Ohne Daten geht es nicht
Ohne Daten geht es nicht
Was genau machen eigentlich diabetologische Schwerpunktpraxen? Wie werden Frauen mit Gestationsdiabetes behandelt und wie steht es um die Nachsorge? Was lässt sich aus DMP lernen? Ohne Daten bleibt vieles nur Vermutung und persönliche Einschätzung – und genau deshalb engagieren sich die Mitglieder des Wissenschaftlichen Instituts der niedergelassenen Diabetologen in der Versorgungsforschung (winDiab).
Die im winDiab-Symposium vorgestellten Daten aus verschiedenen Bereichen der ambulanten Diabetologie geben nicht nur den Ist-Zustand wieder, sondern zeigen deutlich, wo noch Verbesserungsbedarf besteht. Der entscheidende Punkt: „Ohne Daten kann man nicht wissen, wo man steht“ – so fasste es Dr. Matthias Kaltheuner zusammen.
Der Diabetologe und geschäftsführender Gesellschafter bei winDiab stellte die Ergebnisse einer Befragung von 144 diabetologischen Schwerpunktpraxen (DSP) vor – und erlaubte so einen Blick in den „Maschinenraum“ der ambulanten Diabetologie. In den Praxen sind durchschnittlich 80 % der Patient*innen Menschen mit Diabetes, und man kümmert sich dort meist auch um Blutdruck, Blutfette und Folgeerkrankungen. Eine „Glukozentrik“ sei nicht erkennbar, so Dr. Kaltheuner. Dies deckt sich mit der Antwort auf die Frage, was die Überweiser von einer diabetologischen Schwerpunktpraxis erwarten – nämlich zu fast 60 % eine umfassende Behandlung.
Was ist los im Maschinenraum der Diabetologie?
Die Umfrageergebnisse machen deutlich, wie stark sich die Praxen unterscheiden. Das gilt etwa für die postpartale Testquote, aber auch für die Nutzung des Gesundheitspasses Dia-betes. Dr. Kaltheuner sieht darin vor allem eine Aufgabe der Teams: „Wenn man da sehr niedrig liegt, muss man an sich, also an der Praxis, arbeiten, nicht an den Patienten.“ Den Gesundheitspass nutzen auch 30 Jahre nach seiner Einführung rund 64 % der Praxen, und gut die Hälfte der Patient*innen bringt ihn in die Sprechstunde mit. „Die Akzeptanz, dass solch ein Instrument nach so vielen Jahren noch so gut genutzt wird, ist sagenhaft.“
Entwicklungspotenzial gibt es bei zusätzlichen Untersuchungen. Nur wenige Praxen führen selbst einen FibroScan durch, obwohl metabolische Lebererkrankungen bei Menschen mit Diabetes häufig vorkommen. Erfreulich ist, dass 95 % der DSP Leberparameter im Labor bestimmen lassen. Auch beim automatisierten Retina-Screening und bei der Schlaganfall- beziehungsweise Gefäßdiagnostik ist noch Luft nach oben. Insgesamt sieht Dr. Kaltheuner die Schwerpunktpraxen jedoch breit aufgestellt – und ermutigt sie, neue diagnostische und therapeutische Angebote zu nutzen.
Einblick ins DMP: Wie geht es älteren Menschen mit Typ-1-Diabetes?
Die Biologin und Gesundheitswissenschaftlerin Dr. Sabine Groos, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Evaluation und Qualitätssicherung am Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi), nahm die Versorgung älterer Menschen mit Typ-1-Diabetes genauer unter die Lupe. Dafür wertete sie Daten aus dem DMP Typ-1-Diabetes in Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2024 aus. In ihre Analyse flossen die Dokumentationen von rund 36.000 Patient*innen ab 50 Jahren ein, darunter mehr als 8.500 Menschen im Alter von mindestens 70 Jahren.
