auf den hintersten Rängen landet – neben Luxemburg, Österreich und der Schweiz. Keine der sechs untersuchten Maßnahmen (s. Tabelle), mit denen man gesundes Essen fördern könnte, wurde hierzulande flächendeckend umgesetzt. Weder existieren landesweit verbindliche Qualitätsstandards für Schulessen noch Vorgaben für Snack- und Getränkeangebote an Schulen. Überdies gibt es keine Abgabe auf stark gezuckerte Softdrinks und auch keine wirksamen Regelungen zum Kinderschutz in der Lebensmittelwerbung. Zum Vergleich: Das Vereinigte Königreich hat vier der sechs Maßnahmen eingeführt, darunter eine Abgabe für Softdrinks, die an den Zuckergehalt gekoppelt ist, sowie Mindeststandards für Schulverpflegung und sonstige Essensangebote an Schulen. Auch Finnland, Frankreich, Lettland und Polen unternehmen im Ernährungsbereich viel mehr, setzen jeweils drei der untersuchten Maßnahmen um und erreichten gute Werte. Studien zufolge seien vor allem verbindliche Standards für Schulessen und die Softdrink-Steuer besonders wirksam, während Einzelmaßnahmen immer begrenzt blieben. Nicht umsonst fordern Fachorganisationen einen umfassenden Maßnahmen-Mix, von dem Deutschland allerdings „noch weit entfernt“ sei.
Ernährungspolitik: Deutschland und Spitzenreiter Vereinigtes Königreich im Vergleich
Politikfelder | Deutschland | Vereinigtes Königreich |
Softdrink-Steuer | In Deutschland gibt es eine freiwillige Selbstverpflichtung der Hersteller, den Zuckeranteil in Softdrinks zu reduzieren, die sich als wenig wirksam erwiesen hat. | Im Vereinigten Königreich wurde 2018 eine nach dem Zuckergehalt gestaffelte Softdrink-Steuer eingeführt. |
Sonstige gesundheitsbezogene Lebensmittelsteuern | Es gibt keine Steuer auf verarbeitete Lebensmittel mit einem hohen Zucker-, Fett- und/oder Salzgehalt. | Es gibt keine Steuer auf verarbeitete Lebensmittel mit einem hohen Zucker-, Fett- und/oder Salzgehalt. |
Nährwertkennzeichnung | Der Nutri-Score auf der Verpackung bewertet Lebensmittel nach dem Ampelprinzip. | Großbritannien war das erste Land in Europa, das auf eine farbliche Kennzeichnung setzt. Die Verwendung des Labels UK Multi-Traffic Light ist nicht verbindlich. |
Beschränkung von an Kinder gerichteter Lebensmittelwerbung | Werbung für Lebensmittel mit einem hohen Gehalt an Fett, Zucker oder Salz darf mithilfe von Comicfiguren oder anderen Elementen direkt Kinder adressieren. | Für an Kinder gerichtete Werbung für Produkte mit hohem Zucker-, Salz- und Fettgehalt in Radio und Fernsehen gelten bereits seit 2007 verbindliche Beschränkungen. |
Qualitätsstandards für die Schulverpflegung | Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat Qualitätsstandards für die Schulverpflegung erstellt; diese sind aber nicht bundesweit verbindlich. Nur einzelne Bundesländer haben die Kriterien in ihr Regelwerk aufgenommen. | Es gibt verbindliche Regeln zum Kaloriengehalt und zu den zulässigen Lebensmittelgruppen in der Schulverpflegung. |
Qualitätsstandards für sonstige Essensangebotean Schulen | Es gibt keine einheitlichen verbindlichen Regelungen für das sonstige Essensangebotan Schulen wie z. B. Snack-Automaten. | Für sonstige Essensangebote an Schulen wie Snack-Automaten gelten Mindeststandards: Der Kaloriengehalt und die zulässigen Lebensmittelgruppen sind verbindlich geregelt. |
Die Briten zeigen, wie’s geht. In Sachen Ernährungspolitik haben sie europaweit die Nase vorn, u. a. durch die Softdrink-Steuer und verbindliche Werbebeschränkungen für an Kinder gerichtete Lebensmittelwerbung. Quelle: PHI 2025
Bei der Bewegungsförderung erfülle Deutschland zwar die formalen Kriterien, etwa durch nationale Bewegungsempfehlungen. „Eine umfassende Strategie zum Zufußgehen existiert erst seit 2025, beim Ausbau sicherer Wege entscheiden oft Länder oder Kommunen, sodass Aussagen dazu auf nationaler Ebene nicht möglich sind“, so das Forschungsteam. Damit landet Deutschland europaweit nur im Mittelfeld. Als Gründe dafür, dass die deutsche Präventionspolitik deutlich schlechter aufgestellt ist als in vielen anderen europäischen Ländern, zitieren die Autor*innen eine Lancet-Studie. Sie macht vor allem mangelnden politischen Willen, starken Lobbyeinfluss und eine zu geringe Nutzung wissenschaftlicher Evidenz verantwortlich, obwohl die Bevölkerung viele der wirksamsten Maßnahmen breit unterstütze.
DANK: 2026 muss das Jahr der Prävention werden!
Damit verspiele Deutschland sein Präventionspotenzial, vor allem bei den nichtübertragbaren Krankheiten, kommentiert Barbara Bitzer, Sprecherin des Wissenschaftsbündnisses DANK und DDG Geschäftsführerin, die Ergebnisse. Sie zeigten „eindrücklich, dass freiwillige Maßnahmen der Industrie und das mantraartige Wiederholen von Appellen an die Eigenverantwortung und Aufklärung allein gescheitert“ seien.
„2026 muss das Jahr der Prävention werden“, forderte Bitzer auch zur Grünen Woche in Berlin. Das Wissenschaftsbündnis unterstützt hierbei besonders den jüngsten Vorstoß der CDU in Schleswig-Holstein, eine Zuckersteuer auf Softdrinks einzuführen. Solche „wegweisenden parteiinternen Appelle würden „im politischen Berlin leider verhallen“, so die Expertin.