Typ-2-Diabetes: Ernährungstherapie senkt HbA1c und Gesundheitskosten
Individualisierte Kost statt starrer Diätregeln: Eine medizinische Ernährungstherapie senkt bei Typ-2-Diabetes HbA1c, Insulinsensitivität und kardiometabolische Risiken – und senkt damit Kosten.
Wie sieht die moderne Ernährung bei Typ-2-Diabetes aus? Fest steht: Starre Makronährstoffvorgaben sind out. Angestrebt wird heute eine individualisierte Kost, am besten mediterran oder pflanzenbasiert mit vielen Ballaststoffen.
Jeder Mensch mit Diabetes mellitus Typ 2 oder Prädiabetes sollte eine individuelle medizinische Ernährungstherapie erhalten. Sie ist die Basis, auch wenn die Patientin oder der Patient medikamentös behandelt wird, betonte Prof. Dr. Katharina Timper vom Institut für Klinische Ernährungsmedizin der TU München. Ihre Aussage bezieht sich auf die „Standards of Care in Diabetes – 2026“ der American Diabetes Association (ADA), „die maßgeblichsten und umfassendsten Leitlinien für die Ernährungstherapie im Diabetesmanagement“, wie die Kollegin in ihrem Manuskript zum Vortrag schreibt.
Ernährungstherapie sollte Kassenleistung werden
Die Intervention durch eine spezialisierte Ernährungsberaterin bzw. einen -berater wirkt sich positiv auf die glykämische Kontrolle und die Insulinsensitivität aus und kann das HbA1c deutlich senken: beim Typ-1-Diabetes um 1–1,9 % und beim Typ-2-Diabetes um 0,3–2 %. Da sich in der Folge auch kardiometabolische Outcomeparameter bessern, reduzieren sich die Gesundheitskosten. Die medizinische Ernährungstherapie müsse daher eine Kassenleistung sein, forderte Prof. Timper.
Mehr als eine Prise Salz sparen
Die tägliche Natrium-Zufuhr sollte laut ADA 2,3 g/d nicht überschreiten, das entspricht etwa 5,8 g Kochsalz. Diese Grenze einzuhalten, ist gar nicht so einfach, auch wenn man auf Fertigprodukte verzichtet und selbst kocht. So entspricht z. B. ein gestrichener Teelöffel Salz schon 5 g, ein gestrichener Esslöffel 15 g. Würzt man mit einer Prise, schlagen etwa 0,04 g zu Buche und bei einer Messerspitze kann man von 0,25 g ausgehen.
Als überholt gilt, Diabeteskranken vorzugeben, wie viel Prozent Kohlenhydrate, Fett und Eiweiß sie täglich zu sich nehmen sollen. Viel relevanter ist, wie evidenzbasierte Ernährungsempfehlungen im Einzelfall umgesetzt werden können. Wie steht die/der Erkrankte dazu? Welche Vorlieben gibt es? Wie ist der kulturelle Kontext? Laut Prof. Timper müsse man in der Beratung pragmatisch vorgehen.
| Das Ernährungs-Einmaleins bei Diabetes | |
|---|---|
Zu bevorzugen sind: | Minimiert werden sollten: |
Gemüsesorten, die keine Stärke enthalten | zuckerhaltige Getränke |
Hülsenfrüchte | raffinierte Kohlenhydrate |
Vollkornprodukte | hoch verarbeitete Lebensmittel |
Nüsse und Samen | gesättigte Fette |
pflanzliche Proteine | rotes Fleisch |
ungesättigte Fette (z. B. Olivenöl) | |
Kaum ein Weg führt an der Empfehlung vorbei, sich ballaststoffreich zu ernähren. Immer mehr Studien bestätigen den Nutzen dieser Kostform. Nahrungsquellen wie Vollkornbrot, Gemüse und Hülsenfrüchte sollten laut ADA pro 1.000 kcal mind. 14 g ausmachen. Die Zufuhr an magerem, d. h. weitgehend pflanzenbasiertem Protein, wird – genauso wie bei Stoffwechselgesunden – mit 0,8–1,5 g/kg/d angegeben.
Low Carb für Schwangere nicht empfohlen
Als evidenzbasiert gelten die mediterrane Ernährung, die DASH*-Diät, die vegetarische bzw. pflanzenbasierte sowie die moderat kohlenhydratreduzierte Ernährung. Mit einer sehr kohlenhydratarmen bzw. ketogenen Diät kann man kurzfristig eine Senkung des HbA1c erzielen. Ob diese Ernährungsformen langfristig Vorteile bringen, ist jedoch unklar. Nicht zu empfehlen sind sie für Schwangere, bei chronischer Nierenerkrankung und Essstörungen. Unter SGLT2-Inhibitoren besteht zudem das Risiko, eine Ketoazidose zu entwickeln.
Intermittierendes Fasten und zeitlich eingeschränktes Essen gelten auch bei Diabeteskranken als sicher. Wird die Patientin/der Patient mit Insulin oder Sekretagoga behandelt, sind allerdings medizinische Kontrollen erforderlich.
Supplementierung nur beinachgewiesenem Mangel
Nicht ratsam erscheint die routinemäßige Supplementierung von Mikronährstoffen. Zwar kommen laut einem internationalen Konsensusbericht Defizite von Vitamin D, B12, Magnesium, Zink, Eisen und Folsäure bei Typ-2-Diabetes häufig vor und sind mit einer schlechteren glykämischen Kontrolle und einem erhöhten Risiko für Komplikationen assoziiert. Doch es gilt: Ohne nachgewiesenen Mangel keine Ersatztherapie, da sie negative Auswirkungen haben kann. So steigern z. B. erhöhte Spiegel von Betacarotin über eine paradoxe prooxidative Wirkung das kardiovaskuläre Risiko von Diabeteskranken.
* Dietary Approaches to Stop Hypertension