Neun von zehn älteren Menschen über 70 werden in DSP betreut. Ebenso viele nehmen regelmäßig am DMP teil – für Dr. Groos ein wichtiger Punkt. Bei 88 % der über 70-Jährigen lag der HbA1c-Wert bei höchstens 8,5 %. Schwere Unterzuckerungen und stationäre Notfallbehandlungen kamen nur selten vor.
Mit GestDiab Schwangere besser kennen und versorgen
GestDiab ist ein fortlaufendes Projekt von winDiab und das größte Register zu Diabetes in der Schwangerschaft in Deutschland. Seit 2004 werden darin Daten von schwangeren Frauen mit Gestationsdiabetes, Typ-1- und Typ-2-Diabetes erfasst und ausgewertet.
Die Ziele von GestDiab sind:
Aufbau einer Datenbasis zu Diabetes und Schwangerschaft
Verbesserung der Datenlage
Abgleich der Daten mit der Studienlage und den Leitlinien
Verbesserung der Versorgung durch Benchmarking
Die Teilnahme an GestDiab ist kostenfrei; einmal jährlich erhalten die Praxen eine detaillierte Auswertung und können ihre Ergebnisse mit denen anderer Zentren vergleichen. Weietere Informationen: www.windiab.de/gestdiab
Dr. Groos sprach sich dafür aus, auch zu erfassen, warum Menschen aus dem DMP ausscheiden. Zudem wird nicht abgefragt, welche Therapie durchgeführt wird. „Diese Angabe hätten wir so gerne. Aber wir sind schon froh, dass jetzt im DMP Typ-2-Diabetes erhoben wird, ob GLP1-RA und SGLT2-Hemmer genutzt werden.“
Die Zahl der zweijährlichen Netzhautkontrollen geht seit Jahren zurück. Sie empfiehlt deshalb, die DMP-Daten stärker zu nutzen, etwa, um Unterschiede nach Alter, Geschlecht oder Region sichtbar zu machen und die Versorgung gezielt weiterzuentwickeln.
Einen tieferen Einblick ermöglichen die DMP-Atlanten für Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, abrufbar unter zi-dmp.de/dmp-atlas_nrw und zi-dmp.de/dmp-atlas_bw.
GestDiab: Nur gemeinsam lässt sich etwas erreichen
Dr. Heinke Adamczewski, Diabetologin und Mitglied der GestDiab-Studiengruppe, stellte die nächsten Schritte des GestDiab-Follow-ups vor. Das Register GestDiab hat seit 2008 bis 2024 bereits knapp 70.000 Schwangerschaften erfasst.
Die Daten zeigen, wie groß die Herausforderungen sind: Rund 37 % der Frauen mit Gestationsdiabetes (GDM) sind adipös, bei Frauen mit Typ-2-Diabetes sogar 70 %. Die postpartale Screening-Quote wiederum liegt seit Jahren bei etwa 40 %. „Wir schaffen es einfach nicht, über die Jahre die postpartale Screening-Quote nennenswert zu erhöhen.“ Beim postpartalen Screening werden ca. 2,5 bis 5 % der teilnehmenden Frauen mit Typ-2-Diabetes diagnostiziert. Und eine Auswertung von GestDiNa_basic zeigt: Vier Jahre nach einem GDM entwickeln zwölfmal so viele Frauen Typ-2-Diabetes wie Frauen ohne GDM (7,2 % gegenüber 0,6 %). „Also Grund genug, sich intensiv um die Nachsorge zu kümmern.“
Das Follow-up soll nun eine verlässliche Langzeitbeobachtung ermöglichen und Argumente für weitere Verhandlungen mit Krankenkassen und Geldgebern liefern. Dafür wurden die digitalen GestDiab-Karteikarten um Erhebungen ein, zwei, drei und vier Jahre nach der Geburt ergänzt. Die eingegebenen Daten lassen sich mit den Angaben aus der Schwangerschaft verknüpfen. So kann das Projekt zeigen, wie sich Diabetes, Prädiabetes und Gewicht entwickeln und welche Faktoren den Verlauf beeinflussen und zur Prädiktion genutzt werden können. Besonders interessant für das GestDiab-Follow-up sind die vertraglich mit der AOK verbundenen diabetologischen Schwerpunktpraxen in Rheinland-Pfalz. Bisher beteiligen sich zwei dieser Praxen aktiv an der Dateneingabe.
