Nur gemeinsam stärker bei Prävention und Therapie
Die erste Initiative zur Einbindung von Apothekerinnen und Apothekern in die Versorgung von Menschen mit Diabetes entstand 1998 und wurde zwei Jahre später in die Kommission „Einbindung der Apotheker in die Diabetes-Versorgung“ (EADV) überführt. Seit 2019 trägt die gemeinsame Kommission der DDG und der Bundesapothekerkammer (BAK) den Namen „Apotheker in der Diabetologie (BAK/DDG)“.
Die Gründung der Kommission vor 25 Jahren war nach den Worten des Diabetologen Dr. Alexander Risse „ein revolutionärer Akt“. Es sei im medizinischen Milieu damals „eigentlich undenkbar“ gewesen, mit nichtärztlichem Personal zusammenzuarbeiten – und das, wie man heute sagen würde, „auf Augenhöhe“, um gleichzeitig zu „signalisieren, dass es ein Gefälle gab“. Aufgrund der „gegenseitigen Ressentiments“ sei die Gründung der Kommission „extrem hoch aufgehängt“ worden.
Zu wenig Erstverordnungen, zu geringe Adhärenz
Der im März ausgesprochenen Warnung von BDI, BNK und BVND vor der Verlagerung der internistischen Früherkennung in Apotheken begegnete Professor Martin Schulz, jetzt Universitätsklinikum Leipzig und lange u. a. Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK), mit wissenschaftlichen Daten, die zeigten, wie evident die pharmazeutische Betreuung von Menschen mit Diabetes und/oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Apotheken ist. Prof. Schulz stellte den Vorteil der niederschwelligen Erreichbarkeit von montags bis samstags heraus: Patient*innen suchen bis zu zehnmal häufiger eine Apotheke auf als eine Arztpraxis.
In Apotheken sehe man zudem Menschen, die keinen Hausarzt haben oder diesen nicht aufsuchen. Ein großes Problem sieht er in fehlenden Erstverordnungen: Zwischen 2020 und 2002 wurden die Daten von 32.170 in Diabeteszentren behandelten Personen mit einem sehr hohen kardiovaskulären Risiko analysiert. Nur 50 % von ihnen erhielten Statine; Ezetimib wurde weniger als 5 % der Betroffenen verordnet und PCSK9-Hemmer „praktisch gar nicht“. Es sei daher „nicht verwunderlich“, dass die LDL-Cholesterin-Zielwerte nur von 16 % der Personen mit Typ-2-Diabetes und hohem Risiko und von 12% derjenigen mit sehr hohem Risiko erreicht würden.
Dazu komme das Non-Adhärenz-Problem: „Es bleibt immer das Gleiche“, urteilte Prof. Schulz und machte insbesondere auf die primäre Non-Adhärenz aufmerksam: Etwa 10 bis 12 % der Erstverordnungen von kardiovaskulären Medikamenten würden nie in einer Apotheke eingelöst. Die Adhärenz zu oralen Antidiabetika liege gemäß einem 2024 durchgeführten systematischen Review mit Metaanalyse bei 55 %.
Mehr als genug Aufgaben für alle Beteiligten
Jasmin von Zezschwitz, Universität Kopenhagen, erläuterte, was möglich ist, wenn Apotheken in die Prävention einbezogen werden: „Wir wissen alle, Prävention wirkt umso besser, je früher sie einsetzt.“ Ein strukturiertes, teilnehmerzentriertes Präventionsprogramm sei in den Apotheken umsetzbar und hole Patient*innen dort ab, „wo sie gerade stehen“.
Aber auch das Ziel der Verminderung der Chronifizierung bei Neuerkrankungen und von Folgeschäden bei manifester Erkrankung kann nach Ansicht der Sprecherin der AG Prävention der DDG eine Aufgabe von Apotheken sein: Die gesundheitsökonomische Evaluation der GLICEMIA 2.0-Studie habe gezeigt, dass die komplexe Intervention eines in Apotheken erbrachten Präventionsprogramms bei einem HbA1c-Wert von über 7 % kosteneffektiv und pharmakoökonomisch sinnvoll sei.
Aufgrund der weltweit steigenden, „immer wieder unterschätzten“ Diabetesprävalenz sieht auch Dr. Sonja Mayer, Sprecherin des Wissenschaftlichen Instituts für Prävention im Gesundheitswesen der Bayerischen Landesapothekerkammer (WIPIG) und Mitglied der DDG Kommission, Prävention als Gemeinschaftsaufgabe an. Weder Arztpraxen noch Apotheken sollten Angst haben, sich gegenseitig etwas wegzunehmen: „Ich glaube, wir sind für die nächsten Jahre ganz gut ausgelastet.“
Mehr zur Kommission Apotheker in der Diabetologie (BAK/DDG): ddg.info/die-ddg/kommissionen/apotheker-in-der-diabetologie
Dank an zwei prägende Persönlichkeiten der Kommission Apotheker in der Diabetologie
Die beiden bisherigen Sprecher der Kommission Apotheker in der Diabetologie (BAK/DDG), Prof. Martin Schulz und Dr. Alexander Risse, wurden für ihr langjähriges Engagement geehrt. Dafür blickte BAK-Präsident Dr. Armin Hoffmann als Laudator zurück „auf ein gutes Vierteljahrhundert gelebte Kooperation“ – und er sprach seinen Dank aus an „zwei Persönlichkeiten, die diese Zusammenarbeit nicht nur begleitet, sondern geprägt haben“. In der Kooperation zwischen Apothekerinnen und Ärztinnen gehe es im Hinblick auf die Betreuung von Menschen mit Diabetes um „Rollen, die sich ergänzen“ und „Schnittstellen, die funktionieren“. Er hob hervor, dass es gut ist, wenn Berufsgruppen einander zuhören und voneinander lernen.
Was Prof. Schulz und Dr. Risse auszeichne, sei, dass beide „stets vom Patienten her gedacht“ und gleichzeitig strukturell gearbeitet hätten. Sie haben „Brücken gebaut zwischen Leitlinien und Alltag, zwischen Wissenschaft und Versorgung, zwischen Berufsgruppen, die manchmal viel zu selten miteinander sprechen, obwohl sie am selben Ziel arbeiten“. Fasse man alle Leistungen der beiden zusammen, gehe es im Kern um Struktur (verlässliche Vereinbarungen, Werkzeuge), um Kompetenz (Fortbildung, Qualifikation, evidenzbasierte Beratung) und Kultur, also Vertrauen zwischen den Heilberufen. Durch die Arbeit an allen drei Ebenen hätten Prof. Schulz und Dr. Risse Kooperation „nicht als Projekt, sondern als Haltung etabliert“. DDG Past Präsident Professor Dr. Andreas Fritsche bedankte sich im Namen der DDG für die Kontinuität und „ausgezeichnete Arbeit“ der scheidenden Kommissionssprecher.
Neue Sprecher der Kommission sind der niedergelassene Diabetologe Dr. Ralf-Uwe Häussler aus Berlin und Professor Dr. Stephan Scherneck vom Institut für Pharmakologie, Toxikologie und Klinische Pharmazie der TU Braunschweig. Auch Professor Dr. Helmut Schatz, Bochum, und Jutta Rewitzer, Furth im Wald, verlassen die Kommission. Neue Mitglieder sind der Diabetologe Dr. Carl Jerome Hormes, Berlin, und Dr. Sonja Mayer, Apothekerin aus Gröbenzell und Vizepräsidentin der Bayerischen Landesapothekerkammer.
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