Neue Erkenntnisse zu Prävention und Therapie von Adipositas
Indikatorbakterien wie Parasutterella und Akkermansia könnten künftig als Biomarker für Therapieerfolge dienen. In aktuellen Studien wird außerdem geprüft, ob Darmmikrobiom-Interventionen Prädiabetes zurückdrängen können.
Seit gut zehn Jahren weiß man um den Stellenwert von Darmbakterien für die Gesundheit. „Mit ihrer Sequenzierung begann ein regelrechter Mikrobiom-Hype“, berichtete Professor Dr. Matthias Laudes, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Das Darmmikrobiom erlaubt nicht nur Rückschlüsse auf die Ernährung, sondern auch auf chronische Erkrankungen wie Adipositas, Typ-2-Diabetes, Atherosklerose oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED). „Es ist eine Art Sensor, der auf systemische Entzündungen hinweist“, erklärte der Diabetologe, seit 2024 auch Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft.
Die zentrale Frage, ob Entzündungsreaktionen im Darm systemische Entzündungen triggern können, wurde bereits 2012 in Mausexperimenten mit keimfreien Tieren beantwortet. Durch die Impfung mit bestimmten E.-coli-Stämmen oder Bakterien mit hoher Lipopolysaccharid(LPS)-Produktionnahm die Menge an weißem Fettgewebe zu – trotz identischer Ernährung. „Das war der Beweis dafür, dass mit einem bestimmten Bakterium im Darm Entzündungsreaktionen im Körper hervorgerufen werden können“, so Prof. Laudes.
Um diese Erkenntnisse auch in Humanstudien zu untermauern, bauten er und sein Team in Kiel mit der FoCus-Kohorte eine der weltweit größten bevölkerungsbasierten Studien zur metabolischen Entzündung auf. Über das Einwohnermeldeamt rekrutierte Proband*innen aller Altersklassen und Gesundheitszustände werden alle fünf Jahre nachuntersucht, um die Entwicklung von Erkrankungen mit metabolischen Parametern und Mikrobiom-Daten zu korrelieren.
Erfolgsprognose mithilfe von Mikrobiom-Signaturen
Mit der Kieler Interventionskohorte (KIK) widmen die Forschenden sich einer weiteren Herausforderung in der Adipositastherapie: „Wir können zwar stratifiziert behandeln, aber nicht vorhersagen, welche Menschen wie gut auf bestimmte Interventionen ansprechen“, erklärte Prof. Laudes. So gebe es bei der Therapie mit GLP1-Rezeptoragonisten bekanntlich etwa 10 % Non-Responder, die man aber bis dato nicht vorab identifizieren kann. Ziel der KIK ist es daher, anhand von Indikatorbakterien entsprechende Mikrobiom-Signaturen zu entwickeln, anhand derer eine möglichst passgenaue Therapie für die erfolgreiche Gewichtsreduktion ausgewählt werden kann.
Ausblick: Mikrobiom als Therapie-Baustein
Dabei gilt: „Was wir in Kiel finden, müssen wir anderswo validieren.“ Zum Vergleich wird daher eine ähnlich aufgebaute Kohorte in Kanada herangezogen. „Wenn in beiden Kohorten derselbe Effekt nachweisbar ist, gilt das Ergebnis als validiert“, erklärte Prof. Laudes. Als einen möglichen Biomarker haben die Forschenden mittlerweile das Darmbakterium Parasutterella identifiziert. Bei Menschen, in deren Darm es vermehrt vorkommt, verbesserten sich Entzündungsparameter im Verlauf einer Adipositastherapie weniger gut als bei anderen. „Das ist ein wichtiger Punkt, denn wir wollen das Gewicht ja reduzieren, um Gesundheit wiederherzustellen“, betonte er.
Das Bakterium Akkermansia muciniphila hingegen, das bei schlanken Menschen häufiger vorkommt, scheint die Darmbarriere zu stärken und metabolische Entzündungen zu reduzieren. Die Vision des Kieler Teams ist klar: „Wir glauben, dass wir das Mikrobiom diagnostisch und therapeutisch einsetzen können.“ Mit der CONCEPT-Studie (s. Kasten) will Prof. Laudes herausfinden, ob sich mithilfe einer Mikrobiom-Therapie als echte metabolische Intervention Prädiabetes zurückdrängen lässt. „Wir rekrutieren hierfür noch Menschen mit Prädiabetes, vermitteln Sie uns gern geeignete Patientinnen und Patienten!“