GestDiab multilingual: damit alle Frauen verstehen können
Mittlerweile sind aus GestDiab heraus einige andere Projekte entstanden, z. B. GestDiab Multilingual, vorgestellt von winDiab-Mitarbeiterin Martina Gierse: Durch die Übersetzung u. a. der Studiendokumente sollen auch die Frauen im GestDiab-Register, deren Muttersprache nicht Deutsch ist (durchschnittlicher Anteil in den teilnehmenden Praxen: 36 %), informiert und mitgenommen werden.
Für die Übersetzung der GestDiab-Unterlagen wurde eine Kombination aus maschineller Übersetzung, maschineller Rückübersetzung und der Überprüfung durch Muttersprachler*innen gewählt. Dr. Serpil Karanfil, Dia-betologin aus Bonn und eine der unterstützenden Muttersprachler*innen, schildert, dass sie die Terminologie genau recherchiert und sich auch angeschaut hat, wie Fragebögen in der Türkei konzipiert sind. Im Praxisalltag schnell abrufbar sind die Dokumente unter www.windiab.de/gestdiab/formulare-mehrsprachig.
Bessere Nachsorge für einige Frauen in Rheinland-Pfalz
„Ich glaube, es ist schon eine Aufgabe von uns als Schwerpunktpraxen, sich um die Patientinnen zu kümmern, bei denen das Risiko eigentlich klar auf der Hand liegt“, sagte Dr. Dorothea Reichert, die in Landau in der Pfalz eine diabetologische Schwerpunktpraxis führt. In Rheinland-Pfalz ist man aktiv geworden und es ist gelungen, mit der AOK Rheinland-Pfalz einen Vertrag zur Betreuung und Schulung von Frauen während und nach Gestationsdiabetes in DSP zu schließen (Vertragsstart 2019) und so Nachsorge, Schulung und wissenschaftliche Auswertung miteinander zu verbinden. „Wir möchten gegebenenfalls die Manifestation eines Typ-2-Diabetes verhindern oder hinauszögern. Wir wissen alle nicht, ob wir das können, aber wir wollen es wenigstens versuchen“, so Dr. Reichert.
Sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt durchlaufen AOK-versicherte Frauen einen oralen Glukosetoleranztest sowie – und das ist entscheidend – eine Beratung, auch bei unauffälligem Befund. Wird ein Prädiabetes festgestellt, besteht Anspruch auf eine Gruppenschulung in acht Modulen. Weitere Tests sind nach einem oder zwei Jahren vorgesehen; die Nachsorge kann bis zu vier Jahre nach der Schwangerschaft erfolgen.
Inzwischen beteiligen sich 87 Schwerpunktpraxen an dem Programm. Die bisherigen Zahlen zeigen, dass ein relevanter Anteil der Frauen in Rheinland-Pfalz in diabetologischen Praxen betreut wird. Zugleich machte Dr. Reichert deutlich, dass die Datenlage noch erhebliche Lücken aufweist und die Möglichkeiten, die Krankenkassendaten auszuwerten, beschränkt sind – „wir haben ganz viel Luft nach oben“. Perspektivisch wünscht sie sich ein Nachsorgemodell ähnlich dem AOK-Modell in Rheinland-Pfalz für alle Frauen mit Gestationsdiabetes in Deutschland.
winDiab-Jahresbericht
Kürzlich ist der Jahresbericht 2026 von winDiab erschienen.
