Diabetes betrifft Frauen anders als Männer
Die Medizin kennt Frauen nicht nur schlechter als Männer, Frauen werden auch anders behandelt. Und anders bedeutet nicht besser. Deshalb ist es nötig, genauer hinzuschauen und Missstände zu beheben.
Während einer Pressekonferenz des VDBD wurde intensiv auf einige Diabetes besonderheiten von Frauen eingegangen, die bisher oft zu wenig beachtet werden:
Hormone wie Östrogen und Progesteron beeinflussen, wie gut Insulin wirkt. So kann in der zweiten Zyklushälfte der Insulinbedarf um bis zu 15 % steigen. Doch moderne Pumpensysteme erfassen diese Schwankungen bislang kaum. „Viele Frauen leisten hier jeden Monat Feinarbeit an ihrer Therapie, indem sie manuell nachsteuern müssen“, sagte Professorin Dr. Susanne Reger-Tan, Direktorin der Klinik für Diabetologie und Endokrinologie am Herz- und Diabeteszentrum NRW und Mitglied im Kuratorium der VDBD AKADEMIE.
Das Polyendokrine Metabolische Ovarialsyndrom (PMOS, früher Polyzystisches Ovarsyndrom (PCOS)) zeigt, wie eng Hormone, Gewicht, Blutzucker und Herzgesundheit zusammenhängen. PMOS betrifft etwa jede achte Frau. Dennoch bleibt es bei vielen lange unerkannt. „Der neue Name macht sichtbar, dass es nicht nur um Eierstöcke geht, sondern dass es eine Multisystemerkrankung mit starken Stoffwechselveränderungen ist“, erklärte Prof. Reger-Tan.
In den Wechseljahren wird Diabetes für viele Frauen noch unberechenbarer. Rund zwei Drittel der Frauen mit Typ-1-Diabetes berichteten in einer Untersuchung nach der Menopause über instabilere Glukosewerte. Besonders tückisch: Schwitzen, Zittern und Herzklopfen können sich anfühlen wie eine Hitzewallung – oder wie eine Unterzuckerung. Dies kann dazu führen, dass eine Unterzuckerung übersehen wird.
Viele Frauen erleben, dass ihre Beschwerden nicht sofort ernst genommen werden. Fachleute sprechen von Medical Gaslighting. „Wenn Frauen später diagnostiziert oder weniger konsequent behandelt werden, ist das kein Einzelfallproblem“, sagt Theresia Schoppe, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des VDBD, Diabetes Zentrum Bad Mergentheim. „Es ist ein Versorgungsproblem.“ Diese Lücke ist messbar und bewirkt z. B., dass Frauen Medikamente zum Schutz von Herz und Nieren seltener als Männer erhalten und sie eine um 33 % geringere Chance haben, leitliniengerecht behandelt zu werden.
Pressekonferenz VDBD