Diabetes Kongress 2026
Was genau machen eigentlich diabetologische Schwerpunktpraxen? Wie werden Frauen mit Gestationsdiabetes behandelt und wie steht es um die Nachsorge? Was lässt sich aus DMP lernen? Ohne Daten bleibt vieles nur Vermutung und persönliche Einschätzung – und genau deshalb engagieren sich die Mitglieder des Wissenschaftlichen Instituts der niedergelassenen Diabetologen in der Versorgungsforschung (winDiab).
Die im winDiab-Symposium vorgestellten Daten aus verschiedenen Bereichen der ambulanten Diabetologie geben nicht nur den Ist-Zustand wieder, sondern zeigen deutlich, wo noch Verbesserungsbedarf besteht. Der entscheidende Punkt: „Ohne Daten kann man nicht wissen, wo man steht“ – so fasste es Dr. Matthias Kaltheuner zusammen.
Der Diabetologe und geschäftsführender Gesellschafter bei winDiab stellte die Ergebnisse einer Befragung von 144 diabetologischen Schwerpunktpraxen (DSP) vor – und erlaubte so einen Blick in den „Maschinenraum“ der ambulanten Diabetologie. In den Praxen sind durchschnittlich 80 % der Patient*innen Menschen mit Diabetes, und man kümmert sich dort meist auch um Blutdruck, Blutfette und Folgeerkrankungen. Eine „Glukozentrik“ sei nicht erkennbar, so Dr. Kaltheuner. Dies deckt sich mit der Antwort auf die Frage, was die Überweiser von einer diabetologischen Schwerpunktpraxis erwarten – nämlich zu fast 60 % eine umfassende Behandlung.
Was ist los im Maschinenraum der Diabetologie?
Die Umfrageergebnisse machen deutlich, wie stark sich die Praxen unterscheiden. Das gilt etwa für die postpartale Testquote, aber auch für die Nutzung des Gesundheitspasses Dia-betes. Dr. Kaltheuner sieht darin vor allem eine Aufgabe der Teams: „Wenn man da sehr niedrig liegt, muss man an sich, also an der Praxis, arbeiten, nicht an den Patienten.“ Den Gesundheitspass nutzen auch 30 Jahre nach seiner Einführung rund 64 % der Praxen, und gut die Hälfte der Patient*innen bringt ihn in die Sprechstunde mit. „Die Akzeptanz, dass solch ein Instrument nach so vielen Jahren noch so gut genutzt wird, ist sagenhaft.“
Entwicklungspotenzial gibt es bei zusätzlichen Untersuchungen. Nur wenige Praxen führen selbst einen FibroScan durch, obwohl metabolische Lebererkrankungen bei Menschen mit Diabetes häufig vorkommen. Erfreulich ist, dass 95 % der DSP Leberparameter im Labor bestimmen lassen. Auch beim automatisierten Retina-Screening und bei der Schlaganfall- beziehungsweise Gefäßdiagnostik ist noch Luft nach oben. Insgesamt sieht Dr. Kaltheuner die Schwerpunktpraxen jedoch breit aufgestellt – und ermutigt sie, neue diagnostische und therapeutische Angebote zu nutzen.
Einblick ins DMP: Wie geht es älteren Menschen mit Typ-1-Diabetes?
Die Biologin und Gesundheitswissenschaftlerin Dr. Sabine Groos, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Evaluation und Qualitätssicherung am Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi), nahm die Versorgung älterer Menschen mit Typ-1-Diabetes genauer unter die Lupe. Dafür wertete sie Daten aus dem DMP Typ-1-Diabetes in Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2024 aus. In ihre Analyse flossen die Dokumentationen von rund 36.000 Patient*innen ab 50 Jahren ein, darunter mehr als 8.500 Menschen im Alter von mindestens 70 Jahren.
Neun von zehn älteren Menschen über 70 werden in DSP betreut. Ebenso viele nehmen regelmäßig am DMP teil – für Dr. Groos ein wichtiger Punkt. Bei 88 % der über 70-Jährigen lag der HbA1c-Wert bei höchstens 8,5 %. Schwere Unterzuckerungen und stationäre Notfallbehandlungen kamen nur selten vor.
Mit GestDiab Schwangere besser kennen und versorgen
GestDiab ist ein fortlaufendes Projekt von winDiab und das größte Register zu Diabetes in der Schwangerschaft in Deutschland. Seit 2004 werden darin Daten von schwangeren Frauen mit Gestationsdiabetes, Typ-1- und Typ-2-Diabetes erfasst und ausgewertet.
Die Ziele von GestDiab sind:
Aufbau einer Datenbasis zu Diabetes und Schwangerschaft
Verbesserung der Datenlage
Abgleich der Daten mit der Studienlage und den Leitlinien
Verbesserung der Versorgung durch Benchmarking
Die Teilnahme an GestDiab ist kostenfrei; einmal jährlich erhalten die Praxen eine detaillierte Auswertung und können ihre Ergebnisse mit denen anderer Zentren vergleichen. Weietere Informationen: www.windiab.de/gestdiab
Dr. Groos sprach sich dafür aus, auch zu erfassen, warum Menschen aus dem DMP ausscheiden. Zudem wird nicht abgefragt, welche Therapie durchgeführt wird. „Diese Angabe hätten wir so gerne. Aber wir sind schon froh, dass jetzt im DMP Typ-2-Diabetes erhoben wird, ob GLP1-RA und SGLT2-Hemmer genutzt werden.“
Die Zahl der zweijährlichen Netzhautkontrollen geht seit Jahren zurück. Sie empfiehlt deshalb, die DMP-Daten stärker zu nutzen, etwa, um Unterschiede nach Alter, Geschlecht oder Region sichtbar zu machen und die Versorgung gezielt weiterzuentwickeln.
Einen tieferen Einblick ermöglichen die DMP-Atlanten für Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, abrufbar unter zi-dmp.de/dmp-atlas_nrw und zi-dmp.de/dmp-atlas_bw.
GestDiab: Nur gemeinsam lässt sich etwas erreichen
Dr. Heinke Adamczewski, Diabetologin und Mitglied der GestDiab-Studiengruppe, stellte die nächsten Schritte des GestDiab-Follow-ups vor. Das Register GestDiab hat seit 2008 bis 2024 bereits knapp 70.000 Schwangerschaften erfasst.
Die Daten zeigen, wie groß die Herausforderungen sind: Rund 37 % der Frauen mit Gestationsdiabetes (GDM) sind adipös, bei Frauen mit Typ-2-Diabetes sogar 70 %. Die postpartale Screening-Quote wiederum liegt seit Jahren bei etwa 40 %. „Wir schaffen es einfach nicht, über die Jahre die postpartale Screening-Quote nennenswert zu erhöhen.“ Beim postpartalen Screening werden ca. 2,5 bis 5 % der teilnehmenden Frauen mit Typ-2-Diabetes diagnostiziert. Und eine Auswertung von GestDiNa_basic zeigt: Vier Jahre nach einem GDM entwickeln zwölfmal so viele Frauen Typ-2-Diabetes wie Frauen ohne GDM (7,2 % gegenüber 0,6 %). „Also Grund genug, sich intensiv um die Nachsorge zu kümmern.“
Das Follow-up soll nun eine verlässliche Langzeitbeobachtung ermöglichen und Argumente für weitere Verhandlungen mit Krankenkassen und Geldgebern liefern. Dafür wurden die digitalen GestDiab-Karteikarten um Erhebungen ein, zwei, drei und vier Jahre nach der Geburt ergänzt. Die eingegebenen Daten lassen sich mit den Angaben aus der Schwangerschaft verknüpfen. So kann das Projekt zeigen, wie sich Diabetes, Prädiabetes und Gewicht entwickeln und welche Faktoren den Verlauf beeinflussen und zur Prädiktion genutzt werden können. Besonders interessant für das GestDiab-Follow-up sind die vertraglich mit der AOK verbundenen diabetologischen Schwerpunktpraxen in Rheinland-Pfalz. Bisher beteiligen sich zwei dieser Praxen aktiv an der Dateneingabe.
GestDiab multilingual: damit alle Frauen verstehen können
Mittlerweile sind aus GestDiab heraus einige andere Projekte entstanden, z. B. GestDiab Multilingual, vorgestellt von winDiab-Mitarbeiterin Martina Gierse: Durch die Übersetzung u. a. der Studiendokumente sollen auch die Frauen im GestDiab-Register, deren Muttersprache nicht Deutsch ist (durchschnittlicher Anteil in den teilnehmenden Praxen: 36 %), informiert und mitgenommen werden.
Für die Übersetzung der GestDiab-Unterlagen wurde eine Kombination aus maschineller Übersetzung, maschineller Rückübersetzung und der Überprüfung durch Muttersprachler*innen gewählt. Dr. Serpil Karanfil, Dia-betologin aus Bonn und eine der unterstützenden Muttersprachler*innen, schildert, dass sie die Terminologie genau recherchiert und sich auch angeschaut hat, wie Fragebögen in der Türkei konzipiert sind. Im Praxisalltag schnell abrufbar sind die Dokumente unter www.windiab.de/gestdiab/formulare-mehrsprachig.
Bessere Nachsorge für einige Frauen in Rheinland-Pfalz
„Ich glaube, es ist schon eine Aufgabe von uns als Schwerpunktpraxen, sich um die Patientinnen zu kümmern, bei denen das Risiko eigentlich klar auf der Hand liegt“, sagte Dr. Dorothea Reichert, die in Landau in der Pfalz eine diabetologische Schwerpunktpraxis führt. In Rheinland-Pfalz ist man aktiv geworden und es ist gelungen, mit der AOK Rheinland-Pfalz einen Vertrag zur Betreuung und Schulung von Frauen während und nach Gestationsdiabetes in DSP zu schließen (Vertragsstart 2019) und so Nachsorge, Schulung und wissenschaftliche Auswertung miteinander zu verbinden. „Wir möchten gegebenenfalls die Manifestation eines Typ-2-Diabetes verhindern oder hinauszögern. Wir wissen alle nicht, ob wir das können, aber wir wollen es wenigstens versuchen“, so Dr. Reichert.
Sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt durchlaufen AOK-versicherte Frauen einen oralen Glukosetoleranztest sowie – und das ist entscheidend – eine Beratung, auch bei unauffälligem Befund. Wird ein Prädiabetes festgestellt, besteht Anspruch auf eine Gruppenschulung in acht Modulen. Weitere Tests sind nach einem oder zwei Jahren vorgesehen; die Nachsorge kann bis zu vier Jahre nach der Schwangerschaft erfolgen.
Inzwischen beteiligen sich 87 Schwerpunktpraxen an dem Programm. Die bisherigen Zahlen zeigen, dass ein relevanter Anteil der Frauen in Rheinland-Pfalz in diabetologischen Praxen betreut wird. Zugleich machte Dr. Reichert deutlich, dass die Datenlage noch erhebliche Lücken aufweist und die Möglichkeiten, die Krankenkassendaten auszuwerten, beschränkt sind – „wir haben ganz viel Luft nach oben“. Perspektivisch wünscht sie sich ein Nachsorgemodell ähnlich dem AOK-Modell in Rheinland-Pfalz für alle Frauen mit Gestationsdiabetes in Deutschland.
winDiab-Jahresbericht
Kürzlich ist der Jahresbericht 2026 von winDiab erschienen.
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